Johann Grafeneder

Zwischen zwei Haltestellen

 Zwischen zwei Haltestellen

Er sah sie zum ersten Mal an einem Dienstag. Nicht weil sie besonders auffiel – sondern weil sie nicht auffallen wollte. Sie saß in der Straßenbahn, ein Buch auf den Knien, die Finger still, als würden sie zuhören, nicht lesen.

Er stieg ein, setzte sich schräg gegenüber, und sagte nichts. Aber etwas in ihm wurde leiser. Nicht aus Schüchternheit – aus Respekt.

Sie bemerkte ihn nicht. Oder tat so. Aber als sie ausstieg, blieb ihr Blick einen Moment zu lang an seinem hängen. Nicht neugierig. Nur offen. Wie ein Fenster, das man kurz kippt, weil die Luft zu still geworden ist.

Am Donnerstag saß sie wieder dort. Dieselbe Zeit. Derselbe Sitz. Diesmal ohne Buch. Nur mit einem Zettel in der Hand. Darauf stand: „Wenn du wieder da bist, nicke.“

Er nickte. Nicht zu schnell. Nicht zu zögerlich. Einfach so, als hätte er es schon immer gewusst.

Sie sprachen erst am dritten Tag. Nicht viel. Nur: „Ich heiße Livia.“ Und: „Ich heiße Jan.“ Dann schwiegen sie wieder. Aber das Schweigen war anders. Es war nicht leer. Es war voll von allem, was man nicht sagen muss, wenn man sich erkennt.

Sie trafen sich jeden Tag. Immer nur zwischen zwei Haltestellen. Nie länger. Nie kürzer. Aber irgendwann fuhr nicht mehr die Bahn – sondern das, was zwischen ihnen war: eine Nähe, die keine Richtung brauchte.

Und als sie eines Tages nicht kam, blieb er sitzen. Eine Runde. Zwei. Drei. Dann stieg er aus. Nicht, weil er aufgab. Sondern weil er wusste: Wer sich wirklich begegnet, muss sich nicht suchen. Nur offen bleiben – wie ein Fenster an einem Dienstag.


 


 Haltestelle ohne Namen

Ein Monat war vergangen. Die Straßenbahn fuhr wie immer. Menschen kamen, gingen, aber keiner setzte sich auf den Platz gegenüber.

Jan stieg ein, nicht aus Gewohnheit, sondern aus Hoffnung, die sich nicht laut machte.

Am Fenster lag ein Zettel. Nicht auf seinem Platz – auf ihrem. Er nahm ihn nicht sofort. Er wartete, bis die Bahn sich bewegte. Dann las er:

„Ich bin nicht weg. Ich bin nur woanders. Wenn du mich wieder findest, nicke nicht. Lächle.“

Er faltete den Zettel, legte ihn in seine Jackentasche, und sah hinaus. Der Regen fiel. Nicht laut. Aber regelmäßig. Wie ein Tropfen, der nicht fragt, ob er gehört wird.
 

 Haltestelle im Regen

Es war wieder Dienstag. Nicht derselbe – aber einer, der sich so anfühlte. Jan stieg ein, nicht aus Hoffnung, sondern aus Gewohnheit, die sich wie Treue anfühlte.

Der Platz gegenüber war leer. Aber das Fenster war beschlagen. Und auf dem Glas war ein Fingerabdruck – halb verwischt, halb geblieben. Wie ein Gruß, der nicht laut sein wollte.

Er setzte sich. Nicht gegenüber – sondern genau dort. Wo sie immer saß. Er sah hinaus, aber der Regen war dichter als sonst. Die Stadt war da, aber nicht sichtbar. Wie ein Gefühl, das man kennt, aber nicht benennen kann.

In seiner Jackentasche war noch der Zettel. Er faltete ihn auf, nicht um ihn zu lesen, sondern um ihn zu halten. Er war weich geworden – wie etwas, das oft berührt wurde, aber nie zerknittert.

Die Bahn hielt. Ein Mädchen stieg ein. Sie trug kein Buch, keinen Zettel, keinen Blick. Aber sie setzte sich auf den Platz gegenüber. Und sah nicht weg.

Jan lächelte. Nicht, weil er etwas erkannte. Sondern weil er bereit war, nicht zu suchen. Nur zu sehen.

Der Regen fiel. Nicht laut. Aber regelmäßig. Wie ein Tropfen, der nicht fragt, ob er gehört wird – nur, ob er bleibt.
 

 Haltestelle ohne Richtung

Jan fuhr weiter. Nicht jeden Tag. Aber oft genug, dass die Bahn ihn kannte. Nicht beim Namen – aber am Blick.

Er saß nicht mehr auf ihrem Platz. Nicht aus Trauer. Aus Respekt. Der Fingerabdruck war verschwunden. Aber manchmal, wenn das Licht richtig fiel, sah er ihn wieder – nicht auf dem Glas, sondern in sich.

Ein Mann stieg ein. Setzte sich neben ihn. Sag nichts. Tat nichts. Aber roch nach Minztee. Jan lächelte. Nicht, weil er etwas verstand. Sondern weil er etwas erinnerte.

Die Bahn hielt. Der Mann stieg aus. Jan blieb sitzen. Nicht, weil er wartete. Sondern weil er wusste: Richtung ist nicht das Ziel. Nur Bewegung. Nur Fahrt.
 

 Kapitel V: Haltestelle mit Blick

Livia war nie weit weg. Nicht in Kilometern. In Gedanken. Sie fuhr nicht mehr Bahn. Sie ging zu Fuß. Langsam. Nicht, weil sie Zeit hatte. Sondern weil sie Raum brauchte.

An einem Fenster in einem Café sah sie eine Bahn vorbeifahren. Sie sah nicht hinein. Aber sie wusste: Er könnte da sitzen. Oder nicht. Und beides war schön.

Sie schrieb keinen neuen Zettel. Aber sie trug den alten in ihrer Jacke. Nicht als Erinnerung. Als Möglichkeit.

Ein Mädchen stieg aus. Setzte sich ins Café. Trank Tee. Lächelte. Livia sah sie an und dachte: Vielleicht ist Liebe nicht das, was bleibt – sondern das, was weitergeht.
 

  Haltestelle ohne Richtung

Jan fuhr weiter. Nicht, um anzukommen. Nur, um zu bleiben – in Bewegung. Die Bahn war leer, aber nicht still. Sie kannte ihn. Nicht beim Namen. Aber am Blick.

Er setzte sich nicht. Er stand. Am Fenster. Dort, wo der Fingerabdruck einmal war. Er sah ihn nicht. Aber er fühlte ihn. Nicht auf dem Glas. Sondern in sich.

Ein Mann stieg ein. Neben ihn. Ohne Wort. Ohne Geste. Aber roch nach Minztee. Jan lächelte. Nicht, weil er etwas verstand. Sondern weil er etwas erinnerte.

Die Bahn hielt. Der Mann stieg aus. Jan blieb. Nicht, weil er wartete. Sondern weil er wusste: Richtung ist ein Wort. Fahrt ist ein Zustand.

 Haltestelle im Nebel

Livia ging weiter. Nicht schnell. Nicht langsam. Einfach so, wie man geht, wenn man nicht weiß, ob man gesucht wird – aber gefunden werden darf.

Der Nebel war dicht. Die Stadt war da, aber nicht sichtbar. Sie sah eine Bahn vorbeifahren. Nicht die Linie. Nicht die Nummer. Nur das Licht, das sich kurz im Fenster spiegelte.

Sie blieb stehen. Nicht aus Sehnsucht. Aus Möglichkeit. In ihrer Jacke war noch der Zettel. Er war weich geworden. Wie etwas, das oft berührt wurde, aber nie zerknittert.

Ein Mädchen kam vorbei. Trug Kopfhörer. Lächelte. Nicht ihr. Aber der Welt. Livia lächelte zurück. Nicht, weil sie etwas erkannte. Sondern weil sie bereit war, nicht zu suchen. Nur zu sehen.

 Haltestelle im Licht

Die Bahn fährt. Nicht schneller. Nicht langsamer. Aber sie fährt. Wie ein Gedanke, der nicht endet – nur weiterzieht.

Jan sitzt nicht mehr. Livia geht nicht mehr. Sie sind nicht dort, wo sie waren. Aber sie sind da, wo sie sich erinnern.

Ein Fenster ist offen. Nicht weit. Nur einen Spalt. Genug für einen Tropfen. Genug für ein Lächeln. Genug für ein Vielleicht.

Jemand steigt ein. Jemand steigt aus. Ein Blick bleibt. Ein Zettel liegt. Ein Fingerabdruck verschwindet. Ein Duft bleibt hängen.

Und irgendwo, zwischen zwei Haltestellen, zwischen einem Dienstag und einem Gedanken, atmet die Liebe – nicht laut, nicht leise, nur da.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.11.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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