Zwischen zwei Haltestellen
Er sah sie zum ersten Mal an
einem Dienstag. Nicht weil sie besonders auffiel – sondern weil sie nicht
auffallen wollte. Sie saß in der Straßenbahn, ein Buch auf den
Knien, die Finger still, als würden sie zuhören, nicht lesen.
Er stieg ein, setzte sich schräg gegenüber, und sagte nichts.
Aber etwas in ihm wurde leiser. Nicht aus Schüchternheit – aus
Respekt.
Sie bemerkte ihn nicht. Oder tat so. Aber als sie
ausstieg, blieb ihr Blick einen Moment zu lang an seinem hängen. Nicht
neugierig. Nur offen. Wie ein Fenster, das man kurz kippt, weil die Luft zu
still geworden ist.
Am Donnerstag saß sie wieder dort.
Dieselbe Zeit. Derselbe Sitz. Diesmal ohne Buch. Nur mit einem Zettel in der
Hand. Darauf stand: „Wenn du wieder da bist, nicke.“
Er
nickte. Nicht zu schnell. Nicht zu zögerlich. Einfach so, als hätte er
es schon immer gewusst.
Sie sprachen erst am dritten Tag. Nicht
viel. Nur: „Ich heiße Livia.“ Und: „Ich heiße
Jan.“ Dann schwiegen sie wieder. Aber das Schweigen war anders. Es war
nicht leer. Es war voll von allem, was man nicht sagen muss, wenn man sich
erkennt.
Sie trafen sich jeden Tag. Immer nur zwischen zwei
Haltestellen. Nie länger. Nie kürzer. Aber irgendwann fuhr nicht mehr
die Bahn – sondern das, was zwischen ihnen war: eine Nähe, die keine
Richtung brauchte.
Und als sie eines Tages nicht kam, blieb er
sitzen. Eine Runde. Zwei. Drei. Dann stieg er aus. Nicht, weil er aufgab.
Sondern weil er wusste: Wer sich wirklich begegnet, muss sich nicht suchen. Nur
offen bleiben – wie ein Fenster an einem Dienstag.
Haltestelle ohne Namen
Ein Monat war vergangen. Die Straßenbahn fuhr wie immer. Menschen kamen,
gingen, aber keiner setzte sich auf den Platz gegenüber.
Jan
stieg ein, nicht aus Gewohnheit, sondern aus Hoffnung, die sich nicht laut
machte.
Am Fenster lag ein Zettel. Nicht auf seinem Platz –
auf ihrem. Er nahm ihn nicht sofort. Er wartete, bis die Bahn sich bewegte. Dann
las er:
„Ich bin nicht weg. Ich bin nur woanders. Wenn du
mich wieder findest, nicke nicht. Lächle.“
Er faltete
den Zettel, legte ihn in seine Jackentasche, und sah hinaus. Der Regen fiel.
Nicht laut. Aber regelmäßig. Wie ein Tropfen, der nicht fragt, ob er
gehört wird.
Haltestelle im Regen
Es war wieder Dienstag. Nicht derselbe – aber einer, der sich so
anfühlte. Jan stieg ein, nicht aus Hoffnung, sondern aus Gewohnheit, die
sich wie Treue anfühlte.
Der Platz gegenüber war leer.
Aber das Fenster war beschlagen. Und auf dem Glas war ein Fingerabdruck –
halb verwischt, halb geblieben. Wie ein Gruß, der nicht laut sein wollte.
Er setzte sich. Nicht gegenüber – sondern genau dort.
Wo sie immer saß. Er sah hinaus, aber der Regen war dichter als sonst. Die
Stadt war da, aber nicht sichtbar. Wie ein Gefühl, das man kennt, aber
nicht benennen kann.
In seiner Jackentasche war noch der Zettel. Er
faltete ihn auf, nicht um ihn zu lesen, sondern um ihn zu halten. Er war weich
geworden – wie etwas, das oft berührt wurde, aber nie zerknittert.
Die Bahn hielt. Ein Mädchen stieg ein. Sie trug kein Buch, keinen
Zettel, keinen Blick. Aber sie setzte sich auf den Platz gegenüber. Und sah
nicht weg.
Jan lächelte. Nicht, weil er etwas erkannte.
Sondern weil er bereit war, nicht zu suchen. Nur zu sehen.
Der
Regen fiel. Nicht laut. Aber regelmäßig. Wie ein Tropfen, der nicht
fragt, ob er gehört wird – nur, ob er bleibt.
Haltestelle ohne Richtung
Jan fuhr weiter. Nicht jeden
Tag. Aber oft genug, dass die Bahn ihn kannte. Nicht beim Namen – aber am
Blick.
Er saß nicht mehr auf ihrem Platz. Nicht aus Trauer.
Aus Respekt. Der Fingerabdruck war verschwunden. Aber manchmal, wenn das Licht
richtig fiel, sah er ihn wieder – nicht auf dem Glas, sondern in sich.
Ein Mann stieg ein. Setzte sich neben ihn. Sag nichts. Tat nichts.
Aber roch nach Minztee. Jan lächelte. Nicht, weil er etwas verstand.
Sondern weil er etwas erinnerte.
Die Bahn hielt. Der Mann stieg
aus. Jan blieb sitzen. Nicht, weil er wartete. Sondern weil er wusste: Richtung
ist nicht das Ziel. Nur Bewegung. Nur Fahrt.
Kapitel V: Haltestelle mit Blick
Livia war nie weit weg.
Nicht in Kilometern. In Gedanken. Sie fuhr nicht mehr Bahn. Sie ging zu
Fuß. Langsam. Nicht, weil sie Zeit hatte. Sondern weil sie Raum brauchte.
An einem Fenster in einem Café sah sie eine Bahn
vorbeifahren. Sie sah nicht hinein. Aber sie wusste: Er könnte da sitzen.
Oder nicht. Und beides war schön.
Sie schrieb keinen neuen
Zettel. Aber sie trug den alten in ihrer Jacke. Nicht als Erinnerung. Als
Möglichkeit.
Ein Mädchen stieg aus. Setzte sich ins
Café. Trank Tee. Lächelte. Livia sah sie an und dachte: Vielleicht
ist Liebe nicht das, was bleibt – sondern das, was weitergeht.
Haltestelle ohne Richtung
Jan fuhr
weiter. Nicht, um anzukommen. Nur, um zu bleiben – in Bewegung. Die Bahn
war leer, aber nicht still. Sie kannte ihn. Nicht beim Namen. Aber am Blick.
Er setzte sich nicht. Er stand. Am Fenster. Dort, wo der Fingerabdruck
einmal war. Er sah ihn nicht. Aber er fühlte ihn. Nicht auf dem Glas.
Sondern in sich.
Ein Mann stieg ein. Neben ihn. Ohne Wort. Ohne
Geste. Aber roch nach Minztee. Jan lächelte. Nicht, weil er etwas verstand.
Sondern weil er etwas erinnerte.
Die Bahn hielt. Der Mann stieg
aus. Jan blieb. Nicht, weil er wartete. Sondern weil er wusste: Richtung ist ein
Wort. Fahrt ist ein Zustand.
Haltestelle im Nebel
Livia ging weiter. Nicht schnell. Nicht langsam. Einfach so, wie man geht,
wenn man nicht weiß, ob man gesucht wird – aber gefunden werden
darf.
Der Nebel war dicht. Die Stadt war da, aber nicht sichtbar.
Sie sah eine Bahn vorbeifahren. Nicht die Linie. Nicht die Nummer. Nur das
Licht, das sich kurz im Fenster spiegelte.
Sie blieb stehen. Nicht
aus Sehnsucht. Aus Möglichkeit. In ihrer Jacke war noch der Zettel. Er war
weich geworden. Wie etwas, das oft berührt wurde, aber nie zerknittert.
Ein Mädchen kam vorbei. Trug Kopfhörer. Lächelte. Nicht
ihr. Aber der Welt. Livia lächelte zurück. Nicht, weil sie etwas
erkannte. Sondern weil sie bereit war, nicht zu suchen. Nur zu sehen.
Haltestelle im Licht
Die Bahn fährt. Nicht schneller.
Nicht langsamer. Aber sie fährt. Wie ein Gedanke, der nicht endet –
nur weiterzieht.
Jan sitzt nicht mehr. Livia geht nicht mehr. Sie
sind nicht dort, wo sie waren. Aber sie sind da, wo sie sich erinnern.
Ein Fenster ist offen. Nicht weit. Nur einen Spalt. Genug für einen
Tropfen. Genug für ein Lächeln. Genug für ein Vielleicht.
Jemand steigt ein. Jemand steigt aus. Ein Blick bleibt. Ein Zettel liegt.
Ein Fingerabdruck verschwindet. Ein Duft bleibt hängen.
Und
irgendwo, zwischen zwei Haltestellen, zwischen einem Dienstag und einem
Gedanken, atmet die Liebe – nicht laut, nicht leise, nur da.
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Johann Grafeneder).
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.11.2025.
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