In meiner Stadt lässt es sich gut leben, keine Frage. Ich bin dankbar
dafür, dass ich dort und nicht woanders zu Hause bin. Vieles ist dort
richtig gut, vom kulturellen Angebot, das sich wirklich sehen lassen kann,
über die vielfältigen Möglichkeiten, das Umland mit dem Fahrrad
zu erkunden, bis hin einer Müllabfuhr, die sogar den kostenlosen
Abtransport von Sperrmüll einschließt. Es gibt aber auch Dinge, die
mir in meiner Stadt überhaupt nicht mehr gefallen. Und dazu gehört
nicht zuletzt das Angebot an öffentlichen Toiletten, das inzwischen mit Fug
und Recht als prekär bezeichnet werden darf, wenn nicht sogar als
weitgehend inexistent.
Der städtische Toilettenplan, den
jedermann im Internet einsehen kann, wies im Juni 2013 noch achtzehn solcher
Anlagen aus. Obwohl man davon ausgehen darf, dass eine Stadt mit
dreihunderttausend Einwohnern und jährlich achthunderttausend Touristen
damit alles andere als überversorgt ist, nahm deren Zahl in der
darauffolgenden Zeit aber nicht zu, sondern ab. Im Oktober 2024 erfolgte
schließlich der Totalabsturz, auf einmal gab es im gesamten Stadtgebiet
nur noch vier.
Was war geschehen? Nun, man könnte sagen, die
Ursache war Marktversagen. Das Unternehmen, von dem die öffentlichen
Toiletten bis dahin betrieben worden waren, hatte die Segel gestrichen. Sein
Management war zu dem Schluss gekommen, dass man den Menschen, die in meiner
Stadt leben oder sie besuchen, für die Entsorgung ihrer biologischen
Hinterlassenschaften nicht so viel Geld aus dem Kreuz leiern kann, dass sich der
ganze Aufwand wirklich lohnt. Oder um es betriebswirtschaftlich korrekt
auszudrücken: Der Pinkelprofit war ausgeblieben, das Geschäftsmodell
hatte verkackt und das Unternehmen hatte sich verpisst.
Doch was
nützt es, sich über die kapitalistische Marktwirtschaft zu beklagen?
Wirtschaftsunternehmen sind nun einmal Wirtschaftsunternehmen, würde sie
anders als wirtschaftlich handeln, wären es keine Wirtschaftsunternehmen
mehr. Städte sind aber keine Wirtschaftsunternehmen, sondern Städte.
Und so hätte meine Stadt nun durchaus in eigener Regie für allgemein
zugängliche Pinkelbecken und Klokabinen sorgen können. Doch das tat
sie nicht. Warum nicht? Das ist unklar. Einige vermuten, dass sie es nur deshalb
nicht tat, weil es zu einfach gewesen wäre.
Stattdessen
entstand im Rathaus ein pinkelpolitischer Masterplan, der einer modern
geführten Smart City würdig sein sollte. Weil die für die
Entwicklung des Masterplans zuständigen Masterminds nichts dem Zufall
überlassen wollten, entschieden sie sich für eine zweigleisige
Vorgehensweise. Das Konzept „Nette Toilette“ sollte die aktuelle
Notdurft-Krise zumindest notdürftig entschärfen. Und gleichzeitig
sollte eine von der Stadt engagierte Beratungsgesellschaft – zumindest
nach deren eigener Überzeugung ein bundesweit renommiertes
„Kompetenzzentrum für intelligente Mobilität“ –
einer umfassenden und abschließenden Entschärfung der Problematik den
Weg bereiten.
Das Konzept „Nette Toilette“ zielt darauf
ab, Restaurants, Gaststätten und andere Geschäfte dazu zu bewegen,
ihre sanitären Anlagen gegen einen monatlichen Betriebskostenzuschuss von
etwa einhundert Euro auch Nicht-Kunden zur Verfügung zu stellen. Obwohl ein
solches Angebot Gastronomen, die für einen Flammkuchen und ein Bier ohne
rot zu werden zwanzig Euro berechnen, wohl nur bedingt beeindrucken kann,
erklärten sich schon bald eine Kneipe, zwei Bäckereifilialen und ein
Museum bereit, ihre Toilettentüren für die Allgemeinheit zu
öffnen.
Auch bei den von der Stadt beauftragten Beratern
fehlte es nicht an Motivation und Engagement. Im Gegenteil, der Anspruch, mit
dem sie antraten, hätte höher nicht sein können: „Ein
Konzept mit Bürgerbeteiligung, das die verschiedenen Interessengruppen
zusammenbringt, ergebnissoffen arbeitet und wissenschaftliche Methoden zur
Standortfindung nutzt, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu
einer sehr guten, nachhaltigen und tragfähigen Lösung für alle
führen“, ließen sie auf ihrer Homepage verlauten. Und ehe man
sich versah, hatte die Beratungsgesellschaft auch schon eine Online-Umfrage
gestartet, um das latrinenspezifische Bedarfsprofil der Stadtöffentlichkeit
detailliert zu ermitteln.
Die erste der drei Fragen, zu deren
Beantwortung alle Bürgerinnen und Bürger „herzlich
eingeladen“ waren, lautete „Wo sollten mehr öffentliche
Toiletten platziert werden?“ Hier konnte man unter anderem die Innenstadt,
äußere Stadtteile, Spielplätze, Haltestellen und Parks als
mögliche toilettengeeignete Standorte per Klick auswählen.
Dass die zweite Frage nicht weniger wichtig war als die erste, ließ
sich schon daran erkennbar, dass sie sich weitgehend mit der ersten
überschnitt: „Wo genau in der Stadt fehlen Ihnen Toilettenanlagen?
“ Hier gab es zwei Antwortmöglichkeiten. Die erste lautete schlicht
„Keine Angabe“. Dies war sicherlich gut gemeint, aber andererseits
wohl auch nicht unbedingt erforderlich, denn jemand, der keine Angabe machen
möchte, kann natürlich auch einfach keine Angabe machen.
Die zweite Antwortmöglichkeit hatte es dagegen in sich. Sie lautete
„An folgenden Orten“ und wer sie anklickte, erhielt umgehend
Gelegenheit, sich mit eigenen kreativen Ideen in den pinkelpolitischen
Planungsprozess einzubringen. Man konnte also beispielsweise die Adresse des
historischen Rathauses eintippen, das in der gesamten Republik bekannt ist und
dessen sanitäre Anlagen schon Prominenten wie Vitali Klitschko, Thomas
Gottschalk und dem Dalai Lama gute Dienste geleistet hatten. Und das Beste: Wer
wollte, durfte sogar gleich mehrere Standorte nennen, wobei diese dann
allerdings jeweils sauber mit einem Komma voneinander abgetrennt werden mussten.
Ich selbst hatte nicht rechtzeitig von der Online-Umfrage erfahren
und konnte sie mir daher erst ansehen, als eine Teilnahme nicht mehr
möglich war. Wäre das anders gewesen, hätte auch ich mich
sicherlich nicht mit der Nennung eines einzigen Standortes zufriedengeben und
gleich mehrere Standortalternativen ins Spiel gebracht, und zwar die Innenstadt,
äußere Stadtteile, Spielplätze, Haltestellen und Parks. Und dass
ich diese auch jeweils sauber durch ein Komma voneinander abgetrennt hätte,
versteht sich von selbst.
Die dritte und letzte Frage, durch deren
Beantwortung man sich an der kommunalen Sanitärplanung beteiligen konnte,
lautete: „Welche Anforderungen haben Sie an öffentliche Toiletten?
“ Auch hier gab es wieder zwei Antwortmöglichkeiten. Die erste
lautete „Keine“, was mich ein wenig überraschte, denn bislang
hatte ich noch keinen Menschen kennengelernt, der überhaupt keine
Anforderungen an eine öffentliche Toilette hat.
Die zweite
Antwortmöglichkeit ließ schließlich noch einmal den hohen
Stellenwert deutlich werden, den die Berater und die Stadtverwaltung als deren
Auftraggeberin einer intensiven Bürgerbeteiligung zumaßen. Denn wenn
man „Folgende“ anklickte, erhielt man gleich darauf Gelegenheit, die
eigenen Erwartungen an öffentliche Toiletten ohne Denkverbote zu
artikulieren. Wer also etwa der Meinung war, dass eine öffentliche Toilette
regelmäßig gereinigt werden und mit ausreichend Toilettenpapier
ausgestattet sein sollte, konnte diese Überzeugung frank und frei zum
Ausdruck bringen. Allerdings galt auch hier, was vorher schon für die
Toilettenstandortvorschläge gegolten hatte: Wer mehr als eine Anforderung
eingeben wollte, musste die einzelnen Anforderungen jeweils sauber durch ein
Komma voneinander abtrennen.
Und kaum war die Online-Befragung
abgeschlossen, trat auch schon eine erste Verbesserungen ein. Während das
Verzeichnis der öffentlichen Toiletten im Oktober 2024 nur vier Standorte
ausgewiesen hatte, waren es im November desselben Jahres auf einmal fünf.
Der zusätzlich aufgeführte Standort war außergewöhnlich
geschickt gewählt, denn er lag in der Nähe des Hauptgebäudes der
altehrwürdigen Universität, das bis heute intensiv genutzt wird und
dessen Park ein reizvolles Ziel für Touristen darstellt.
Die
Frage, ob man diese kluge Standortentscheidung tatsächlich auf das
wissenschaftlich fundierte Wirken der Berater zurückführen kann,
lässt sich allerdings nicht mit Sicherheit beantworten. Denn das
entsprechende Toilettenhäuschen hatte dort schon früher gestanden, war
aber irgendwann so baufällig geworden, dass es zwischenzeitlich wegen
Renovierung geschlossen werden musste. Bis heute ungeklärt ist auch, ob die
Neuinbetriebnahme der sich dort befindlichen Pinkelbecken und Klokabinen mit
speziellen Anforderungen verbunden sein soll, und wenn ja, mit welchen.
Was meine Stadt attraktiv macht, ist neben der Universität unter
anderem auch ein See, der nicht nur für die Stadtbewohner, sondern auch
für Menschen aus dem Umland ein beliebtes Ausflugsziel darstellt. Von den
beiden Toilettenanalagen, die es dort einmal gab, ist zwar nur eine übrig
geblieben, diese wird aber immerhin im städtischen Toilettenplan an erster
Stelle ausgewiesen. Damit handelt es sich dabei also sozusagen um die Nummer
Eins der notleidenden städtischen Toiletteninfrastruktur.
Auch
deshalb kann sich wohl jeder meine Enttäuschung vorstellen, als ich
kürzlich nach einem langen Spaziergang eben diese Toilettenanlage aufsuchen
wollte, dies aber nicht möglich war. An den Türen angebrachte Schilder
verkündeten, dass die Damentoilette, die Herrentoilette und die
Behindertentoilette defekt und daher nicht zugänglich seien.
Ein Kellner aus dem benachbarten Restaurant, der gerade eine Zigarette rauchte,
erklärte mir, dass die Schilder dort schon länger hingen. Seiner
Meinung nach war die Schließung der Toilettenanlage nicht auf einen
technischen Defekt, sondern auf Personalprobleme zurückzuführen.
„Die haben keine Leute und wenn die keine Leute haben, machen die
dicht“, sagte er. „Oder was meinen Sie?“ Doch ich hatte keine
Lust, mich auf eine Diskussion einzulassen. Weil es pressierte, war die Tatsache
der Toilettenschließung das, was mich in jenem Augenblick
beschäftigte, nicht die Begründung dafür.
In etwa
einhundertfünfzig Metern Entfernung bemerkte ich eine kleine Baumgruppe,
die mich einladend anlächelte. Was tun? Mir fiel der Satz eines Politikers
ein, der gesagt hatte „Besser nicht regieren als falsch regieren“,
und ich überlegte, ob er auf meine aktuelle Situation übertragbar war:
Besser nicht urinieren als falsch urinieren? Doch irgendetwas ganz tief in mir
warnte mich davor, diesen Gedanken weiterzuverfolgen. Ohnehin war mir die
Begeisterung für Politiker und ihre verbalen Ergüsse schon früher
abhandengekommen. Dass ein älterer Mann, der aus unerfindlichen
Gründen die Nationalfarbe der Niederlage als Hautfarbe gewählt hatte,
kürzlich zum zweiten Mal Präsident der USA geworden war, hatte die
Sache nicht besser gemacht.
Dann fiel mir ein, dass ich mir einige
Wochen zuvor die App der „Netten Toilette“ heruntergeladen hatte,
und ich beglückwünschte mich selbst zu dieser umsichtigen und
vorausschauenden Maßnahme. Dabei ging ich davon aus, dass zu der Kneipe,
den beiden Bäckereifilialen und dem Museum, mit denen das Ganze gestartet
war, noch jede Menge andere nette Toilettenanbieter hinzugekommen sein
müssten.
Doch ein Blick auf das Display meines Handys machte
meine Hoffnung auf schnelle Hilfe zunichte. In meiner Nähe gab es keine
nette Toilette. Die nächste befand sich in einem fast zwei Kilometer
entfernten Hotel und ich war nicht sicher, es bis dorthin schaffen zu
können. Und wenn ja, wer garantierte mir, dass ich dort nicht wieder vor
verschlossenen Türen stehen würde?
Vermutlich hätte
ich die Einladung der Baumgruppe angenommen, wenn mir der Kellner nicht erlaubt
hätte, das Restaurantklo zu benutzen, obwohl dieses gar nicht zum Verbund
der netten Toiletten gehörte. Und das war auch gut so. Denn wie ich kurz
darauf auf der Homepage des Ordnungsamtes lesen sollte, hatte sich meine Stadt
zu einer Null Toleranz-Politik gegenüber „Wildpinklern“
entschlossen: „Wird ein solcher erwischt, muss er mit einer Strafe von
fünfzig Euro und einem Ordnungswidrigkeitsverfahren rechnen.“ Auf der
Homepage wurde auch ausführlich erklärt, warum öffentliches
Urinieren ein Problem darstellt. Eingetrockneter Urin stinke, hieß es
dort, zudem könnten Salz und Säuren im Urin die Bausubstanz
historischer Gebäude schädigen. Auch „die Belästigung der
Allgemeinheit“ sei ein „nicht zu unterschätzender
Aspekt“.
Zur Illustration der Problematik diente ein Hinweis
auf eine Bahnunterführung neben dem Hauptbahnhof, die von Obdachlosen und
Drogenabhängigen als Pissoir missbraucht wird. Dass diesen Menschen kaum
Alternativen zum Wildpinkeln geboten werden, wurde dabei allerdings nicht
erwähnt. Die Älteren unter uns können sich vielleicht noch daran
erinnern, dass früher einmal kostenlos nutzbare Bahnhofstoiletten die
letzte Rettung für diejenigen darstellten, die auf den Hund gekommen waren
und trotzdem nicht in Schmutz und Elend verkommen wollten. Ich habe dort noch
Menschen gesehen, die sich wuschen oder rasierten.
Heute lässt
die Deutsche Bahn ihre Toiletten professionell bewirtschaften, und das mit mehr
Erfolg als meine Stadt. Wer sie benutzen möchte, muss einen Euro
abdrücken und erhält dafür neben dem Zugang zu den engen Anlagen
einen Gutschein, von dem niemand weiß, wozu er gut sein soll. Mein
Vorschlag dazu: Sammelt alle Gutscheine ein und zahlt der Bahnführung ihre
großzügig bemessenen Boni in dieser Währung aus. Die Bahn-Kunden
werden ihre Gutscheine für diesen guten Zweck sicherlich gern zur
Verfügung stellen.
In meiner Stadt läuft vieles gut, aber
eben längst nicht alles. Zu dem, was nicht gut läuft, zählt neben
der Sanitärpolitik im öffentlichen Raum auch der Umgang mit
Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit. Nach wie vor hat jeder Stadtbewohner
weitaus bessere Chancen, sich einen Bußgeldbescheid wegen Wildpinkelns
einzuhandeln, als ein Wohnungsloser, eine Wohnung zu ergattern.
Und
nun möchten Sie vermutlich gern wissen, von welcher Stadt hier die Rede
ist. Ja, ist das so? Doch das werde ich Ihnen nicht verraten, auf keinen Fall.
Nur so viel: Bielefeld ist es nicht, denn Bielefeld gibt es ja bekanntlich gar
nicht. Dass die Arminia kürzlich in die Zweite Bundesliga aufgestiegen ist
und sogar beinahe den DFB-Pokal gewonnen hätte, ändert daran
überhaupt nichts.
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (O.W. Müberlin).
Der Beitrag wurde von O.W. Müberlin auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.11.2025.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
O.W. Müberlin als Lieblingsautor markieren

HARD FACT: arbeitslos - SOFT SKILL: kreativ (Anthologie)
von A.M.S. Alle MitSamme(l)n
…Texte, die das Sein arbeitsloser Menschen beschreiben. Bilder, die das Sein arbeitsloser Menschen darstellen, die durch Schicksalsschläge an den Rand der Gesellschaft geraten, oder dorthin verdrängt werden. Sie sind aber auch jene, die diesen Zustand dazu nutzen, einen neuen, interessanten und besseren Lebensweg zu beschreiten.
Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!
Vorheriger Titel Nächster Titel
Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:
Diesen Beitrag empfehlen: