1980-1983
Mit seinen Eltern oder mit der Schule ist KM nie in die Basler Theater gekommen. Aber es entsteht ein Impuls, als die drei Jahre jüngere Schwester Sabine Mattes einem in ihrer Klassenstufe angebotenen Theaterring beitritt, wo man mit den Bussen eines örtlichen Reiseveranstalters nach Basel fährt und in der Saison etwa eine Vorstellung im Monat drankommt. Auch gibt es mal das Angebot extrem günstiger Karten für den Vater, der in dieser Zeit den kleinen Bahnhof östlich von Basel auf der deutschen Rheinseite leitet. Die Eltern treten diese Karten an die Kinder ab. Sie selbst waren nur eine kürzere Zeitspanne ums Jahr 1960, während sie bei den Schwiegereltern in Freiburg gewohnt hatten, in die Oper gegangen. Auf diese Weise wird die gewissermaßen Alt-Wienerische Inszenierung von Elias Canettis „Komödie der Eitelkeit“, zu der alle drei Geschwister mit den ziemlich preiswerten Personalfahrscheinen für DB-Angehörige fahren, in den Weihnachtsferien 1979, also kurz vor Ende des einen Semesters, das KM in Köln studiert, während der Bruder bei der Luftwaffe ist und die Schwester noch Schülerin, zur ersten gemeinsamen Basler Theaterfahrt. Der Bruder wird danach nur noch in Ausnahmefällen dabei sein, die Schwester dagegen so gut wie immer.
Es folgt die vorlesungsfreie Zeit vor dem Sommersemester und ab Sommersemester 1980 studiert KM an der Freiburger Universität Deutsch und Geschichte. Er verbringt nach wie vor viel Zeit im Elternhaus in Rheinfelden; die gesamte Wäsche wird von der Mutter gewaschen. Eines von zwei Geschwistern geht jeweils ein paar Wochen vorher nach Basel und erwirbt, meist schon für mehrere Vorstellungen im Voraus, die zu jener Zeit für Schüler und Studenten noch spottbilligen Theaterkarten. Das von vielen anderen Städten her bekannte Restkarten-System, wonach es die wirklich billigen Karten erst wenige Stunden vor der jeweiligen Vorstellung gibt, wenn Vorbestellungen nicht abgeholt werden, ist zu dieser Zeit in Basel nicht üblich. Zu den für die Mattes-Kinder zur Gewohnheit gewordenen Nachmittagsfahrten nach Basel gehören, neben der Theaterkasse, Besuche im Laden des Buchclubs ex libris, in Plattenläden und beim Warenhaus Globus am Marktplatz, vor allem der Lebensmittelabteilung im Untergeschoss. In die bekannten Basler Museen geht man zu jener Zeit nicht, dagegen öfters ins Kino, nur Nachmittagsvorstellungen. KM ist auch immer wieder mit seiner Canon-Kleinbildkamera unterwegs und versucht das romantische Basel in Dias zu bannen.
Den Längen der Inszenierungen und der Anzahl von Pausen entsprechend beginnt das Basler Theater gelegentlich schon um 19 Uhr, üblicher ist 20 Uhr, fast alle Stücke enden irgendwann zwischen 22.20 und 22.55 Uhr, sodass KM und SM, bisweilen fast rennend, zum damals zweitletzten Nahverkehrszug ins Aargauer Rheinfelden um Viertel nach elf und zum nicht weit entfernten SBB-Hauptbahnhof es gerade noch schaffen können, was bedeutet, dass sie kurz vor Mitternacht zurück in der Nollinger Straße des badischen Rheinfeldens sind, wo der Vater dann im Schlaf liegt, die Mutter in der Küche auf sie wartet. Den Tarifverbund Nordwestschweiz gibt es damals noch nicht, somit auch keine regionale Tageskarte. Die Möglichkeit zum Bezug sehr billiger Fahrkarten für die minderjährigen Kinder von Bahnbeamten gibt es nur im Netz der Deutschen Bundesbahn, also bis Basel Badischer Bahnhof. Also fährt man vor der Vorstellung immer rechtsrheinisch, ab dem Badischen mit einem 2-er Tram und dem für vier Stationen geltenden Kurzstreckentarif bis Bankverein, auf der Heimfahrt dann, bis auf wenige Ausnahmen, linksrheinisch, weil es zu so später Stunde im Badischen nur noch einen über die Dörfer gondelnden Bahnbus gibt, der außerdem um Mitternacht erst losfährt.
Es entsteht ein Ritual für diese Theaterbesuche, zu dem gehört, dass die Abende in der engen, rot plüschigen „Komödie“ in der Steinenvorstadt den Geschwistern fast lieber sind als die großen Ereignisse im erst vor ein paar Jahren eröffneten Stadttheater-Neubau. Bei der Komödie handelt es sich um ein von der Stadt übernommenes vormaliges Privattheater, das inmitten der Kino-Straße Steinenvorstadt gewissermaßen im Hinterhaus liegt. Dort gibt es kein Theatercafé, darum stehen in den Pausen junge Helfer mit Tabletts im Foyer, auf denen Cornets in Siberfolie sich stapeln. Vanilleeis in eingepackten Waffelhörchen. Wenn man sie auspackt, haben sie dunklen Bitterschokolde-Überzug. Kein Basler Komödienbesuch nun also ohne „eine Glace“ (wie die Schweizer sagen). Sein eigenes Basler Schauspielhaus wird das Stadttheater erst gut zwei Jahrzehnte später in einem Neubau sozusagen zwei Türen nebenan, den KM nie betritt. Bis dorthin hat sein Leben sich zu dem eines Langzeitarbeitslosen entwickelt. So einer kann sich die geltenden Schweizer Theaterpreise nicht leisten.
Chef der vereinten Basler Bühnen war in jener Zeit der Ostpreuße Horst Statkus (1929-2016, 87 Jahre), der aus seiner vorigen Intendanz in Heidelberg auffällig viele Österreicher mitgebracht hatte, wobei einige aus der Ära des ungleich berühmteren Vorgängers Hans Hollmann auch noch da waren. Unter den in den 1980-ern hinzukommenden Ensemble-Mitgliedern werden weitere Österreicher sein oder auch Bayern, respektive Allgäuer wie der nachmalig im Kino zum Star werdende Herbert Knaup.
Besuchte Inszenierungen und auftretende Schauspieler sind: Komödie der Eitelkeit (1979) mit Judith Melles (1929-2001, 71 ½ Jahre) und Friedrich Kutschera, Maß für Maß (1980) mit Friedrich Kutschera (1911-1989, 78 Jahre) und Heinz Trixner (1941-), Eines langen Tages Reise in die Nacht (1980) mit Adolph Spalinger (1915-2004, 89 Jahre) und Herbert Knaup (1956-), Don Carlos (1980) mit Herbert Knaup, Onkel Wanja (1980) mit Henning Köhler (1933-2004, 71 Jahre), Einen Jux will er sich machen (1980) mit Heinz Trixner und Andreas Wimberger (1959-2019, 60 Jahre), Mensch Meier (1980) mit Werner Prinz (1941-), Großvater und Halbbruder (1981) mit Friedrich Kutschera und Henning Köhler, Die Physiker (1981) mit Wolfgang Schwarz (1925-?), Henning Köhler, Werner Prinz und Gudrun Geier (1939-?), Der Schütze Tell (1981) mit Walo Lüönd (1927-2012, 75 Jahre), Die Schwärmer (1981) mit Henning Köhler, Wolfgang Hepp (1941-) (später Schwarzwaldbauer in der TV-Serie „Die Fallers“) und Tatja Seibt (1944-), Still, Ronnie (1981) mit Klaus Henner Russius (1937-), Jürgen Stössinger (1934-2025, 91 Jahre) und Andreas Wimberger, Im Dickicht der Städte (1981) mit Gudrun Geier und Hannes Granzer (1946-), Der Menschenfeind (1981) mit Heinz Trixner. Und mit diesem österreichischen Komödianten Trixner dann auch noch Minna von Barnhelm und Der Reigen (dieser auch mit den Österreichern Andreas Wimerger und Peter Lerchbaumer), Im weißen Rössl (1981) mit Wilm Roil (1942-) (kein Österreicher, sondern Ostdeutscher) und Walo Lüönd (Schweizer Volksschauspieler, bekannt aus dem Film „Die Schweizermacher“), Die Nashörner (1981) mit André Jung (1953-), Von morgens bis Mitternacht (1981) mit Peter Lerchbaumer (1945-), Kabale und Liebe (1982) mit Babett Arens (1959-), Andreas Wimberger, Wolfgang Schwarz und Monika Koch (1937-1997, 60 Jahre), Torquato Tasso (1982) mit Hannes Granzer, Herbert Knaup und Babett Arens, Arsen und Spitzenhäubchen (1982) mit Hanna Burgwitz (1919-2007, knapp 88 Jahre), Wilm Roil und Walo Lüönd, Nicht Fisch nicht Fleisch (1982) mit Werner Prinz und Gerhild Didusch, Was ihr wollt (1982) mit Friedrich Kutschera, Gudrun Geier, Henning Köhler, Jürgen Stössinger und Wolfgang Hepp, Der Architekt und der Kaiser von Assyrien (1982) mit Jürgen Stössinger und Herbert Fritsch (1951-), Der Kirschgarten (1982) mit Friedrich Kutschera, Henning Köhler und Babett Arens, Yvonne, Prinzessin von Burgund (1982) mit Gottfried Breitfuß (1958-), Andorra (1983) mit Jo Kärn (1936-), Andreas Wimberger, Babett Arens und Monika Koch, Maria Stuart (1983) mit Barbara Lotzmann (1935-), Wolfgang Schwarz und Andreas Wimberger, Altrosa (1983) mit Hanna Burgwitz und Jürgen Stössinger, Die Stühle (1983) mit Peter Lerchbaumer und Monika Koch, Leonce und Lena (1984) mit Andreas Wimberger, Tod eines Handlungsreisenden (1984) mit Walo Lüönd und Monika Koch. Und zuletzt Ganze Tage in den Bäumen (1984) mit der alten Hanna Burgwitz (damals 65 Jahre). Letztere möglicherweise nur noch von KM alleine besucht.
Geradezu weltberühmt ist die Basler Ballett-Compagnie unter dem in Basel geborenen Heinz Spoerli (1940-). KM und SM sehen dessen Glanzstücke Der Nussknacker (1980), Pulcinella (1980), La fille mal gardée (1981) wie auch diverse Abende mit kürzeren Stücken, die teils von Gästen, teils von Tänzern der Basler Compagnie choreografiert werden. Männlicher Publikumsliebling jener Jahre ist der etwas kurz geratene Schweizer Tänzer Martin Schläpfer (1959-). Später, lange nach KMs Theaterjahren wird dieser Gleichaltrige die Balletttuppen von Mainz und Düsseldorf leiten, im Jahr 2018 verleiht ihm der deutsche Bundespräsident den deutschen Verdienstorden. Die große Chance, die ihm Spoerli 1980 einräumt, war seine eigene Choreografie von Till Eulenspiegel nach der Musik von Richard Strauß.
Die Oper ist stets eine etwas teurere Angelegenheit und von Haus aus auch nicht das, was die Mattes so zu hören pflegen. Man kann aber wohl schlecht Nein sagen, wenn man zu Preisen, die sich Schüler vom Taschengeld leisten können, Karten für Verdi und Donizetti im Haus bekommt, zu dessen Stamm auch schon mal Montserrat Caballé gehört hat. Im etwa 1.000 Personen fassenden Stadttheater landen KM und SM allerdings regelmäßig ganz weit oben im zweiten Rang und legen sich nun auch Operngläser zu. Sie sind keine Kenner, vergessen das Meiste ziemlich schnell. Zwei ungewöhnliche Inszenierungen in Originalsprache (ohne Übertitel) bleiben im Gedächtnis: Boris Godunow (nur Männer und Finsternis) und Pélléas et Mélisande (im Krankenhaus mit Plastikfolien überall und blauem Neon), beide 1981. Die junge Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter (1955-), eine schwedische Diplomatentochter, aufgewachsen in England, hat 1983 bis 1985 ihr erstes festes Engagement beim Stadttheater Basel. Sie war war davor schon in Gastrollen aufgefallen und wird, obwohl älter, seinerzeit viel deutlicher von KM als „mein Alter und schon auf der großen Bühne“ erkannt als Martin Schläpfer oder Andreas Wimberger.
Die Basler Theaterfahrten enden, als, mehr oder weniger parallel, die Schwester in Heidelberg zu studieren anfängt (nach einem halben Jahr Italienisch-Lernen in Padua) und dann, auch in den Ferien, eher selten noch nach Rheinfelden kommt, und als KM mit seinem Freund Hans Jürgen Manderscheid vermehrt ins Freiburger Theater geht. Derweil wird in Basel ein Höchstalter für Rabatte für Studierende erlassen; die Preise für Vorstellungen von Oper, Ballett und Komödie steigen nach und nach ins absolut Unerschwingliche.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.11.2025.
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