Franck Sezelli

Wenn ich das gewusst hätte …!

Es war an einem sonnigen Samstagmorgen beim Frühstück, als Belle ihrem Mann zärtlich über den Handrücken strich und ihn fragte: »Simon, weißt du eigentlich, was für ein Tag morgen ist?«

»Darling, dieses Datum werde ich doch nicht vergessen. Es ist unser 15. Hochzeitstag. Aus diesem Anlass werden wir einen kleinen Ausflug unternehmen.« Simon Wolfe hatte seine Verlobte Belle an einem ebenso schönen Tag wie heute im Jahr 1849 zum Traualtar geführt. Seitdem wohnten sie in der hübschen Villa in Albany.

»Ein Ausflug? Wohin willst du mit mir fahren?«

»Ich möchte dich zum Essen in ein Restaurant am Saratoga Lake einladen, von dem Freunde im Club nur Gutes zu berichten wussten. Es liegt am Südufer des Sees in dem kleinen Ort Malta. Mit der Railroad sind wir schnell in Saratoga Springs und von dort nehmen wir eine Mietdroschke.«

»Nach Saratoga Springs? Gibt es da nicht seit einiger Zeit einen schönen Kurpark, hörte ich?«

»Ja, das stimmt. Wegen der Mineralquellen kommen viele Besucher dorthin. Auch eine Pferderennbahn wurde dort im letzten Jahr eröffnet.«

»Können wir uns den Kurpark auch ansehen, wenn wir schon einmal dahin fahren?«

»Aber gern, my darling, wenn du das möchtest. Wir promenieren am Vormittag ein wenig im Kurpark und holen uns Appetit für den Besuch im Restaurant.«

 

Als das Ehepaar vor dem Crum’s Place ankam, kam ein dunkelhäutiger, sehr gut gekleideter Mann vor die Tür des Restaurants und begrüßte die Gäste. Dann führte er das Paar an einen gediegen eingedeckten Tisch an der Festerfront, von wo aus man eine herrliche Aussicht auf den großen See hatte, dessen Blau heute besonders anziehend wirkte. Ein Kellner brachte sogleich die Speisekarte. Nachdem Simon seiner Frau eine Menüfolge und den passenden Wein vorgeschlagen und diese bestellt hatte, sahen sie sich in dem Lokal um. Es war gut ausgestattet, ohne extravagant zu wirken. Belle und Simon konnten sich hier wohlfühlen.

Auf jedem Tisch stand ein kleines Körbchen mit den trockenen gelblichen, bizarr geformten Blättern, die so aussahen wie jene, welche sie schon bei der Promenade im Kurpark gesehen hatten.

Dort waren Belle Spaziergänger aufgefallen, die bunte Papiertüten in den Händen hielten und im Laufen daraus recht ungebührlich, aber vollkommen ungeniert, in aller Öffentlichkeit etwas naschten. Konsterniert über dieses äußerst seltsame Verhalten hatte sie Simon gefragt: »Was sind denn das für Süßigkeiten, die so viele hier gewissermaßen auf der Straße essen? Hast du das eben gehört bei dem dicken Mann, der an uns vorbeikam? Das klang ja so raschelnd, als ob er trockene Herbstblätter verschlingt.«

»Das gibt es hier erst seit einiger Zeit«, hatte Simon geantwortet. »Es sind aber keine richtigen Näschereien oder Süßigkeiten. Sie heißen Saratoga Chips und wir werden sie nachher bestimmt noch kennenlernen. Denn nach dem, was ich gehört habe, sind sie irgendwie mit dem Restaurant am Saratoga Lake verbunden, in das ich dich nachher ausführen will.«

»Sind das die Saratoga Chips, von denen du gesprochen hast, Simon?«, fragte Belle, auf das Körbchen auf dem Tisch verweisend.

»Ich glaube schon, habe sie aber auch noch nicht gekostet. Auf der Speisekarte standen Potato crunches, das ist vielleicht dasselbe. Am besten, wir kosten mal …«

Es waren wirklich keine Süßigkeiten. Sie waren sehr knusprig und schmeckten salzig. Obwohl sie ihren Appetit schlagartig erhöhten, hielten sich die Wolfe’s vornehm zurück und warteten, bis ihnen aufgetischt wurde.

Nach dem Hauptgang, noch vor dem Dessert, kam der Mann, der sie am Eingang begrüßt hatte, wieder an ihren Tisch und fragte, ob sie zufrieden waren und womit er ihnen noch dienen könne.

Simon Wolfe, schon immer ein wissbegieriger, wenn nicht neugieriger Mann, bedankte sich höflich, lobte die Speisen und nutzte die Gelegenheit. »Sagen Sie, Mister, woher kommt eigentlich der Name dieses Lokals?«

»Es ist mein Name, der Name des Eigentümers des Restaurants. Genau genommen, ist Crum mein Spitzname, den ich schon vor vielen Jahren bekommen habe. In Wirklichkeit heiße ich George Speck. Als ich als Koch gearbeitet habe, gaben mir Kellner und Gäste aus irgendeinem Grunde den Namen Crum, weil sie sich den deutschen Namen Speck nicht merken konnten.«

»Entschuldigen Sie bitte, Mister Speck, ich wusste nicht, dass Sie der Eigentümer des Restaurants sind. Ich will Ihnen auch nicht zu nahe treten, aber wie ein Deutscher sehen Sie in meinen Augen nicht aus.«

»Das kann ich verstehen, Mister ...«

»Wolfe, Simon Wolfe. Und dies hier ist meine Frau, Belle Wolfe.«

»Yes, Mister Wolfe, ich bin natürlich kein Deutscher, mein Großvater ist deutscher Abstammung und hat eine Afroamerikanerin geheiratet, während meine Mutter indianisches Blut in sich trägt.«

»Danke sehr für diese Informationen über doch sehr persönliche Details, Mister Speck oder Crum, wie Sie möchten. Aber eigentlich wollten wir das gar nicht fragen. Uns interessieren eher die Potato crunches auf der Speisekarte und diese Leckerei in den Körbchen. Sind das die Saratoga Chips? Und ist das dasselbe? Wir haben die vorher nie gesehen oder gegessen.«

»Ja, das sind nur unterschiedliche Namen für dasselbe. Vor Jahren habe ich sie per Zufall erfunden. Ich arbeitete damals als Koch im ersten Haus am Platz, im Cary Moon's Lake House in Saratoga Springs. Da gab es einen sehr nervigen Gast, dem man es nie recht machen konnte. Er beschwerte sich ständig über meine angeblich zu dicken Bratkartoffeln. Es war im August 1853, als mir einfiel, dass meine Schwester Catherine einmal mit Kartoffelscheiben ein kleines Malheur hatte. Um diesem unsympathischen Mann eins auszuwischen, machte ich bewusst nach, was meiner Schwester mit einem Kartoffelschnitz aus Versehen passiert war. Ich schnitt die Kartoffeln in hauchdünne Scheiben und warf sie in heißes Fett. Nach dem Frittieren und Abtrocknen salzte und pfefferte ich sie kräftig und servierte diesem unzufriedenen Gast als Rache diese potato crunches persönlich. ›Mister, ist es Ihnen so recht?‹, fragte ich ihn.«

»Und?«, unterbrach Belle Mister Crum. »Wie hat er reagiert? So konnte er sie doch keinesfalls mit der Gabel essen.«

»Er versuchte das gar nicht erst, sondern nahm einfach die Finger. Zu meinem ungläubigen Erstaunen schmeckten sie ihm. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich sie ihm niemals serviert.«

»Das war damals zwar nicht in Ihrem Sinne, aber andererseits doch auch Glück«, meinte Simon. »Wenn der Mann sich zu sehr provoziert gefühlt hätte, wäre es für Sie sicher auch nicht so gut gewesen …«

»Da haben Sie Recht, Mister Wolfe. Später wurde mir hinterbracht, dass dieser Gast Cornelius Vanderbilt gewesen sein soll, ein für seine Rücksichtslosigkeit sehr bekannter Geschäftsmann. Er soll damals sogar stiller Teilhaber des Hotel Moon Lake Lodge, in dessen Restaurant das geschah, gewesen sein. Aber das ist nicht sicher.

Allerdings erzählt man von Vanderbilt, dass er einmal ehemaligen Geschäftspartnern einen Brief geschrieben hat mit ungefähr den folgenden Worten: ›Meine Herren! Sie haben es gewagt, mich zu betrügen. Ich werde Sie nicht verklagen, denn die Justiz ist zu langsam. Ich werde Sie ruinieren. Hochachtungsvoll, Cornelius Vanderbilt‹. Ich glaube, das passt zu seinem Charakter.«

»Das ist ja eine interessante, sehr spektakuläre Geschichte!«

»Yes, ich habe dann noch ein paar weitere Versuche unternommen und diese Kartoffelchips auch den Kellnern und anderen Bekannten zum Kosten gegeben. Sie kamen immer gut an. So sind sie dann auf die Speisekarte gekommen und wurden und werden auch heute noch in kleinen Schachteln zum Mitnehmen verkauft.«

Belle warf ein: »Sie schmecken aber auch zu gut! Natürlich nicht als Ersatz für Bratkartoffeln …«

George Crum lächelte: »Diesem Zufall haben wir zu verdanken, dass das Moon Lake und die Saratoga Chips in ganz Neuengland bekannt wurden. Davon habe auch ich persönlich profitiert und konnte schließlich dieses Restaurant aufmachen.«

»Es ist wirklich ein erstklassiges Restaurant. Wir kommen gern wieder – und das nicht nur wegen der Kartoffelchips.« Simon stand auf und drückte dem Wirt die Hand. »Gern nehmen wir auch zwei Schachteln Ihrer Crunches mit. Aber zuvor freuen wir uns auf das Dessert.«

 

Nach dem Verlassen von Crum’s Place drückte Belle ihren Mann und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Vielen Dank für diesen interessanten Ausflug mit dem Besuch in diesem bemerkenswerten Restaurant. Jetzt möchte ich aber zurück nach Albany und unseren Hochzeitstag zu Hause schön ausklingen lassen.«

***

Wenn ich mit meiner Frau Lilly durch den Supermarché in Leucate gehe und sie fragt: »Ob wir mal nach den Lay’s sehen?«, muss ich immer an George Crum denken. Denn Lay’s bezeichnet die von uns bevorzugte Chips-Marke, am liebsten nehmen wir Chips à l`Ancienne, die Chips auf herkömmliche Art. Es war der Handelsreisende und Unternehmer Herman Lay, der in den Dreißigern des vergangenen Jahrhunderts die Kartoffelchips in Neuengland kennenlernte und dann zunächst im Süden der USA verbreitete und später auch selbst produzierte. Von dort gelangten sie schließlich in die ganze Welt.
Ich bin mir sicher, liebe Leserin, lieber Leser, dass du sie auch kennst …
Was würde wohl der Erfinder George Crum sagen, wenn er sehen könnte, wie jeden Abend Millionen Menschen überall seine frittierten Kartoffelscheiben bei Bier, Wein oder anderen Getränken in sich hineinstopfen? Ich denke, er würde sagen: »Wenn ich das gewusst hätte …!«

 

 

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Diese Geschichte ist unter dem Titel Von Saratoga Springs in die ganze Welt in meiner Kurzgeschichten-Sammlung: »Schreiblust – Kurze Geschichten über dieses und jenes«, ISBN 978-3-756509-42-3, im Jahr 2022 als Taschenbuch und als e-Book veröffentlicht.

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