Ines Wertenbroch

An einen Kellner



Es hatte sich eingeregnet. Das Wasser fiel mit dem Klang kleiner Steine von den Sonnenschirmen des Cafés, unter denen einige Gäste saßen. Die Eingangstüren standen offen und das Café wirkte wie ein riesiger Wintergarten. Die Luft war noch warm vom Tage. Der Regen war nicht vorauszusehen gewesen. Obwohl ich nur ein kurzes Stück hindurchlaufen musste, war meine Jacke an einigen Stellen völlig durchnässt.
Ich ging ins Café und schaute mich nach einem freien Platz um. Dort angelangt, zog ich meine Jacke vom Körper und hängte sie über den Stuhl.
Mein Platz lag hinter einer durchsichtigen Trennwand, durch die ich die Theke sehen konnte. Der Kellner hatte mich schon gesehen und kam zu mir, als ich mich gesetzt hatte. Ich bestellte einen koffeinfreien Kaffee. Für einen mit Koffein war es mir bereits zu spät. Ich würde Schwierigkeiten mit dem Einschlafen haben.

Es dauerte nicht lange, als der Kellner die Tasse mit einem Schwung vor mich hinstellte. Sein Unterarm mit dem weißen aufgekrempelten Hemdsärmel seiner Kellneruniform kam dabei meinem Gesicht für einen Moment nah.
Als er wieder gegangen war, bemerkte ich, dass statt des obligatorischen einzelnen Plätzchens drei auf der Untertasse lagen. Gestern waren es drei Zuckerpäckchen gewesen.
Ich war fast jeden Tag hier, entweder am Nachmittag oder am Abend. Manchmal allein und manchmal auch mit Bekannten.

Der Kellner arbeitete erst seit einem Monat in diesem Café. Er war sehr schlank, dennoch kräftig und wirkte größer als er tatsächlich war. Er war ein dunklerer Typ mit pechschwarzem kurzen Haar. Ich sah ihm gern zu, wenn er mit Leichtigkeit zwischen den Tischen herlief oder hinter der Theke Gläser auf ein Tablett stellte.
Sein Gesicht war schmal und hatte ein feingeschnittenes Profil. Um seinen Mund mischte sich in ein Lächeln manchmal ein ernster Zug.

An diesem Abend war ich allein hergekommen. Es war viel geschehen in der letzten Woche. Mein Körper fühlte sich schwer an. Die Anspannung der vergangenen Tage holte mich ein. Mich hatte selbst der Regen nicht abhalten können heute hier herzukommen.

Es war schon nach 22.00 Uhr, als ich meinen Kaffee ausgetrunken hatte. Bevor ich aufstehen konnte, kam der Kellner mit einer Tasse zu meinem Tisch. Ohne ein Wort stellte er sie vor mich hin. Ich schaute auf und fragte: „Von dir?“ Er nickte nur und ging zur Theke zurück. Von dort zwinkerte er mir zu, als ich hinüberschaute. Ich lächelte zurück.
Ich nahm einen Schluck und stellte fest, dass es Kaffee mit Koffein war.
Er kam noch einmal und legte drei Plätzchen vor mir auf den Tisch: „Damit Sie länger blei-ben“. Er hatte nicht mehr den ernsten Zug um den Mund, als er mich anlächelte. Der Regen fiel mit dem Klang kleiner Steine von den Sonnenschirmen des Cafés, unter denen niemand mehr saß.
Heute Nacht würde ich sicher nicht schlafen können.



(Ines Wertenbroch, Juli, 9.September.2003, 1.Januar 2004)


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