Auflösung der Beziehung mit Hans Jürgen Manderscheid: Gemäß dessen Vorstellungen war geplant, dass sie sich in absehbarer Zeit eine gemeinsame Wohnung in Karlsruhe suchen würden, da ja das Studium bei beiden beendet ist. Fürs Referendariat hat KM sich ans Seminar für Schulpädagogik nach Karlsruhe beworben, obwohl ihn mit dieser Stadt nichts verbindet. HJM allerdings schon; ein ihm befreundetes Juristenpaar, Babsi und Andreas, befindet sich dort im Vorbereitungsdienst. Auch wäre Karlsruhe nicht so weit von seiner Heimatgemeinde an der Saar entfernt, wie auch nicht von Bonn, wo er seinen, vormals aufgeschobenen Wehrdienst in der zum Verteidigungsministerium gehörenden Kaserne ableistet. Als Mitglied der FDP, allerdings einstweilen dort nicht aktiv, plant er mittelfristig eine Laufbahn im Dunstkreis der Bonner Politik. Daraus wird, nachdem er, nach der Trennung von KM für die Referendariatsjahre in Bonn geblieben ist, ein Leben als juristischer Angestellter in der EU-Agrarbürokratie in Brüssel. KM gibt als seine zweite Präferenz für die praktische Lehrerausbildung Freiburg an. Eine schlechte Wahl, neben Stuttgart, Heidelberg und Tübingen gehört diese Stadt naturgemäß zu den Favoriten unter Studenten. Dass er schließlich nach Reuenthal verteilt wird, mit dem er sich dann jahrelang schwertun wird, liegt wohl daran, dass dieses von Karlsruhe nicht so weit weg ist.
Für die Tage um Pfingsten herum ist im Freundeskreis eine kleine Reise von Freiburg nach Zürich geplant, wo man an kulturellen Veranstaltungen teilnehmen möchte. Mitkommen werden Bernhard Thoma, einstiger Schwarm von KM, monatelang mit ihm in der Männergruppe ohne Namen gewesen, davor schon mit dem gleich um die Ecke von ihm wohnenden HJM bekannt und befreundet, dessen (inzwischen) vom Geliebten zum guten Freund mutierter Nachbar HolMol (Holger von der Moltkestraße, er arbeitet in der Universitätsbibliothek, nur eine Parallelstraße von der Moltkestraße weg) sowie Dietrich, auch ein Jurist, sich in neuester Zeit als „bisexuell“ definierend, Mitbewohner in der Moltkestraßen-WG, in der HJM vor seinem Wehrdienst lebte.
Seit Monaten ist KM mit der Beziehung unzufrieden und erwägt eine Trennung. Sie wären zu verschieden und nur aus Bequemlichkeit und wegen dem Sex zusammen. Er fühlt sich von HJM unangenehm dominiert und mag dessen zur Schau getragenen Lebensstil eines konservativen englischen Landbesitzer-Gentlemans nicht. Es hatte eine Auseinandersetzung um einen abendlichen Ausflug nach Basel gegeben, der bloß deswegen hatte stattfinden müssen, weil HJM in einer Männermodenzeitschrift gelesen hatte, die Bar im Haus des Basler Kunstvereins sei der „place to be“ für Herren mit Stil. Dort war es dann fast leer gewesen und der eine Campari, den man getrunken hatte, hatte sieben Franken gekostet, was KM zur damaligen Zeit für Wucher hält.
Etwa eine Woche vor dem Pfingstwochenende schreibt er an HJM einen langen Brief, in dem er Schluss macht und ihn vorwarnt. Er werde sich den zu erwartenden ersten erregten Debatten zu entziehen wissen. Er werde nicht nach Zürich fahren, sich in diesen Tagen aber auch nicht in der Urachstraße aufhalten. Es wäre sinnlos, bei ihm zu klingeln oder anzurufen. Bei der Ausarbeitung des Briefs gerät KM in so starke Erregung, auch Angst, HJM könnte ausgerechnet jetzt anrufen, sodass er einige Seiten nicht in seiner Wohnung, sondern abends auf Wartebänken des Freiburger Hauptbahnhofs bzw. solchen an Bahnsteig 1 schreibt. (Gemeinsames Telefon ohne Anrufbeantworter für mehrere unter dem Dach wohnende Studenten, keine Handys.) Der Abschiedsbrief wird am Montag abgeschickt und der Freund verlässt die Kaserne erst am Freitag nach Mittag. Doch die Zustellung hat sich so verlangsamt, dass er, als er bei KM klingelt, wo er anlässlich seiner Freiburg-Fahrten jetzt zu schlafen pflegt, noch nichts ahnt.
Als die Freunde am folgenden Tag im Auto nach Zürich sitzen, verlassen sie in Haltingen die Autobahn und fahren über den Dinkelberg nach Rheinfelden, damit sie im Elternhaus von KM nachfragen können. Auch in Rheinfelden reagiert niemand auf das Klingeln. Die Eltern von KM sind mit ihrer eigenen Feiertagsreise beschäftigt. Man kommt ins Gespräch mit Nachbarn, vermutlich jemand von der Familie Heitzmann, die allerdings auch nur sagen können, wohin die Eltern gefahren sind, nicht, was mit Klaus los ist. Weil man zwischendurch die Schwester Sabine angerufen hatte, vor einem Jahr hatten HJM und KM sie im Heidelberger Studentenwohnheim besucht, ist diese nun auch aufgeschreckt, was mit dem Bruder passiert sein könnte. Das wird sie ihm später jahrelang vorhalten, dass er so abgetaucht sei und niemand was gesagt habe.
Unterdessen ist KM (für zwei Übernachtungen) nach Gößweinstein in der Fränkischen Schweiz gereist und erlebt höchst angenehme Wanderungen. Gleich am ersten Abend geht er von der zugesperrten Basilika hinauf bis zur Burg und dann hinunter ins Püttlachtal zum von vielen Fotos bekannten Pottensteiner Ortsteil Tüchersfeld. Am nächsten Tag wandert er das Wiesenttal hinauf, vorbei am Felsengewirr der Riesenburg bis zum romantischen Ort Waischenfeld, zurück dann über die Burg Rabenstein nach Pottenstein, wo noch die grünen Kränze mit den vielen bunten Ostereiern an den Brunnen hängen. Von dort gibt es einen Bus bis zum unterhalb Gößweinsteins gelegenen Bahnhof Behringersmühle.
Diese Reiseziele der Fränkischen Schweiz sind heute leichthin aufgezählt, doch ist das damals bereits eine von diesen eher etwas überzogenen Wanderungen von mehr als 20 Kilometern gewesen, mit denen KM in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts beim SWS – Schwuler Wandertreff Stuttgart sich nicht nur Freunde machen wird. Für die Anreise am Nachmittag des Freitags hat er den Bahnbus ab Pegnitz benutzen können. Schwieriger schon war es, dergleichen in jenen Tagen vorab zu planen. Selbst im Großen Bus-Kursbuch Deutschland stehen keineswegs sämtliche Busse drin und natürlich hat niemand diesen Wälzer, den man sich jährlich neu kaufen müsste, zu Hause. Vielmehr muss KM im Freiburger Hauptbahnhof danach fragen. Von einem Internetservice wie www.bahn.de heute kann man nicht träumen.
Für die Rückreise, ein Sonntag im Sommerhalbjahr, profitiert KM davon, dass in jener Zeit die kleine Bahn ab Behringersmühle im Wiesenttal noch bis hinaus zum Bahnhof von Forchheim verkehrt, während es heute nur noch auf einem Teilstück dieser Strecke sommerliche Touristenfahrten gibt. KM, seine Habe im Rucksack auf dem Buckel, steigt nach Behringersmühle hinab. Der Tag verspricht schön zu werden, das Tal ist einstweilen voller Nebel. Er nimmt erst einmal nicht die Bahn, sondern wandert den munteren Bach entlang, an Muggendorf vorüber, bis Streitberg. Der Himmel reißt auf, wird himmelblau, strahlende Morgensonne beleuchtet die weißen Kalkfelsen, die eine oder andere Burg auf ihren Zinnen. Was für ein Zauber! Und dann also zurück zum Beziehungsknatsch.
Natürlich wird HJM noch mal bei ihm übernachten; sie werden aber keinen Sex mehr haben. HJM wird ihm, erstmals übrigens, eine Liebeserklärung machen. Aber das bringt KM nicht mehr zurück. Er, der Fische-Geborene, ist ziemlich nachtragend. Wenn er sich erst einmal gegen einen gestellt hat, kann der viele Jahre auf Versöhnung und Verzeihung warten.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.11.2025.
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