Gestern waren wir im Theater. Noch nie ging es so eng zu im Martinipark. Nahezu alle Plätze waren besetzt. Hinz und Kunz waren da. Wir saßen - rein zufällig - neben drei Personen, die in der gleichen Straße wohnen wie wir. Alle wollten die berühmte Oper Carmen sehen.
Nach drei Stunden brandete ein nicht enden wollender Applaus auf, der von den Schauspielern selbst beendet werden musste. Sie verabschiedeten sich vom Publikum. Man kann sich nicht eine halbe Stunde lang immer wieder verbeugen. Besonders gefeiert wurden die Augsburger Domsingknaben, die auf stimmige Weise in die Aufführung eingebunden worden waren.
Wir beide ließen den Opernabend ausklingen im Riegele.
Meine Frau ist eine erfahrene Eheberaterin. Beim Frühstück zog sie ihr ganz persönliches Resümee:
“Die Oper zeigt, wie eine Borderlinerin einen Mann in den
Wahnsinn treibt!”
Das hat mich ein bisschen überrascht. Der Don Jose tut ihr also mehr leid als die Carmen, die am Ende von ihm erstochen wird.
Alles Wichtige habe ich damit schon verraten.
Es geht in dieser Oper nur um ein einziges Thema: Um die Liebe zwischen Mann und Frau! Von der ersten bis zur letzten Zeile.
Diese prickelnde Erotik scheint also ganz viele Menschen in ihren Bann zu ziehen, auch wenn sie im Alltag eine viel geringere Rolle spielen dürfte.
Die Carmen ist in dieser Inszenierung gekleidet wie eine Prostituierte: Schwarze Reizwäsche und darüber ein durchsichtiger dünner schwarzer Stoff. Sie springt und hüpft herum wie eine Nymphomanin, die sich ihrer großen Attraktivität sehr wohl bewusst ist. Es macht ihr Freude, Männer in ihren Bann zu ziehen, und leistet sich die Freiheit, diese nach Lust und Laune auch wieder fallen zu lassen. Im Falle von Don Jose wird ihr das zum Verhängnis. Am Schluss wendet sie sich dem zu, der die größte Popularität genießt, dem Torero Don Escamillo.
Die Handlung müsste keineswegs mit einem Mord enden. Den beiden Hauptpersonen wird dringend naheglegt, sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen. Aber sie schlagen diese Warnungen in den Wind: Don Jose aus seinem Liebeswahn heraus, Carmen, weil sie ihre innere Unabhängigkeit unter Beweis stellen will.
Opern haben aber ihre eigenen Gesetze und müssen nun mal so enden.
Ich habe bisher nur vom Inhalt der Oper erzählt.
Noch viel spannender ist die Musik. Ich saß in der vierten Reihe, unmittelbar vor dem Orchestergraben. Es machte mir sehr viel Freude, die Tauchbewegungen des noch sehr jungen Dirigenten zu beobachten. Er brachte den schwungvollen Charakter der Musikstücke schon allein durch seine Körpersprache zum Ausdruck.
Ein berühmter Dirigent hat diese Oper schon sehr oft dirigiert. In einer Dokumentation sagt er: Jede Seite in der Partitur dieser Oper sei ein ganz erstaunliches Meisterwerk. Das spürt man am kunstvollen Aufbau der Arien, an den vielen wunderschönen Chorpartien und an dem äußerst differenzierten Spiel des Orchesters.
Das Pariser Publikum war bei der Uraufführung im Jahre 1875 überfordert von diesem Thema. (Ein weiblicher Vamp schafft ein ungeheures Chaos.)
Das Stück fiel durch.
Der Siegeszug dieser Oper begann erst ein halbes Jahr später an der Wiener Staatsoper.
George Bizet, der Komponist der Oper, war nach der misslungenen Uraufführung tief enttäuscht. Er nahm kurz danach - seiner Gewohnheit entsprechend - ein Bad in der eiskalten Seine. Das führte zu seinem schon sehr frühen Tod mit 36 Jahren.
Ich habe noch nie eine Oper gesehen, die mir so viel Freude gemacht hat.
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Leonhard Ried).
Der Beitrag wurde von Leonhard Ried auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.11.2025.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
mnet-mail.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)Leonhard Ried als Lieblingsautor markieren

Siehst du den Nebelmond
von Franz Preitler
Als Kunstwerk bezeichnet der Autor sein Buch. Kein Wunder, ist es auch mit 62 farbigen Abbildungen europäischer Künstler gespickt. Ganz zu schweigen von der wunderbaren, einfühlsamen und manchmal wachrüttelnden Poesie. Ein MUSS für Lyrik Fans!
Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!
Vorheriger Titel Nächster Titel
Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:
Diesen Beitrag empfehlen: