Bernhard Pappe

Liebesfäden und Zauber-Briefe


Ein Spätsommer Anfang der 70er Jahre. Es bedurfte noch eines Schuljahres und ich würde an dessen Ende hoffentlich ein gutes Abiturzeugnis in meinen Händen halten und ein Studium aufnehmen können. Es wurde ein Studium der Physik, aber das wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Im neuen Schuljahr tauchte eine Klasse tiefer plötzlich dieses neue Mädchen mit den langen roten Haaren auf. Ich sah sie sofort, aber nahm sie mich auch wahr? Ich war als Teenager kein ausgesprochen extrovertierter Typ. Da half mir ein Zufall.

Man suchte jemand, der eine nachmittägliche Schulveranstaltung moderieren sollte, man fragte ausgerechnet mich, ich ließ mich überreden, stand plötzlich auf einer großen Bühne und war sichtbar für dieses rothaarige Mädchen. Sie fragte nach mir, was ich im Nachgang von einem Klassenkameraden erfuhr, ich hatte eine gewisse Neugier geweckt. Sie wohnte unter der Woche im Internat. Eben jener Klassenkamerad nahm mich einfach mit, da seine Freundin gleichfalls dort wohnte. Da saß dieses Mädchen und wartete auf mich, mein erstes Date mit ihr. Wir redeten, sie stellte mir viele Fragen und wir lernten uns besser kennen. Ich war später mutig genug zu fragen, ob sie mit mir auf den Rummelplatz käme und sie ging mit mir dorthin. Ich bat sie, mir zuliebe zum Schulkarneval zu kommen und sie kam. Ich brachte sie von dort zum Internat zurück. Zum Abschied ein zaghafter Kuss auf meine Wange. Wir gingen ins Kino. Ich war stolz darauf, dieses Mädchen an meiner Seite zu haben. Ich verliebte mich unsterblich in sie. Was tun? Der Feigling in mir traute sich nicht, genau dies auszusprechen. Guter Rat war teuer.

Das Schuljahr ging seinem Ende entgegen. Unterricht gab es für mich keinen mehr. Die Vorbereitungen auf die Abiturprüfungen verlangten von mir ausreichend Aufmerksamkeit. Erst die schriftlichen Prüfungen und hernach die mündlichen. Er wurde ein Abitur, wie ich es mir erhofft hatte. Ich erfuhr nun, dass ich für mein Studium eine weite Entfernung von zu Hause und von diesem Mädchen in Kauf nehmen musste. In den zurückliegenden Wochen begegneten wir uns nur sporadisch. Lag das am Abiturstress oder gab es andere Gründe? Die offizielle Abschlussveranstaltung stand noch aus. Die Zeugnisse wurden feierlich überreicht, meine Augen ruhten jedoch auf dem einen Mädchen im Publikum. Der Feigling musste einfach eine Liebeserklärung abgeben und weil das Schuljahr vorüber war, musste es ein Brief werden. Es galt, ein überquellendes Herz zu öffnen, die Gefühle darin zu beschreiben, die eigene Feigheit und in Teilen vorhandene Hilflosigkeit zuzugeben. Und es galt, passende eigene Worte hierfür zu finden. Bloß nicht irgendwo abschreiben. Ein Drahtseilakt, meine ganze Lage erinnerte mich fatal an jene alten Liebesgedichte, die wir im Deutschunterricht behandelt hatten. Den Brief zusammenfalten, den Umschlag verschließen, Briefmarke drauf und ab damit in den Postkasten. Es schien vor Jahrhunderten nicht viel anders gewesen zu sein: Lieben – Bangen – Hoffen.

Kurze Zeit später erhielt ich einen Antwortbrief. Der hat meinen Eltern damals mit Sicherheit Fragezeichen auf die Stirn gezaubert. Ich bekam eigentlich nie Post. Der Absender, auf den sie gewiss einen Blick warfen, war weiblich. Das Bangen war worüber, aber mit welchem Ergebnis? Freundschaft ja, Liebe nein; ein Auseinandergehen, hoffentlich im Guten. Ich hatte ihr meine Feigheit gestanden und sie gab im Antwortbrief ihre eigene zu; es ehrte sie, mich nach all den gemeinsamen Stunden nicht verletzen zu wollen. Ich las heraus, dass ihr dieser Brief schwerfiel. Auf meiner Seite breitete sich zwangsläufig Enttäuschung aus, aber keine Wut. Liebe konnte man nicht erzwingen, auch wenn das eigene Herz gern etwas anderes gelesen hätte. Da war noch meine Ratlosigkeit, vielleicht in den letzten Monaten etwas falsch gemacht zu haben. In rund sechs Wochen begann mein Studium, das automatische Auseinandergehen war damit vorprogrammiert. Ich verwahrte ihren Brief sorgsam, weil der auch ein Angebot enthielt: Wir können weiter Freunde bleiben und uns schreiben.

In den ersten Monaten des Studiums rang ich mit ungewohnten Herausforderungen – viele neue Menschen, die neue Art der Wissensaneignung, die erste Mathematikprüfung bereits nach einem halben Jahr. Es gäbe viel zu erzählen über das Studentenleben, auch über dessen eher unromantische Seiten. Bewusst oder unbewusst, aber in meinem Hinterkopf spukte immer noch das Mädchen mit den langen roten Haaren herum. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie viele Wochen verstrichen, bis ich ihr den ersten Brief schrieb. Zu meiner Überraschung bekam ich eine zeitnahe Antwort. Brief um Brief, Jahr um Jahr blieb das so. Jeder erfuhr so etwas über das Leben und den Alltag des anderen. Wir haben wir uns während meiner Studienzeit getroffen. Einmal oder auch zweimal, so genau weiß ich das nicht mehr. Die Zeit war nicht spurlos an uns vorübergegangen. Aus dem Mädchen war eine sinnliche junge Frau geworden, die mich bezauberte und das war ihr damals gewiss nicht entgangen. Aus dem Schüler von einst war ein Student mit längeren Haaren und Bart geworden, der weltgewandter auftrat als früher. Wir plauderten, wie alte Freunde, deren nächstes Treffen durchaus in der Luft lag.

Meine Studienzeit schritt voran. Das wichtige Mathematik-Staatsexamen lag bereits weit hinter mir und ich steuerte auf die Staats-Examina in experimenteller und theoretischer Physik zu. Alle Scheine geschafft, es blieb noch die Diplomarbeit zu bewältigen, für die ich ein Jahr Zeit hatte. Mit deren erfolgreicher Verteidigung ging nach fünf Jahren für mich eine Ära zu Ende. Ich holte mir Zeugnis und Diplomurkunde ab und räumte mein Zimmer im Studentenwohnheim. Auf dem Bahnsteig stehend überkam mich etwas Wehmut, als ich in den Zug Richtung Heimat stieg, auch wenn ich im Grunde neugierig auf meine berufliche Zukunft war. Ich nahm mir einen Sabbat-Monat, um mich langsam auf das Arbeitsleben einzustimmen. Glücklicherweise startete ich meine berufliche Karriere in der Nähe meiner Heimatstadt und vor Ort wohnte die rothaarige Frau, mit der ich immer noch befreundet war.

Nicht mehr um jedes Detail aus dieser Zeit wissend, glaube ich, dass wir uns recht schnell zu einem Abendessen trafen. Sie arbeitete als Krankenschwester im Schichtdienst, auch ich kam nicht um Schichtarbeit herum, zudem hatte ich noch keinen Wohnraum in der Stadt, ich war erst einmal bei meinen Eltern untergekommen, was tägliches Pendeln mit dem Zug zur Arbeitsstelle unabdingbar machte. Wir trafen uns erneut zu gemeinsamen Aktivitäten. Menschen um mich herum sagten mir: Du hast aber eine hübsche Freundin. War alles wieder so, wie früher? Nein, denn da war ein Strudel, der uns unablässig anzog, angefüllt mit Wirrungen und Unsicherheiten. Die Liebe kam nicht wie ein Blitz und schon nicht über Nacht. Mir war bewusst, dass mich diese attraktive sinnliche Frau langsam an ihrem Leben teilhaben ließ, und ich ließ es mit Freuden zu. Gewiss war ich in der einen oder anderen Situation nicht immer geschickt, aber sie tolerierte es. „Bleib, wenn du magst, du musst nicht nach Hause fahren.“ Der Strudel riss uns mit sich, wir hielten einander fest. Dann gab es einen Herbsttag, an dem ich kam, aber nicht mehr ging. Ich blieb ganz einfach in dem kleinen Zimmer mit Balkon im Schwesternwohnheim. Wir ließen einander nicht mehr los. Wir redeten viel, aber nie über diese zwei Briefe aus der Schulzeit. Ich habe mich nie getraut, sie nach meinem Liebesbrief zu fragen. Wir redeten auch nicht über Beziehungen, die ein jeder uns vielleicht in den verflossenen Jahren eingegangen war. Wir streiften einfach die Vergangenheit wie eine alte Haut ab.

Für das ‚Nicht einander loslassen‘ will ich ein maritimes Bild wählen. Wir bestiegen gemeinsam ein Schiff, um über das Meer des Lebens zu fahren - Kurs weitestgehend unbekannt. Sicher gab es Erwartungen und Träume. Widrigkeiten blieben nicht aus. Mal ruhige See, mal schweres Wasser, Stürme mit unterschiedlicher Heftigkeit, Klippen, die es zu umschiffen galt, nicht immer gab es Einigkeit über den Kurs. Manchmal lockerte sich der Griff der Hände ein wenig, aber wir ließen einander nicht wirklich los.

Dann dieser schwere Sturm, der alles ändern sollte. Ich hörte dich sagen: „Du darfst nicht traurig sein.“ Auch wenn sich dieser Sturm für eine Weile zu legen schien, so erzeugte er dennoch eine Strömung, die uns hineintrieb in den Hafen der Unvermeidlichkeit. Es gab kein Ruder mehr, welches wir hätten herumreißen können. Anlegen. Leicht und sanft gings du von Bord; vorher sagtest du, da wäre keine Angst. Ein Hierbleiben – für mich unmöglich. Ablegen. Ich fuhr allein hinaus auf jenem Schiff, sein Laderaum nun angefüllt mit Traurigkeit und Erinnerungen. „Ich hatte ein schönes Leben.“ Deine Worte hingen noch in der Luft, ummantelten mich, gaben mir Energie und innere Wärme für die Dinge, die da kommen würden.

All den Briefen, die wir austauschten, muss ein Zauber innegewohnt haben, sonst hätten sich jene Geschehnisse über mehr als 50 Jahre hinweg nicht entfalten können.

 

Epilog

Meine kleine Erzählung, ein Brückenschlag hinüber in die Vergangenheit und wieder zurück, jede geschriebene Zeile eine Erinnerung und zugleich ein Schritt vorwärts, wieder ein Stück hinaus auf das Meer des Lebens – Kurs unbekannt.

Noch kann ich mich gut an all das erinnern. Über die Jahrzehnte hinweg verblassen Details. Das ist normal. Vielleicht kann ich mich irgendwann einmal gar nicht mehr so recht erinnern. Dann helfen mir hoffentlich die Geschichte und der noch vorhandene Zauber-Brief. Ich lege ihn sorgsam zurück in meine Unterlagen, gewiss aus Sentimentalität heraus, aber auch als Beweisstück für die Unglaublichkeit der Dinge, die mir widerfahren sind.

 

© BPa / 11-2025

Das ist meine und nur meine Wahrheit über die Geschehnisse. Es gibt eine zweite Wahrheit, die ich nun nicht
mehr erfragen kann. Ich hoffe, die Schnittmenge zwischen den beiden Wahrheiten ist groß.
Bernhard Pappe, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.11.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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