Jens Richter
Max von Sternberg und der Tempel der Isfet
Ich war Teilnehmer einer unheimlichen Expedition.
Vor einem Jahr verließ ich mit einem lachenden und weinenden Auge die Universität zu Genf.
Meiner Mutter ging es altersbedingt nicht mehr gut, sodass Mara, meine rätselhafte Ehefrau beschloss, sie zu pflegen.
Außerdem wuselt unser Sohn Elias durchs Haus.
Ich verdiente meinen Lebensunterhalt mit wissenschaftlichen Abhandlungen zu unterschiedlichen Themen.
Um es auf den Punkt zu bringen, ich versauerte in der Bibliothek bzw. im Arbeitszimmer.
Jedoch musste ich mich über meine Tantiemen nicht beklagen.
Die Bezahlung stimmte.
Ich kam nur noch selten aus dem Haus, allenfalls in den Abendstunden, um mit unserem Hund Alfy Gassi zu gehen.
Als ich eines Abends mit Alfy von der täglichen Runde zurückkehrte, hörte ich Mara im Arbeitszimmer telefonieren.
Sie unterhielt sich mit ihrem Gegenüber über ein Bauwerk in Ägypten.
Mir schwante da etwas, denn die Erlebnisse in Seths Sandpyramide lagen noch keine drei Jahre zurück.
Wurde Mara wieder zu irgendeiner Mission gerufen?
Nach einer geschlagenen Stunde legte sie den Hörer auf die Gabel und kam zu mir.
"Du Max, ich glaube, du musst mal raus", begann sie. "Ich hatte gerade Doktor Heckert in der Leitung. Er hat ein noch völlig unbekanntes Bauwerk in der Wüste gefunden."
"Und wieso ich?", antwortete ich. "Du bist doch die Spezialistin für ägyptische Mythologie."
"Ja du Schlaumeier, wer passt dann auf Elias auf? Und wer stillt ihn? Ganz zu schweigen von deiner Mutter. Sie möchte auch versorgt sein."
Mara hatte wie immer recht.
Ich gab mich geschlagen.
"Nun gut. Worum geht es?", fragte ich kleinlaut.
"Heckert hatte festgestellt, dass um dieses Bauwerk ein starkes magnetisches Feld wirkt. Weil sich Heckert das nicht erklären kann, habe ich an dich gedacht. Energie ist doch dein Fachgebiet."
"Mmh", brummte ich. "Und wann soll es losgehen?"
"Wenn du interessiert bist, schon nächste Woche."
"Heckert scheint es wirklich eilig zu haben. Hat er dir eigentlich einen konkreten Hinweis gegeben, was er in der Wüste gefunden hat."
"Er sagte mir, er hatte in einen Traum einen Hinweis bekommen, dem er gefolgt ist und so diesen Tempel im Sand entdeckt. Dieses Bauwerk musste von seinen Helfern vollständig freigelegt werden. Als die Männer dann sahen, was sie freigelegt hatten, verließen sie Hals über Kopf die Ausgrabungsstätte."
"Was fanden sie denn da?"
"Den Tempel der Isfet."
"Was bedeutet das?"
"Du weißt doch, dass ich in einem früheren Leben der Göttin Maat diente. Isfet ist sozusagen der Gegenpol zu Maat. Wir würden sagen, sie ist die Herrin der Hölle."
"Und dort willst du mich hinschicken?"
"Max, du sollst nur herausfinden, woher plötzlich dieses starke Magnetfeld kommt, das den Tempel umgibt, seit dem er freigelegt ist."
"Ehrlich Mara, ich sollte hier bleiben und Heckert müsste den Ort schleunigst verlassen. Mir ist nicht geheuer bei der Sache."
Mara wirkte den ganzen Abend auf mich ein und wickelte mich wie gewohnt um den Finger.
Ich ließ es geschehen, ich Narr!
Ich ging am nächsten Tag zur Bibliothek der Universität, um alles Verfügbare über Isfet herauszufinden.
Doch was ich darüber in Erfahrung brachte, fand man in jeder guten Lexika.
Es reichte immerhin aus, um Heckert von seinem Unterfangen abzuhalten.
Die Bücher enthielten einiges über das alte Ägypten, die Bauwerke, seine Götter und die Mythologie.
Von Mara, die noch vor der ersten Dynastie unter der Göttin Maat als Hohepriesterin diente, wusste ich, dass sich diese für das harmonische Gleichgewicht auf der Erde und im Universum einsetzte.
Sie war eine körperliche Gottheit.
Es gab zu Maat auch einen gefürchteten Gegenpol, der Isfet genannt wurde.
Isfet war anders.
Sie war laut Lexikon eine weibliche Wesenheit, die unsichtbar ist.
Außerdem ist sie weder erklär- noch greifbar.
Isfet ist ein furchteinflößender Zustand, dem die Götter und Menschen gleichermaßen aus dem Weg gingen.
Isfet steht für Chaos, Gewalt und das Böse.
Sie repräsentiert den unterirdischen Gerichtssaal des Totengerichtes.
Die Überlieferungen besagen, dass verblichenes Leben an dem gemessen wird, was für Taten sein Herz belasten.
Ist das Gewicht des Herzens leichter als das einer Feder, darf der Verstorbene aufsteigen.
Aber wehe dem, dessen Herz schuld- oder gar sündenbelastet ist....
Nach einer mehrtägigen Reise über die Stationen Wien und Triest kam ich erschöpft in Alexandria an.
Aus der Erfahrung vergangener Reisen hatte ich meinen Jo, Mutters Derringer, ein Seil, eine Bauchflasche für Wasser und mein Notizbuch im Gepäck.
Alle Gegenstände und Utensilien, außer dem Jo, passten in einen Koffer.
Ich traf Doktor Heckert in einem Café in Alexandria.
Freudestrahlend berichtete er mir, dass er eine neue Mannschaft rekrutierte, die bereits vor dem ominösen Tempel das Lager aufgeschlagen hat.
Er schwärmte von dem Bauwerk, konnte es scheinbar nicht erwarten, dass ich es endlich sah.
Am nächsten Morgen, in aller Herrgottsfrühe, fuhr uns ein klappriger LKW, beladen mit den restlichen Ausgrabungsgegenständen, nach Hermopolis.
An meine geliebte Familie schrieb ich noch den Abend zuvor eine Postkarte und teilte ihr den Ort des Tempels mit.
Ich hatte ein ganz mulmiges Gefühl in der Magengegend, als Heckert und ich im Camp ankamen.
Seine neue Mannschaft schien ein zusammengewürfelter Haufen von Menschen zu sein, denen man vorzugsweise aus dem Weg geht.
Ein Potpourri aus Tagelöhnern, Dieben und im schlimmsten Fall Schwerverbrechern.
Für ein landesübliches Gehalt und drei Mahlzeiten täglich konnte Heckert diese Leute schnell gewinnen.
Ich beschloss, unter dem Radar dieser Leute zu bleiben.
Vor allem auch deswegen, dass mir das ausgeliehene Gaussmeter (zum Nachweisen von Magnetismus) nicht gestohlen wird.
Heckerts Männer hatten die Vorderfront des Tempels vollständig freigelegt.
Ein monströses Eingangstor, versehen mit uralten Schriftzeichen, zierte den Tempel.
Die Schriftzeichen konnte ich auf den ersten Blick keiner Hochkultur zuordnen.
Weder den Sumerern, den Khmer oder den Elam.
Ganz zu schweigen den von Atlantis, Hyperborea und Lemuria.
Sie schienen aus noch älteren Epochen zu stammen.
Aus reiner Neugier näherte ich mich dem Tor.
Heckert folgte mir.
Ich spürte eine unsichtbare Kraft, die den Tempel umgab, als lastete ein tonnenschweres Gewicht auf mir.
Die Nadel des Gaussmeters zappelte am äußersten Endausschlag, was auf ein enormes Magnetfeld hindeutete.
Es war überhaupt nicht daran zu denken, sich mit metallischen Gegenständen dem Tor zu nähern.
"Von Sternberg, den Magnetismus spürte man anfangs noch gar nicht. Erst als die Front des Tempels freigelegt war", sprach Heckert.
"Irgendwer versucht zu verhindern, dass der Tempel geöffnet wird", erwiderte ich.
"Ich habe angeordnet das Tor mit Sprengstoff zu öffnen."
"Doktor Heckert, sie sollten die Sache auf sich beruhen lassen. Manchmal müssen wir Dinge hinnehmen wie sie sind."
"Das ist für mich keine Option. Ich stehe hier vor meinem größten Triumph. Es ist mir wichtig, der Sache auf den Grund zu gehen."
"Im Prinzip bin ich hier mit meiner Einschätzung fertig", versicherte ich Heckert. "Es existiert ein starkes magnetisches Kraftfeld, das den Tempel sichert. Mehr kann ich nicht für sie tun."
"Kein bisschen neugierig?"
"Ich weiß was Isfet ist. Nein, ich möchte über dieses Wesen keine weiteren Erkenntnisse gewinnen."
"Alles Mythen, mein lieber Sternberg. Nichts davon ist real."
"Doktor Heckert glauben sie mir, wir Forscher wollen immer alles erklären. In Wirklichkeit wissen wir nichts. Mein Bauchgefühl sagt mir, geh da nicht hinein."
Heckert schüttelte verstört den Kopf.
Es war brütend heiß.
Ich musste raus aus der Sonne.
So zog ich mich zurück in mein Zelt beim LKW.
Durch die Zeltöffnung hatte ich das Treiben am Tempel im Blick.
Heckerts Männer hatten Sprengstoff um das Tor platziert.
Dann verlegten sie die Zündschnüre.
Er wies die Männer an, in Deckung zu gehen.
Ein infernaler Knall folgte.
Das Tor fiel krachend in den Sand.
Danach ein Augenblick völliger Totenstille.
"Das Magnetfeld ist verschwunden", rief ein Arbeiter Heckert zu.
"Sehr gut! Nehmt Lampen, Waffen und Werkzeuge mit. Wir gehen rein", befahl er.
Nach und nach liefen alle zum freigelegten Eingang.
Ein lautes Grollen drang aus dem Inneren des Tempels.
Etwas war erwacht.
Ein unsichtbarer Sog erfasste Heckert und seine Männer.
Er zog alle regelrecht ins Innere.
Obwohl sie sich mit Händen und Füßen wehrten, keiner konnte diesem Sog entkommen.
Sie schrien vor Entsetzen durcheinander, bis der Letzte in der Öffnung verschwand.
Dann war es still.
Nur der Wind blies sanft über die Wüste.
Jetzt erfasste mich ebenfalls die Neugier.
Ich wollte schon zur Öffnung laufen, da verdunkelte sich über dem Camp der Himmel.
Wie aus dem Nichts materialisierte sich ein riesiges Fluggerät.
Ich glaubte noch nie an fliegende Untertassen, aber unmittelbar über mir schwebte gerade eine.
Ich verharrte an Ort und Stelle, sah nach oben.
Nur nach wenigen Augenblicken tauchten ebenfalls aus dem Nichts einige Menschen auf.
Sie alle waren schätzungsweise drei Meter groß, von schlanker, muskulöser Statur.
Ihre Haut war leicht gebräunt.
Diese Menschen hatten längliche Köpfe, die von blonden oder rotblonden Haaren bedeckt waren.
Ihre Augen waren von grüner, blauer oder grauer Farbe.
Sie trugen stabähnliche Waffen, an dessen Spitze Kristalle aufgesetzt waren.
Sie blickten mich mit strenger Miene an.
Eine Frau erschien im Wüstensand.
Sie war wunderschön, gekleidet in ein rotes Gewand.
In ihren dunklen Haaren steckte eine Straußenfeder.
Ihr Blick strahlte Güte und bedingungslose Liebe aus.
Aus Maras Erzählungen wusste ich sofort, dass die Göttin Maat vor mir stand.
Sie sprach mich auf Altägyptisch an.
Ich verstand kein Wort.
"Tun Sie mir bitte nichts", flehte ich sie an. "Ich habe mit der Zerstörung des Tempels nichts zu tun."
"Ich weiß. Du sprichst in einem neuartigen Dialekt der germanischen Völker", antwortete sie mir. "Wer bist du, Menschlein?"
"Max von Sternberg. Ich bin Schweizer!"
"Ah, der Mann an Isabellas Seite."
Woher wusste Maat das?
Je mehr ich darüber nachdachte, hätte ich es ahnen müssen.
Mara oder Isabella oder die Hohepriesterin, wer von den Dreien auch immer, standen noch immer mit der Göttin im geistigen Austausch.
Ich nahm mir vor, nach meiner Rückkehr mit Mara ein ernstes Wort zu sprechen.
Maat befahl ihren Männern, das Tor wieder einzusetzen.
"Aber Heckert und seine Männer sind noch im Tempel", gab ich Maat zu bedenken.
"Ihre Seelen sind verloren. Sie alle haben so viel Unrechtes im Leben getan. Für sie gibt es keine Gnade. Isfet hält Gericht über sie."
"Warum hat es mich nicht ins Innere des Tempels gezogen?"
"Deine Seele ist rein. Du bist dazu auserwählt, ein Leben lang die Wahrheit zu suchen. Du wirst Dinge sehen, die euch Menschen unbekannt scheinen. Pass auf, dass deine Seele unbefleckt bleibt."
"Ich will es mir merken", antwortete ich. "Eine Frage habe ich aber doch. Wie funktioniert der gesamte Mechanismus?"
Maat lächelte mild.
"Der Sand der Wüste ist ein natürlicher Schutz, der den Tempel verborgen hält. Wird der Sand abgetragen, löst das ein starkes Magnetfeld aus. Die Menschen haben dann das Gefühl, dass das Gewicht riesiger Steine auf ihnen lastet bis sie erlahmen. Aber in deinem Zeitalter haben die Menschen zerstörerische Materialien entwickelt, denen das Magnetfeld nichts anhaben kann. Wir Götter haben die starke Erschütterung des Magnetfeldes gespürt, sodass ich zum schnellen Handeln gezwungen war. Isfet darf niemals ihren Tempel verlassen."
Mit Kräften, die mir rätselhaft erschienen, setzten Maats Männer die gewaltige Tür ohne Kran und Technik wieder vor den Eingang des Tempels.
Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, würde ich schwören, dass alles nur ein Gespinst meiner nächtlichen Träume ist.
Dann erzeugte Maat einen Windhose, die eine Sanddüne aufnahm und den Tempel der Isfet restlos in der Wüste begrub.
Nicht nur der Tempel war verschwunden, auch das Lager und der Lastwagen.
Nur was ich am eigenen Leib trug blieb mir.
Maats Männer verschwanden, so wie sie gekommen waren, im Inneren des Fluggerätes.
"Eins noch Max", riet mir Maat. "Vergiss, was du hier erlebt hast. Lasst meine Schwester Isfet in Frieden."
Sie lächelte und verschwand wie eine Fata Morgana.
Und mit ihr das riesige Fluggerät.
Verzweifelt saß ich in der Hitze Ägyptens und hatte kaum noch Wasser in der Bauchflasche.
Ich war jeder Zuversicht beraubt, je wieder nach Hause zu kommen, als unmittelbar neben mir Marcellonis Teleportationskammer landete.
Als sich die Tür öffnete, erschien Mara mit Elias auf dem Arm.
Mein Sohn juchzte vor Freude.
Ich war unendlich erleichtert und gab den Beiden einen dicken Kuss.
"Komm schnell", grinste mich Mara schief an. "Elias muss ins Bett."
"Woher...?"
Weiter kam ich nicht.
"Ich hatte die Eingebung, dass du hier meine ehemalige Chefin kennenlernen würdest. Da wollte ich nach dem Rechten sehen."
"Mara, bitte, ab sofort suche ich mir die Abenteuer selber aus, die ich erleben möchte. Die ägyptischen Götter sind mir wirklich eine Nuance zu spontan."
"Langweiler", kicherte sie, ehe wir mit der Teleportationskammer den Heimweg antraten.
Ende
Jens Richter, September 2025
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.11.2025.
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