LyraLyra Gabriel

Begehren

„Weißt du, dass Mona in der Psychiatrie ist?“

Wie das Aufprallen einer Münze, die auf harten Boden fällt und weiter rollt, landet Laras Stimme in meinem Fantasiezustand.

„Nee“, antworte ich hastig, damit ich nicht wieder abdrifte und an das Gesicht denke, das mich so körperlich elektrisiert und alle Formen von Begierde in mir auslöst. Ich kann mir nicht erklären, was da in mir geschieht.

Man begehrt, was man sieht – habe ich mal gelesen. Ich nehme mir vor, Eric aus Schweden nicht mehr auf Social Media zu folgen. Wir folgen uns gegenseitig und schreiben uns.

Wahrscheinlich habe ich ein Mangelerleben, das ich noch nicht erkannt habe. Ich werde darüber nachdenken – kontemplieren. Und sollte jemand einen Fluch auf mich gelegt haben oder ich unter einem Bann stehen, dem ich mich kaum entziehen kann, werde ich ein Fluch- und Bannverdammungsritual durchführen. Davon habe ich auf YouTube gehört.

Ich lächle.

„Lara, erzähl, warum ist Mona in der Psychiatrie? Ich fand die total bodenständig und nett.“

„Ihr Freund – also, ohne Plus –, mit dem sie als WG zusammenlebte, hat monatelang versucht, Mona wieder in die reale Welt zu holen.

Sie hatte sich wohl total in einen Typen aus den USA im Netz verknallt. Saß nur noch am PC, im Schlafanzug, ungewaschen, mit Wein und Schokolade neben sich – nur um seine Posts zu liken.

Nachts stand sie wegen der Zeitverschiebung auf und freute sich, dass er anscheinend immer online war, wenn sie ihren Account checkte. Sie wertete das als Interesse an ihr. Dass er vielleicht einfach nie seinen PC oder Notebook ausschaltete, wollte sie nicht glauben.

Sie buchte einen Flug in die USA, um bei seiner Lesung in einer kleinen Buchhandlung in Gonzales, Texas, dabei zu sein.

Anscheinend ist sie dort völlig ausgerastet, als sie in seiner Story <Possession> von einer Person hörte, die ihn auf Facebook und Instagram virtuell verfolgt und ihm sogar geschrieben hatte, dass sie zu seiner Lesung komme.

Mona rannte zum Lesepult, schlug ihm seine Bücher um die Ohren und riss einzelne Seiten aus dem Exemplar, das er gerade las.

Es dauerte eine Weile, bis die schockierte Inhaberin der Buchhandlung die Cops rief, die sie schließlich abführten.

Ihre Eltern wurden informiert, sie abzuholen – unter der Auflage, dass Mona sich in psychologische Betreuung begibt und einen Nachweis darüber erbringt. Nur so konnten sie verhindern, dass sie in den USA hospitalisiert wird – und die Kosten dafür von ihr oder ihren Eltern getragen werden müssen.

Mehr weiß ich auch nicht.“

Mir ist total übel, kann mir Ähnliches wegen Eric passieren?

Ich verabschiede mich hastig von Lara.

„Meld dich, wie es dir geht – bis zum nächsten Mal!“, ruft sie mir nach.

Ich renne nach Hause, schalte mein Notebook ein und lösche alle meine Accounts. Mit dem letzten Funken Verstand halte ich mich gerade noch davon ab, mein Notebook an der Tischplatte zu zertrümmern.

Hektisch suche ich nach den Unterlagen über das Fluch- und Bannauflösungsritual, die ich ausgedruckt hatte.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.11.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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