Eine wissenschaftlich fragwürdige Satire
Das Schwein ist offiziell ein Haustier – inoffiziell jedoch das einzige, das das Haus seines Besitzers meist nur von außen sieht. Während Hunde auf Sofas residieren, Katzen auf Fensterbänken thronen und Wellensittiche ihre Wohnzimmerdiktaturen errichten, bezieht das Schwein mit stoischer Gelassenheit den Stall. Nicht, weil es sich dort besonders wohlfühlt – sondern weil der Mensch es dorthin sortiert. Ordnung muss schließlich sein: Das Reine ins Haus, das Unreine in den Schweinestall.
Der vermeintliche Widerspruch löst sich schnell auf, wenn man bedenkt, dass das Schwein zum Symbol der Unsauberkeit wurde. Ungerecht, wie viele Schweine wohl behaupten würden – wenn man sie denn ließe. Doch weder Lobby noch Sprechvermögen stehen ihnen zur Verfügung. Dem Menschen kommt das ausgesprochen gelegen.
Die kulinarische Abteilung der Natur
Im Naturprinzip „Fressen und gefressen werden“ spielt das Schwein keine philosophische Rolle, sondern eine rein kulinarische. Der Ablauf ist streng ritualisiert:
Schwein frisst.
Schwein wächst.
Schwein wird gegessen.
Dieser Dreisatz ist auf Bauernhöfen so sicher wie der Sonnenaufgang. Das Schwein erledigt den Job der Massebildung mit beneidenswerter Effizienz. Während Menschen Fitnessstudios erfinden, um nicht zuzunehmen, zeigt das Schwein mit souveräner Professionalität, wie einfach das eigentlich wäre: alles fressen, nichts bewegen.
Als Allesfresser kennt es nur ein einziges Tabu: „Das frisst kein Schwein!“
Merkwürdigerweise ist dieser Satz ausschließlich im menschlichen Sprachgebrauch nachweisbar. Schweine selbst halten sich nicht daran.
Doch frisst das Schwein wirklich alles gerne? Genussforscher – ein kleiner, aber mutiger Berufsstand – sind sich einig: Schweine sind keine Gourmets. Sie sind die Recyclinghöfe des Tierreichs – unkritisch, pragmatisch und dabei erstaunlich fröhlich.
Designfehler oder Naturkunst?
Der Körper des Schweins ist kein Werk des goldenen Schnitts, sondern eher ein Entwurf aus der Kategorie „funktional, aber nicht fürs Schaufenster“. Ein breiter, kompakter Rumpf, getragen von vier Beinen, die wirken, als habe die Evolution gesagt: „Na gut, zum Laufen reicht’s.“
Der Kopf ähnelt einem verformten Kegel, der einmal zu heftig auf eine Tischkante gefallen ist. Die berühmte Wühlschnauze jedoch erfüllt ihre Funktion so hervorragend, dass man sich fragt, warum Menschen keine Trüffel-Nasen entwickelt haben – vermutlich, weil sie zu beschäftigt waren, sich gegenseitig zu beeindrucken.
Die Haut des Schweins ist mit Borsten bedeckt, die in jedem Wellnesskatalog unter „Peeling – nur für Fortgeschrittene“ eingeordnet würden. Schweine bevorzugen ohnehin Schlamm zur Körperpflege – eine frühe Form der Naturkosmetik, lange bevor Influencer sie für sich entdeckten.
Schweinische Schönheitsfragen
Über Geschmack lässt sich streiten. Über das Aussehen eines Schweins eher nicht – zu eindeutig ist die Lage. Deshalb richtet sich das öffentliche Interesse größtenteils auf seine Innereien. Besonders die Lenden sind begehrt, während das Gesicht nur selten als Poster-Motiv Karriere macht.
Geschmackssache, meinen die einen.
Ehrlichkeit, sagen die anderen.
Der Alltag des Schweins
Der Tagesablauf ist übersichtlich:
Fressen
Wühlen
Grunzen
Suhlen
Liegen
Wiederholen
Das Schwein ist ein Meister der Effizienz. Es lebt ein Leben, das Menschen wahlweise paradiesisch oder skandalös erscheint. Wäre das Schwein ein Mensch, würde man sagen, es habe den „inneren Schweinehund“ vollständig domestiziert – und zwar mit Erfolgsgarantie.
Wer macht hier eigentlich die Schweinereien?
Ironischerweise ist das Schwein moralisch erstaunlich unbescholten. Die wirklichen Schweinereien begeht der Mensch. Vielleicht erklärt das den „Schweinehund“: eine Kreuzung aus menschlicher Willensschwäche und einem besonders genügsamen Borstentier.
Manche Menschen lassen daher regelmäßig „die Sau raus“ – ein Vorgang, der mit Schweinen wenig, mit Alkohol und fragwürdiger Musik jedoch umso mehr zu tun hat.
Die Lebenszeit – ein ungelüftetes Geheimnis
Schweine kommen schon als Ferkel zur Welt – wissenschaftlich breit anerkannt.
Wie alt sie jedoch in Freiheit würden, bleibt unbekannt. Das Leben des Hausschweins endet stets vorzeitig, noch bevor ein graues Haar sprießen oder ein Midlife-Crisis-Grunzen erklingen könnte. Kein einziges Hausschwein wurde je beim natürlichen Tod beobachtet.
Versichert sind Schweine deshalb auch nicht – aus ihrer Sicht eine glatte „Saurerei“.
Familienverhältnisse und sprachliche Missverständnisse
Die adeligen Vorfahren des Hausschweins sind die Wildschweine. Über sie sagt man:
„Der Eber ist oft missgestimmt,
weil seine Kinder Ferkel sind.
Nicht seine Frau, die Sau, allein –
nein, die ganze Verwandtschaft Schweine.“
Eine Form von Familienkritik, die erstaunlich menschlich wirkt.
Andere Schweinehäute
Neben dem Hausschwein kennt der Sprachgebrauch:
reiche Schweine
arme Schweine
blöde Schweine
faule Schweine
politische Schweine
Sparschweine
…und jene, die einfach nur Schwein haben
Das Glücksschwein ist dabei die sympathischste Variante: kein echtes Schwein, sondern eines, das sich hartnäckig weigert, Pech zu akzeptieren.
Lohnt es sich, ein Schwein zu sein?
Betrachtet man die Karriere eines Hausschweins, lautet die Antwort eindeutig: nein.
Betrachtet man allerdings sein entspanntes Leben vor dem Lebensende, könnte man fast neidisch werden – wäre da nicht, nun ja, eben dieses Lebensende.
So bleibt das Schwein ein tragikomisches Wesen:
verkannt, verwurstet, verspottet – und doch unverzichtbar für Kultur, Küche und Komik.
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Der Beitrag wurde von Istvan Hidy auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.11.2025.
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