Istvan Hidy

Von den USA lernen heißt…

»Hier spricht die Schule für angewandte Ethik und Moral in Washington — Amerikas führende Ausbildungsstätte für alles, was man offiziell nie getan haben will. Wie können wir helfen?«

»Grüß Gott! Ich melde mich aus Stuttgart. Mein Sohn verbringt diesen Sommer seinen Urlaub in den USA, und ich wollte mich erkundigen, ob Sie Sommerkurse anbieten.«

»Aber sicher! Wir bieten die komplette Palette des amerikanischen Regierungshandwerks: Heuchelei für Anfänger, Betrug für Fortgeschrittene und Eiseskälte im öffentlichen Dienst.«

»Aha, also praxisnah?«

»Aber selbstverständlich! Unser Curriculum endet wahlweise mit einem Bakkalaureat in Verschleppungstaktik oder einem Magistergrad im kontemplativen Meineid. Wir nennen das: Leadership Skills (Führungsqualitäten).«

»Können Sie das genauer erläutern?«

»Wir beginnen mit einer soliden Grundausbildung im Lügen. Keine kleinkarierten Unwahrheiten, sondern echte, voll zertifizierte Bundeslügen. Wir simulieren Kongress-Hearings, in denen die Schüler lernen, wie man aus der Realität eine rein hypothetische Möglichkeit macht.«

»Wie funktioniert das?«

»Mit der klassischen Elliot-Abrams-Methode. Sie kennen das: „Mag alles sein, aber ich erinnere mich an nichts“ oder „Ich habe keine Ahnung, aber wenn Sie behaupten, ich hätte es getan, dann klingt das plausibel.“«

»Und Bush jr. lehrt das immer noch persönlich?«

»Nein, der ist inzwischen eher unser Maskottchen — eine Art moralischer Glücksbringer. Seine Verdienste im strategischen Nichtwissen sind zwar legendär, aber er wirkt heute nur noch ehrenhalber als Symbolfigur für unerschütterliche Ahnungslosigkeit.«

»Ja, das passt.«

»Wenn Ihr Sohn in Washington ist, empfehlen wir dringend unser Seminar für Sonderstaatsanwälte.«

»Ein ganzes Seminar?«

»Natürlich! In einem funktionierenden politischen System braucht der Nachwuchs schließlich Methodenkompetenz. Nehmen wir an, Ihr Sohn gerät in einen kleinen Bestechungsskandal der Rüstungsindustrie — völlig alltäglich. Die Firma zeigt sich erkenntlich: ein paar Aktienpakete, ein Umschlag mit Bargeld, vielleicht ein Lobbyisten-Dinner. Sobald die Presse Wind bekommt, hat Ihr Sohn Anspruch auf seinen persönlichen Sonderstaatsanwalt.«

»Und was macht er dann?«

»Er beantragt Immunität und singt wie ein Kanarienvogel über alle anderen Beteiligten. Loyalität ist bei uns optional, Selbstrettung hingegen Pflicht.«

»Ist das nicht… etwas fragwürdig?«

»Fragwürdigkeit ist ein anderes Fach, das wir unter ›Ethik der Schlupflöcher‹ führen. Dort lernen Beamte, wie man Umweltgesetze so auslegt, dass sie vor allem die Umwelt treffen — und nicht die Verursacher.«

»Und Kurse über Ehebruch haben Sie auch?«

»Selbstverständlich — aber das wird nicht angerechnet. Das gilt in Washington als Grundkompetenz, etwa auf dem Niveau von Frühstück oder Lobbyismus.«

»Und was ist mit Habgier?«

»Pflichtfach. Wir vermitteln, dass Habgier kein Fehler ist, sondern ein patriotischer Auftrag. Je größer das persönliche Vermögen, desto größer das nationale Selbstwertgefühl.«

»Mein Sohn möchte gern in einer Bundesbehörde arbeiten. Braucht man da viel Miesigkeit?«

»Das hängt davon ab, ob er Karriere machen will oder nur so vor sich hin regieren. Wir bieten alle gängigen Wirtschaftsverbrechen: Preisabsprachen, Insiderhandel, kreative Buchführung. Unsere Aufgabe ist die Ausbildung — was die Absolventen später daraus machen, läuft dann unter ›freie Wirtschaft und Markt‹.«

»Und lehren Sie auch das Vernichten peinlicher Dokumente?«

»Natürlich! Jeder Schüler erhält einen eigenen Reißwolf sowie einen Verbrennungssack, der auch als Lunchbag (Lunch-Tasche) geeignet ist. Wir fördern Nachhaltigkeit.«

»Das klingt ja fast… amüsant.«

»Wir tun unser Bestes. Am Ende sollen unsere Schüler pflichtbewusste Führungspersönlichkeiten werden — auf der ganzen Welt. Auch wenn sie dafür permanent lügen müssen. Wie unser gutes Vorbild Bush jr. einmal sagte: „Die Regierung hat mehr zu tun, als nur deine Freunde zu belohnen und deine Feinde zu bestrafen.“«

»Und was denn noch?«

»Nun — nicht viel. Wir wollen ja auch ein wenig realistisch bleiben.«

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