Hans K. Reiter

Wenn jeder nur noch an sich denkt

Egbert, mein langjähriger Schreibgefährte, hatte die Idee. Und Ideen sind wie Haustiere: Manche wollen ständig raus, manche schlafen den ganzen Tag, und manche beißen einem ins Bein. Diese hier biss. Wenn jeder nur noch an sich denkt.

Ein Satz, den man ausschließlich über andere sagt. Über die, die mit eingebautem Ego-Turbo durchs Leben pflügen. Man erkennt sie daran, dass sie Türen nicht öffnen, sondern durch sie hindurch wollen – Hauptsache schneller als der Rest der Menschheit.

„Ich hab’s geschafft!“, ruft einer.
Was?
Den Kaffee getrunken, ohne sich zu verbrennen?
Nein, eine Sprosse auf der Karriereleiter erklommen. Also dort, wo man nach oben steigt und nach unten tritt – und beides gleichermaßen für völlig normal hält.

Prestige, Titel, Visitenkarten. Der Herr Doktor. Die Frau Professorin. Der Oberstaatsanwalt Dr. Sowieso. Wer solche Menschen im Bekanntenkreis hat, braucht eigentlich keine Heizung mehr – so sehr sonnen sie sich alle gegenseitig im Glanz ihrer Wichtigkeit. Ich mittendrin. Hurra. Ich leuchte fast.

Der Lebenslauf wird dabei zur größten Kunstsammlung seit dem Louvre. Ehrenämter, Hobbys, Engagements – alles, was gut klingt, wird eingeklebt.

Doch denkt mal einer den Ego-Trip zu Ende?
Natürlich nicht.
Egoismus ist wie Schokolade: Man merkt erst spät, dass man irgendwann ganz allein auf dem Sofa sitzt – mit Bauchweh.

 

Er dagegen ist überzeugt: Ich bin nicht so. Nicht er, nicht der Mann, der am Königssee das Watzmann-Massiv anstarrt, als könnte es ihm beweisen, dass er ein guter Mensch ist.

Das Haus geerbt, die Nachbarn kühl – eine klassische Kombi. Und ja, er gibt zu: Mit der Dorfgemeinschaft ist er nie warm geworden. Aber vielleicht liegt es daran, dass das Dorf zuerst eingefroren war.

Sie, seine Frau, spürt es noch direkter:
Sie mögen mich nicht.
Niemand grüßt. Und wenn, dann so schmallippig, als würde ein Lächeln teuer besteuert. Die Leute huschen vorbei wie Nebelschwaden mit schlechten Manieren. Im Supermarkt grüßen immerhin manche Angestellte – für ein paar Wochen, bis sie versetzt werden. Dann beginnt das Grüßen wieder bei Null.

Sie denken: Wir passen nicht hierher.
Die anderen denken: Komisch diese Neuen.
Und die Geflüchteten im Containerdorf denken: Warum sind wir überhaupt hier gelandet?
Ein solider Konsens der gegenseitigen Ratlosigkeit.

 

Philosophen sagen: Der Mensch ist ein Egoist.
Neuroforscher sagen: Der Mensch ist ein Egoist.
Kriminologen sagen: Der Mensch ist ein Egoist.
Menschen sagen: Ich bestimmt nicht – aber alle anderen!

Dabei reicht ein realistischer Blick: In jeder Schulklasse gab es ihn. Den Streber, der sich beim Lehrer anbiederte wie ein Staubsaugervertreter auf Koffein. Keiner mochte ihn – außer er selbst. Heute ist er Geschäftsführer. Oder AfD-Mitglied. Oder beides.

Und doch: Zwischen einem zielstrebigen Menschen und einem selbstverliebten Egoisten liegt ein ganzer Himmel voller Unterschiede.
Sagt ein Gelehrter.
Sagt aber auch jeder zweite Stammtisch in Bayern, wenn’s um die Nachbarn geht.

Die Wahrheit ist simpel:
Wir wissen genau, wie es sich anfühlt, neben einem echten Egoisten zu stehen. Man spürt es am Ellenbogen in der Rippe und am Fremdscham-Schweiß auf der Stirn.

Und irgendwann – ganz leise, ganz vorsichtig – fängt man selbst damit an.
Nicht, weil man es will.
Sondern, weil man sonst plattgewalzt wird.

So wird man vom „Ich bin doch gar nicht so“-Typ zum „Ich lass mir nix mehr gefallen“-Typ.
Ein völlig natürlicher Prozess, wie Photosynthese oder das Versagen von Druckerpatronen.

Und so beginnt es:
Der Mensch wird egoistisch.
Nicht, weil er schlecht ist –
sondern weil die anderen damit angefangen haben.

Immer die anderen!

 

Anmerkung (Auszug Prof. Dr. Florian Becker, linkedin, 20.11.2025):

„Weil manche immer mehr haben, haben andere immer weniger!“, sagte der Mann am Wahlkampfstand zu mir. „Was genau kann jetzt mein Nachbar mit dem Porsche dafür, dass ich nur einen BMW habe?“, frage ich ihn. Er wusste keine Antwort.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.11.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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