Franck Sezelli

Pyrene

Bebryx, der stolze König der Bebryker, rief seine liebreizende Tochter. »Pyrene, wir bekommen heute Besuch von dem großen Herkules. Bitte sei nett zu ihm, er hat einen weiten Weg hinter sich und eine sehr schwere Aufgabe vor sich. Da wollen wir ihm den Aufenthalt recht angenehm gestalten.«

»Was hat er denn für eine Aufgabe zu bewältigen, Vater?«, fragte neugierig die schöne Prinzessin.

»Das weiß auch ich nicht genau, aber Herkules ist durch seine Taten bereits in der ganzen Welt als Held bekannt. Hera hat ihm diese schweren Arbeiten durch das Orakel von Delphi aufgetragen als Sühne einer Missetat seiner Jugendzeit. Aber in Wirklichkeit ist sie ihm wohl nicht wohlgesonnen, weil ihn ihr ungetreuer Gatte Zeus mit Alkmene gezeugt hatte.«

»Wir bekommen Besuch von des Gottes Zeus Sohn?«

»Ja, Herkules ist ein Halbgott und verfügt über ungeheure Kräfte.«

»Oh Vater, wie freue ich mich auf diesen hohen Besuch!«

 

Herkules hielt sich mit seinen Mannen einige Zeit im prachtvollen Palast des Bebryx auf. Er machte auch einige Ausritte in die Umgebung, die ihm außerordentlich gefiel, zwischen den Corbièren, der Meeresküste und dem Land der Iberer.

Die Prinzessin durfte ihn manchmal begleiten. Einmal, als sie weit gen Süden geritten waren, erzählte sie ihm von Gerió, der über viele Ländereien herrsche und auch diese Gegend hier erobern wolle. Die Völker hätten sich ihm alle schnell unterworfen, weil er kein Mensch, sondern ein Monster sei. »Er hat sogar mir nachgestellt, aber ich konnte ihm entkommen. Allerdings habe ich ihn gesehen – und mir graust heute noch bei der Erinnerung. Das könnt Ihr mir glauben, großer Herkules.«

»Wieso? Was hat er Schreckliches an sich?«

»Er ist ein Riese und ein Dreileib, besitzt drei Köpfe und drei Oberkörper, die an der Hüfte zusammengewachsen sind. Sogar Flügel habe ich gesehen!«

»Das ist bestimmt der Riese Geryon, wie wir sagen. In dessen Gebiet bin ich unterwegs. Dieses Monster soll dich nie mehr ängstigen, schöne Prinzessin!«

Bei Tisch am Abend erzählte Pyrene ihrem Vater von dem Vorhaben ihres Gastes.

Herkules bestätigte: »Ja, es ist meine zehnte Aufgabe. Ich werde die Rinderherde des Geryon rauben, um sie zu Eurystheus zu bringen.«

»Oh, das ist aber eine sehr riskante Angelegenheit«, rief Bebryx aus. »Man erzählt sich, dass dies außergewöhnlich schönes Vieh ist, eine Herde roter Stiere, die von einem Hirten und von dem zweiköpfigen Hund Orthos bewacht wird, der ein Bruder des Höllenhunds Kerberos ist.«

»Ein Herkules kennt keine Angst! Habt Ihr nicht meine große Keule aus Olivenholz gesehen? Und – ich möchte, dass Eure bewundernswerte Tochter nicht länger Angst vor diesem Monster Geryon haben soll.«

Noch in derselben Nacht empfing Pyrene den Helden dankbar in ihrem Schlafgemach. Dort zeigte der große Grieche ihr eine zweite mächtige Keule, nicht aus Olivenholz, und beeindruckte sie damit so sehr, dass sie diese wiederholt in ihr Schatzkästlein bettete.

 

Am nächsten Morgen brach Herkules gen Südwesten auf, um das Land der Abendröte, die Insel Erytheia, zu suchen, in dem der Monsterriese hausen sollte.

Als ihr Geliebter auch nach Monaten nicht wie versprochen zurückkam, glaubte sich die Prinzessin verlassen. Bald war nicht mehr zu leugnen, was sie getrieben hatte. Sie fürchtete die Wut ihres königlichen Vaters ob dieser Schmach, entsagte der Wohltaten des Lebens im Palast und floh in die Wälder.

Die junge Frau verbarg sich in einsamen Höhlen und ernährte sich von Wurzeln und Beeren. Als es soweit war, gebar sie – wieso, das wissen nur die Götter – eine Schlange. Der Anblick dieser abscheulichen Frucht ihrer Liebe brachte sie an den Rand des Wahnsinns. Sie floh noch tiefer in die Wälder, wehklagte Tage und Nächte lang, beweinte die Nacht in den Armen des Herkules und seufzte über dessen vermeintliche Untreue.

So konnte nicht ausbleiben, dass sie die wilden Tiere des finsteren Waldes verfolgten und schließlich grausam zerrissen.

 

Indessen fand Herkules die schönen Stiere, überwältigte den Hirten und den bösen Hund. Als Geryon herbeieilte, war es auch um ihn geschehen: Mit einem vergifteten Pfeil brachte er ihn zur Strecke.

Bei der Rückkehr in den Palast, wo der Held seine Liebste anzutreffen hoffte, erfuhr er von deren Flucht in die Wälder. Nach tagelangem suchenden Umherirren fand Herkules die verstreuten Glieder der Geliebten.

»Pyrene! Pyrene! Pyrene!«, schrie und schluchzte verzweifelt der große Heros und häufte dabei Stein auf Stein, Felsen auf Felsen, bis die unglückliche Prinzessin ein würdiges Grabmal hatte: die Pyrenäen!

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Franck Sezelli).
Der Beitrag wurde von Franck Sezelli auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

Bild von Franck Sezelli

  Franck Sezelli als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Himmlische Regentropfen (Gedichte) von Gudrun Zydek



Durch Träume und Visionen wurde ich zu einer ganz besonderen und geheimnisvollen Art des Schreibens hingeführt: Dem Inspirierten Schreiben! Eine „innere Stimme“ diktierte, was meine Hand aufschrieb, ohne eine einzige Silbe zu verändern!
Während ich die Inspirierten Schriften meines Buches "Komm, ich zeige dir den Weg!" schrieb, entstanden immer wieder inspiriert auch Gedichte, die ich oftmals deutlich vor mir sah oder hörte, entweder in einer Vision, im Traum oder während der Meditation. Ich habe sie in dem Buch "Himmlische Regentropfen" zusammengefasst.
Meine beiden Bücher geben ungewöhnliche Antworten auf die ewig uralten und doch immer wieder neuen Fragen der Menschen nach ihrem Woher und Wohin, nach dem Sinn des Lebens und seiner zu Grunde liegenden Wahrheit.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Märchen" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Franck Sezelli

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Es war doch nur Spaß von Franck Sezelli (Unheimliche Geschichten)
Die fünf Hühner von Christa Astl (Märchen)
Wir sind ihm nicht egal! von Heidemarie Rottermanner (Schule)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen