Angie Pfeiffer

Das Leben: Love Hurts

Sie fühlt sich verletzt, hasserfüllt, kaputt.
Irgendwo hatte sie gelesen, dass sich 85 % der Frauen, die häusliche Gewalt erleben, erst mal gegen eine Trennung entscheiden. Damals hat sie diese Frauen verachtet - wie grenzenlos dumm und schwach sie doch sind … 
Heute weiß sie es besser: Der Grund ist manchmal so simpel. Zu viel Liebe!
Sie hatte immer geglaubt es wäre einfach, das Gefühl für jemanden abzustellen, der einen verletzt, aber das ist nicht so. Es ist unendlich schwerer einem solchen Mensch nicht zu verzeihen, als dem Bedürfnis das zu tun nachzugeben.
Jetzt ist sie ein Teil dieser Statistik. Was sie über diese Frauen dachte, denken jetzt andere über sie. Aber müsste man nicht die Schläger verachten? Mehr als die, die zu viel lieben?
In ihrem Kopf hört sie immer die gleichen Worte: In guten wie in schlechten Zeiten. Vielleicht ist es Zeit dieses Gelübde nicht zu wörtlich zu nehmen.
„In guten wie in schlechten Zeiten?“, denkt sie.
„Scheiß drauf, verdammt.“

***

Er steht vor ihr, fleht um Vergebung, küsst sie zärtlich. „Ich liebe dich so sehr“, flüstert er, streicht ihr über das Haar.
… und katapultiert sie wieder in jene Nacht zurück: Er zerrt an ihrem Haar, bis sie vor Schmerz aufschreit.

Er streichelt sacht ihre Schultern.
… jene Nacht: Er fasst sie grob an den Schultern an, schüttelt sie so sehr, dass ihre Zähne aufeinanderschlagen.

Er legt seine Stirn sacht an ihre.
… wieder die Erinnerung: Er rammt ihr den Schädel gegen ihren, so dass sie ohnmächtig wird, später mit mehreren Stichen genäht werden muss.

Ihr Körper wird taub, unempfänglich gegen seine Berührungen. Wieder türmen sich Wutwellen auf. Er spürt, dass sie in seinem Armen erstarrt ist, sieht sie an, weiß nicht, was er sagen soll, weil ihre Augen die Wahrheit preisgeben, während sie schweigt. Ihr Blick sagt, dass sie es nicht ertragen kann, von ihm angefasst zu werden.
Er nickt. Lässt sie los und geht zur Tür.
„Warte“, sagt sie und dann: „Ich wünschte das Kind in meinem Bauch wäre nicht von dir. Mit jeder Faser wünschte ich, dieses Kind wäre nicht ein Teil von dir.“
Wenn sie geglaubt hat, seine Welt könnte nicht noch mehr zusammenstürzen, hat sie sich geirrt. Er geht mit hölzernen Schritten aus dem Zimmer.
Sie presst die Hände vors Gesicht. Sie dacht, sie könne ihn verletzen, so wie er sie verletzt hat. Sie dacht, sie würde dabei Genugtuung spüren. Dem ist nicht so. Sie fühlt sich einfach schlecht und gemein.

***

„Liebes, was ist los?“ Ihre Mutter schaut sie prüfend an. In diesem Moment brechen alle Dämme. Sie weint, redet sich alles von der Seele. Lässt die Details aus, beschränkt sich auf das Wesentliche.
„Willst du ihn immer noch?“, fragt Mutter leise.
„Ja, nein, ich weiß nicht. Einerseits spüre ich, dass ich ihm nie wieder vertrauen kann. Andererseits trauere ich um das was wir hatten. Ich habe die schönste Zeit meines Lebens mit ihm verbracht – und die schrecklichste. Manchmal, wenn ich ihn sehr vermisse, dann sage ich mir, dass es alles gar nicht so schlimm war. Dass er sich ändern wird.“
Ihre Mutter legt die Hand über ihr, streicht sacht mit dem Daumen darüber. „ich verstehe dich, aber für jeden Mensch gibt es eine Grenze. Die sollte man nie aus den Augen verlieren. Lass nicht zu, dass sie sich verschiebt.“
Sie zuckt hilflos mit den Schultern: „Wie meinst du das?“
„Wir sind alle bereit, die Verhaltensweisen unseres Partners bis zu einem gewissen Punkt zu akzeptieren, das ist unsere Grenze. Sobald sie überschritten ist, ist das ein Trennungsgrund. Ich weiß, dass du davon überzeugt bist, dass er dich liebt, das tut er bestimmt auch, auf seine Weise. Aber seine Liebe ist krank. Wenn er dich wahrhaftig lieben würde, würde er nicht zulassen, dass du zu ihm zurückkehrst, weil er weiß, dass er dir immer wieder weh tun wird."
Es bricht ihr das Herz, aber sie weiß, dass ihre Mutter Recht hat. Sie lächelt leise, sagt, was sie als kleines Mädchen tausendmal gesagt hat. „Wenn ich mal groß bin, dann will ich so sein wie du, Mama.
Ihre Mutter streicht ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Du bist besser als ich es je war. Stark und unerschrocken – du musst es einfach nur zulassen.“

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Angie Pfeiffer).
Der Beitrag wurde von Angie Pfeiffer auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.11.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

Bild von Angie Pfeiffer

  Angie Pfeiffer als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Die Ambivalente Galaxie von Stefan Läer



Ein außerirdisches Volk, das das Böse nicht erkennt. Nur der 14-jährige Kisjat. Der einzige Weg, es noch zu retten, führt ihn zur sagenumwobenen Ambivalenten Galaxie ins Niemandsland …

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (6)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Lebensgeschichten & Schicksale" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Angie Pfeiffer

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Lach mal wieder: Der ältere Bruder von Angie Pfeiffer (Humor)
Wofür ? Warum ? von Rüdiger Nazar (Lebensgeschichten & Schicksale)
Der Weihnachtsstern von Irene Beddies (Wie das Leben so spielt)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen