Am Anfang war unser Verhältnis nicht so gut, aber jetzt hat er mich am Haken, ich erfülle ihm jeden Wunsch, ich behüte seinen Schlaf, besänftige seine Träume, ich spiele mit ihm, erfülle all seine Gelüste, und ich genieße die seltenen Zärtlichkeiten, die er mir gewährt.
Da ist aber etwas, das mich zutiefst beunruhigt: Diese Verletzungen, die er sich zufügt. Warum tut er das? Ich kann das nicht mehr ansehen, das Blut, die Wunden, sie werden sich vielleicht entzünden ... Also habe ich einen Entschluss gefasst. Ein Psychologe muss her, auch wenn mein Geliebter das nicht will.
Das „Gespräch“ zwischen den beiden lief nicht gut. Ist klar, ich hab nie richtig daran geglaubt, dass Psychologen alles richten können. Rausgeschmissenes Geld, aber was tut man nicht alles für seinen Geliebten ...
Hier also der Bericht des Psychologen:
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Praxis Psychologie Klicker
Betrifft Behandlungsprotokoll/Herr Tigger:
Herr Tigger legte sich zögernd auf die Behandlungscouch und warf mir einen misstrauischen Blick zu.
„Ich hörte, dass Sie ziemliche Probleme haben“, sagte ich.
Herr Tigger schaute mit starrem Gesichtsausdruck aus dem Fenster und ignorierte mich.
„Gut, fangen wir mit den einfacheren Sachen an: Manchmal, wenn etwas Ihren Unwillen erweckt, dann fangen Sie an zu schreien und geben Laute von sich, die erschreckend wirken.“
Herr Tigger lümmelte sich lustlos und schweigend auf der Behandlungscouch herum.
„Gut, ich verstehe. Also versuche ich selber, Ihr Problem zu interpretieren, denn Sie haben ein Problem, ein großes Problem ...“
Herrn Tiggers bezaubernde Mundwinkel - sogar ich als Psychologe verfiel allmählich deren Schönheit, obwohl man mich davor gewarnt hatte - senkten sich missbilligend herab.
„Sie haben anscheinend ein Defizit in Sachen Liebe erfahren und deswegen suchen Sie Anerkennung und vor allem Wertschätzung. Sie mischen sich in jedes Gespräch ein und geben ihren Senf dazu. Sie wollen alles haben, was ihre Mitbewohner haben. Dazu gehören zum Beispiel auch die Insulinspritzen, die jemand in ihrer Familie dringend benötigt ... Tatsächlich fühlen Sie sich immer benachteiligt und reagieren manchmal sehr aggressiv darauf.“
Herr Tigger betrachtete nervös sein linkes Bein.
„Man hat mir erzählt, dass Sie Beine hassen, sogar Ihre eigenen - und dass Sie öfter versuchen, Beine von anderen Leuten zu attackieren, einfach so und ohne erkennbaren Grund.“
Herr Tigger betrachtete immer noch sein Bein, welches auf einmal verdächtig zuckte.
„Alle Leute sind irritiert deswegen, denn man weiß nicht, womit man Ihr Missfallen erregt hat.“
Herr Tigger hörte mir nicht zu. Er war nur auf sein Bein fixiert, das gerade ein furchtbares Eigenleben entwickelte und ihm mitten ins Gesicht stieß. Herr Tigger gab einen erstickten Laut von sich und stürzte sich auf dieses Bein. Ein grimmiger Kampf entbrannte, Herr Tigger und sein Bein wälzten sich zu einem Knäuel verkeilt auf meiner Couch herum, und Herr Tigger biss knurrend immer und immer wieder in das vermaledeite böse Bein!
Ich schaute fassungslos zu. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Meine Fassungslosigkeit schlug in Entsetzen um, als Herr Tigger von der Couch heruntersprang und dabei dicke Blutstropfen über meinen wunderschönen beigen Teppichboden verstreute. Das konnte doch alles nicht wahr sein!
„Mein schöner Teppich! Verschwinden Sie bloß aus meiner Praxis, Sie verrücktes Untier!“ Das habe ich gesagt - und ich bereue es zutiefst.
Mit drohenden Augen blickte Herr Tigger mich an, und ich konnte mein rechtes Bein nur durch einen gewagten Sprung auf den Tisch in Sicherheit bringen.
Was ich damit zum Ausdruck bringen will ist: Wir schaffen das! Ein paar Sitzungen, einige Klicker-Trainingseinheiten - und er wird sich normal verhalten. Und ich hoffe, Sie haben eine Haftpflichtversicherung, denn der beige Teppichboden ist total ruiniert!
Ihre Praxis Psychologie Klicker
PS: Die Rechnung liegt bei.
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Man kann nichts für seine Gefühle. Manchmal kommen sie einfach und man fühlt sich hilflos deswegen. Aber was soll ich tun? Ich muss nur genug seinen Schlaf behüten, dann wird er mich eines Tages genauso lieben, wie ich ihn liebe, diesen verrückten Kater. Scheiß auf den Katzenpsychologen mit seinen blöden Versprechungen und seinem Klickertraining! Und Scheiß auch auf seinen beigen Teppich!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.11.2025.
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1979 Transit ins Ungewisse
von Bernhard W. Rahe
Die Story spielt im Jahr 1979.
In einem geheimen Forschungslabor an der Sowjetischen Grenze entwickelt ein genialer Wissenschaftler eine biologisch hochbrisante Substanz, die die Menschheit zu vernichten droht, sofern der “Stoff“ in falsche Hände gerät.
Der besessene Virologe “Ramanowicz“ tauft seinen biologischen Kampfstoff auf den Namen “AGON XXI“.
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