Linda saß an jenem Abend an der Blau auf dem kalten Stein und lauschte dem Rauschen des Wassers. Das Rauschen klang verlässlich, beruhigend, eine sich stetig wiederholende Melodie. So konnte sie für einen Moment alles vergessen: Den Stress in der Schule, der sich seit Beginn der Oberstufe vor zwei Monaten deutlich gesteigert hatte. Die kleinen Streitereien mit Elva, die sich ärgerte, weil Linda nach jeder Klassenarbeit davon überzeugt war, schlecht abgeschnitten zu haben, dann jedoch fast immer doch gute Noten hatte. Und dann waren da noch die Gespräche mit ihrer Mutter. Die Gespräche mit ihrer Mutter, in denen diese immer damit anfing, sie auszuhorchen. Sie sei besorgt, sagte sie immer wieder. Warum denn, hatte Linda gestern gefragt und dieses Mal hatte die Mutter damit rausgerückt, dass sie sie ängstlicher als früher erlebe, unsicherer um Umgang mit anderen. Natürlich, sie sei stark wie immer, meistere die Schule mit links, habe genug Freundinnen und verschlinge ein Dutzend Bücher. Aber ihre Mutter habe das Gefühl, dass da trotzdem etwas sei, etwas nicht in Ordnung sei. Linda atmete laut aus und warf einen Stein ins Wasser. Ihre Mutter nervte. Es war nichts, sie war bloß im Stress und das war ganz normal, begriff ihre Mutter das denn nicht? Plötzlich kam ihr Nick in den Sinn und sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Wieso dachte sie jetzt an ihn? Er verhielt sich ganz normal, so wie sich jeder 23jährige verhalten würde. Sie lauschte erneut dem Rauschen. Dieses Rauschen entführte sie in eine andere Welt, in der alles einfacher war. Wie wäre es, einzutauchen, sich umspülen zu lassen, sich treiben zu lassen? Ein entrüstetes hohes Bellen holte sie in die Realität zurück. Sie streichelte Taiga sanft über das schwarze Köpfchen. Sie konnte nicht eintauchen, denn wer kümmerte sich dann um Taiga? Sie stand schwungvoll auf und erinnerte sich, dass sie diese seltsamen Gedanken beiseiteschieben und sich um ihre Mathehausaufgaben kümmern sollte.
An der kleinen Brücke blieb ihr Blick an dem Aushang hängen, den sie vor zwei Wochen entdeckt hatte. In ihrem Bauch kribbelte es vor Aufregung, wenn sie daran dachte, dass sie gleich wieder mit Taiga trainieren würde. Nur noch zwei Tage bis zum Eignungstest. Dann endlich würde das richtige Training losgehen, bis dann in circa zwei Jahren die Prüfung zur Rettungshundeführerin folgen würde. Bis dahin würde sie 18 sein, was gefordert wurde. Sie wusste, dass Taiga der perfekte Hund dafür war. Sie kraulte der Hündin den weißen Bauch. Collies waren gutmütige, kluge Tiere. Sie lief den schmalen Weg am Bach weiter entlang, bis sie den Hundetrainingsplatz erreichte. Frau Elm stand am anderen Ende des Platzes und winkte ihr.
„Heute kommt die Trainingseinheit „Orientierung im Gelände“. Deine Aufgabe ist es, hier um Umkreis versteckte Gegenstände mit Taiga zu suchen. Du bekommst dafür einen Kompass, eine Landkarte und ein GPS-Gerät.“
Einige Minuten später suchte Linda den ersten Gegenstand, der nahe einer alten Eiche versteckt sein sollte. Bald hatte sie jede Eiche abgesucht und nichts gefunden. Sie atmete hörbar aus. „Was ist nur mit mir los, Taiga? Ich kriege heute nichts auf die Reihe.“ Nachdem sie etwa zehn weitere Bäume im Umkreis abgesucht hatte, lief sie frustriert zurück zu Frau Elm.
„Ich finden einfach nichts. Da kann nichts versteckt sein.“
„Hast du denn Taiga miteinbezogen?“
Linda schwieg. In dem ganzen Chaos hatte sie vollkommen vergessen, ihren Hund zu fragen.
„Ich sehe, dass du gestresst bist, Linda, und ich habe Verständnis. Aber zwei Tage vor dem Eignungstest ist das keine gute Idee.“
Als Linda zu Hause klingelte, weil sie ihren Schlüssel vergessen hatte, öffnete Nick. Sein dunkles Haar stand in alle Richtungen ab.
„Du siehst ausgebrannt aus. Wie war dein Tag?“, fragte er.
Linda berichtete vom Training und hatte schon nach dem dritten Satz Tränen in den Augen. Nick führte sie in die Küche und kochte ihr einen Tee. Linda lächelte leicht, als er ihr die Tasse reichte. Auch wenn es ihr nicht gut, für ihren Stiefbruder konnte sie dankbar sein. Sie erzählte ihm alles Mögliche, von der Schule, von ihren Freundinnen und vom Rettungshundeführerinnen-Training. Wie folgsam Taiga war, wie gut es ihr tat, am Bach zu sitzen und dem Rauschen des Wassers zu lauschen.
Nick legte ihr die Hand auf die Schulter und sah sie auf eine liebevolle, fast einnehmende Weise an. Dann zog er sie an sich und legte ihr den Arm um die Taille.
„Manchmal brauchen wir alle eine starke Schulter, die sich um uns kümmert.“
Linde atmete aus, als er in sein Zimmer verschwunden war. Natürlich war es schön, jemanden zu haben, der einen unterstützte, aber die Begegnung mit Nick war ihr in einer Weise unangenehm gewesen. Diese körperliche Nähe, sie hatte sie erstickt, fast aufgefressen. „Du darfst so nicht denken, du bist selbst schuld, wenn du ihn volljammerst“, meldete sich eine Stimme in ihrem Inneren. Sie bohrte ihre Fingernägel in ihre Handfläche und biss die Zähne zusammen. Die Stimme hatte recht. Nick war ein liebevoller Mann. Er war einfühlsam und hörte ihr zu.
Einige Minuten später stand er erneut in der Küchentür. Er setzte sich zu ihr an den Küchentisch und sagte:
„Weißt du, Linda, ich kann dich gut verstehen. Ich habe in deinem Alter auch eine Krise gehabt. Ich wollte unbedingt in die nächste Stufe im Handball aufgestuft werden, aber ich war einfach nicht gut genug…“
„Hast du dich denn angestrengt, genug trainiert, es wirklich versucht?“, fragte Linda.
„Natürlich. Aber manchmal muss man akzeptieren, dass das, was man tun kann, um etwas zu erreichen, begrenzt ist. Der eigene Einfluss ist manchmal begrenzt.“
Linda spürte, wie es sich in ihrem Inneren zuschnürte. Sie registrierte den riesigen Kloß in ihrem Hals und konnte die Tränen nicht mehr unterdrücken. Ihre Mutter sagte immer, sie sei eine starke junge Frau, die alles schaffen könne. Wie Unrecht sie hatte.
Nick nahm ihre Hand und sagte: „Ich weiß, das ist schlimm für dich. Du hast vielleicht das Gefühl, dass dich alle, die dich ermutigt haben, belogen haben. Sie wussten es nicht besser. Sie haben dir unabsichtlich etwas vorgemacht. Aber ich, ich bin auf deiner Seite. Wir haben ein geteiltes Schicksal und wir sind gemeinsam stark.“
Linda schluchzte nun heftig. Nick zog sie in seine Arme. Sollte all das nun vorbei sein? Die Trainingseinheiten mit Taiga? Und ihr Wunsch, Rettungshundeführerin zu werden? Ihr Brustkorb bebte unter den heftigen Erschütterungen. Doch Nicks starke Arme hielten sie so fest, dass sie sich beschützt und gehalten fühlte.
Nick sagte leise: „Ich mache dir einen Vorschlag. Du meldest dich ab von Hundetraining und erzählst offiziell, dass doch kein Bedarf mehr da ist. Wir beide haben ab jetzt ein kleines Geheimnis. Nur wir beide wissen den wahren Grund, dass es nicht geklappt hat. Ich hüte dieses Wissen wie mein eigenes Herz und ich bin immer für dich da. Du musst unser Geheimnis auch für dich behalten, sonst kann etwas Schlimmes passieren. Ab jetzt sind wir enge Freunde, nein sehr enge Freunde.“
In diesem Moment spürte sie seine Hand in Richtung ihrer Brust wandern. Sie hatte das Bedürfnis, sich heftig zu schütteln, die Hand abzuschütteln. Doch sie ließ es geschehen. Schließlich tat er ihr einen Gefallen und kümmerte sich so gut um sie. Da wurden sie durch ein lautes Bellen unterbrochen. Taiga stand in der Tür. Ihr Blick war wachsam, fast entrüstet und sie bellte immer wieder, so als ob sie dringend auf etwas aufmerksam machen wollte. Dabei bellte Taiga nie! Eigentlich nur, wenn fremde Leute das Haus betraten.
„Tut mir leid, aber ich muss los. Taiga scheint dringend raus zu müssen“, sagte Linda und stand auf.
Als sie an der Tür war, hielt sie Nick an der Schulter fest.
„Denk daran, wir beide haben einen geheimen Pakt. Ich zähle auf dich“, sagte er leise, aber eindringlich.
Taiga zog an der Leine. Linda hatte den Eindruck, dass sie zitterte, sie hatte aber nicht die Kraft, sie anzuhalten und die Hand auf ihren Körper zu legen. Linda fiel es schwer, mitzuhalten, denn ihre Beine bewegten sich langsam, jeder Schritt fühlte sich schwerfällig und anstrengend an. In ihrem Magen lag wohl ein schwerer Stein, so fühlte es sich jedenfalls an. Gleichzeitig gingen ihr tausend Gedanken durch den Kopf. Wild, wie ein Bienenschwarm. Das hat sich nicht gut angefühlt. Du bist selbst schuld. Du solltest ihm dankbar sein. Du hast ein Geheimnis mit ihm. Du bist etwas ganz Besonderes für ihn. Er mag dich wirklich. Sie atmete aus. Was war nur los mit ihr?
Taiga lief entschlossen in Richtung ihres Lieblingsplatzes an der Blau und Linda folgte erleichtert. Sie ließ sich dort auf dem kalten Stein nieder, klammerte sich fest, ließ ihre Beine baumeln. Nachdem sie dem Rauschen des Wassers eine längere Zeit gelauscht hatte, wurden ihre Gedanken ruhiger. Es war, als ob die Bienen auf einmal geordnete Bahnen flogen und sich konzentriert zur Versammlung mit ihrer Königin einfanden. Jeder, der etwas Wichtiges zu sagen hatte, kam an die Reihe. Nacheinander, geordnet, mit voller Konzentration. Sie blickte zu Taiga. Sie lag ruhig am Boden, hatte den Kopf abgelegt. All die Unruhe in ihren Augen, all das Bellen, das Zittern waren verschwunden. Da öffnete sie die Augen, sah Linda an, geduldig abwartend.
„Ich fühle mich nicht gut“, hörte Linda sich sagen. „Meinst du, Nick ist böse, wenn ich es Mama erzähle?“
Da sprang Taiga auf und bellte kurz. Nur einmal, mit hoher Stimme. Anders als vorhin, weniger wütend, eher ermutigend, mit liebevollem Unterton.
„Du meinst, er ist wütend, wenn ich das tue? Aber ich fühle mich allein damit, ich weiß, nicht, was mit mir ist, ich…“
Ein zweites Bellen unterbrach Lindas Stimme. Dieses Mal etwas kräftiger, aber wieder dieser liebevolle Unterton.
„Achso. Du meintest, er ist gar nicht böse? Ich weiß nicht, er hat gesagt, es soll ein Geheimnis bleiben und wenn ich mit Mama spreche, dann…“
Wieder ein hohes Bellen. Dieses Mal laut, entschieden.
Da kam Linda ein Gedanke. Vielleicht war es gar nicht wichtig, ob er böse war. Vielleicht zählte viel mehr, wie es ihr damit ging. Was ihre Bedürfnisse waren. Sie erzählte Taiga ihre Gedanken.
Dieses Mal bellte sie nicht. Stattdessen lief sie zu Linda und stupfte sie sanft mit der feuchten Schnauze an. Erst jetzt bemerkte Linda, dass ihre Wangen feucht waren. Sie lauschte noch einmal dem Wasser, lud ihre Batterien auf. Dann stand sie langsam auf, um nach Hause zu laufen. Mama musste inzwischen von der Arbeit zurück sein und Rick wollte am Abend zu einem Kumpel. Es würde nicht leicht werden, darüber zu reden. Vor allem, weil Linda nicht genau wusste, was das Problem war. Aber es war befreiend gewesen, Taiga davon zu erzählen. Denn Geheimnisse teilte man mit den engsten Verbündeten. Taiga war eine ihrer engsten Verbündeten. Und ihre Mutter. Nick gehörte nicht dazu. Also war es in Ordnung, es ihrer Mutter zu erzählen. Und der Eignungstest als Hundetrainerin? Vorhin war sie kurz davor gewesen, abzusagen. Inzwischen keimte wieder ein klein wenig Hoffnung in ihr, dass sie es schaffen könnten. Aber ob diese Hoffnung ausreichen würde, würde sich noch zeigen.
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Der Beitrag wurde von Kathi Wanner auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.11.2025.
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