Klaus Mattes

Mattes Quietschen 8 Masken und Schlüssel

 

2021, Mitte Oktober

Die befristete Anstellung im Bildungszentrum Hall und Treffer läuft aus und KM verwendet die letzten, ihm noch verbliebenen Urlaubstage dazu, um, entgegen der erstaunten Nachfrage des im Frühling zusammen mit ihm eingestellten Coach-Kollegen Klaus Ruppert (Bietigheim), wie er sich das nur leisten könne, alles in allem komme das gegen 1.000 € heraus, für fünf Übernachtungen nach Lörrach zu fahren, wo er im Gasthof zum Kreuz absteigt. Das wird, so allerdings nicht vorhergesehen, zur auf Jahre hinaus letzten Reise ins südbadischen Dreiländereck, in die Herkunftsgegend.
 

KM verbringt einen fast sommerlichen Tag in Laufenburg (Museum Rehmann), sieht im Kunstmuseum Basel die Pissarro-Ausstellung (langweilig) und ist noch einmal im Fricktaler Museum von Rheinfelden (AG). Weitere Museumsrundgänge gelten der Designausstellung des Möbelherstellers Vitra in Weil am Rhein, der Kunsthalle Basel und der Fondation Beyeler in Riehen, wo eine große Goya-Ausstellung präsentiert wird, die überlaufen ist, aber er hat sich seinen Time Slot im Internet vorweg gebucht. Die Ausstellung mag er dann nicht so. Man sieht viele Zeichnungen, die ihm verzichtbar vorkommen.
 

Wegen Corona gilt für die Basler Trams nach wie vor die Regel, dass man eine FFP2-Gesichtsmaske tragen muss, während die meisten Museen zu einer 3G-Regelung übergegangen sind. So hat man fürs Kunstmuseum extra Sicherheitsposten von Securitas engagiert, um zu kontrollieren, ob jeder Besucher einen Test-, Impfnachweis oder einen ärztlichen Beleg für die kürzlich durchlaufene Erkrankung vorzeigen kann. Seit Ende Sommer ist KM zweifach geimpft und hat seinen Impfausweis dabei. Also bleibt es ihm im Inneren des Gebäudes überlassen, ob er eine Atemschutzmaske trägt oder nicht. Nach den ersten Räumen nimmt er sie ab.
 

Beim abendlichen Gang zum Grab der Eltern im Friedhof Rheinfelden, wird KM von Nicole Leibnitz angesprochen, eine der (ein paar Jahre jüngeren) Zwillingstöchter des mit seinen Eltern viele Jahre befreundeten Nachbar-Ehepaars Heitzmann. Deren Mutter, Ute Heitzmann (1941-2020, 79 Jahre) liegt nun auch hier. Anfang der 1970-er Jahre war sie mit der Mutter eine Zeitlang zur Frauengymnastik des Turnvereins gegangen, nachdem die Frauen sich im neu gebauten Haus gerade angefreundet hatten. Die etwa um zehn Jahre jüngere, wie ihr Ehemann einer aus der DDR geflohenen Familie entstammende, stets temperamentvolle UH hatte - auch nach dieser nicht lange währenden Sport-Phase - stets dynamischer als die Mutter gewirkt, war auch nicht zu Hause bei den Kindern geblieben, sondern hatte nebenbei gejobbt, mehrfach als Kassiererin. In den 1990-ern war bei ihrem pensionierten Mann Hautkrebs festgestellt worden, man hatte sich Sorgen gemacht. Er, der Mann, ist 2021 noch am Leben, die Ute ist um etwa anderthalb Jahre jünger gestorben als die Mutter. (Beide Nachbarn hatten viele Jahre geraucht.)
 

Kurios fällt der letzte Tag bei Hall und Treffer aus. Schon Anfang Juli hatte man KM genötigt, ein paar Tage des ihm zustehenden Urlaubs zu nehmen, weil die Stelle im Haus des Jobcenters gerade ausgelaufen war, für die man ihn unbedingt hatte einstellen müssen, weil der vormalige Angestellte entlassen worden war, die Telefonberatung (das Gebäude des Jobcenters war wegen Covid-19 für den Publikumsverkehr gesperrt) für einige Zeit von Achim Jung (für HuT keineswegs unwichtig (er gibt den Ausschlag bei der Personalentscheidung)) übernommen worden war, doch auch dieser hatte noch Urlaub zu Gute gehabt, zugleich seinerseits aber auch gekündigt, um zur offenbar besser zahlenden oder befriedigter gemanagten Stepton AG zu wechseln. Stepton hatte, wie die Dinge bisweilen fallen, nebenbei auch den Zuschlag für die Fortsetzung der Coaching-Maßnahme im zweiten Halbjahr bekommen.
 

Nach jenen ersten Urlaubstagen wird KM eine recht ähnliche Tätigkeit, nun aber im Haus von Hall und Treffer in der König-Nikolaus-Straße, zugewiesen, wie sie im Zimmer nebenan sein Kollege Klaus Ruppert, als Bewerber-Coach, schon seit ihrem Kennenlernen anlässlich ihrer Bewerbergespräche vor sechs Monaten ausfüllt. Bevor er nach Basel, bzw. zum Lörracher Gasthof fährt, hat KM mit dem Kollegen darüber gesprochen, er werde die wenigen verbliebenen Tage Urlaub so ums hoffentlich schöne Oktoberwochenende herum legen, dass einzig noch der letzte Arbeitstag, der 15. überbleibe, wo man dann wohl nicht viel mehr als Formalia abwickeln werde.

 

An seinem wirklich letzten voll durchgearbeiteten Tag verlässt er darum, wie üblich, als Letzter aus den Büros, Putzpersonal ist im Haus noch unterwegs, das HuT-Haus ohne Abschied und mit den Schlüsseln in seiner Tasche. Im Urlaub erreichbar ist er nicht, er besitzt kein Handy. Allerdings findet sich am Abend des 14., als er zurückkehrt, auch keine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, sodass er, als er am Morgen des 15. um acht Uhr sein Sprechzimmer mit der Plexiglastrennscheibe aufschließt, immer noch glaubt, es lägen jetzt noch acht Stunden vor ihm. Er geht ins Geschäftszimmer, um sich zu erkundigen, wie der Tag laufen soll, und hört, man sei erfreut, dass er noch mal komme und seinen Haus- und Zimmerschlüssel abgibt. Die meisten Kollegen sind noch gar nicht eingelaufen. Der Kollege im Nebenzimmer betreibt telefonisch seine Suche nach einer Nachfolgestelle. Die Rente nähert sich, aber vorher ist KM ist noch mal arbeitslos. Kaum im Haus, geht er auch schon wieder und sagt nur denen Adieu, die ihm die Schlüssel abnehmen und alles Gute wünschen.
 

Sein Arbeitszeugnis wird ihm zugeschickt und liest sich gut. Allerdings war er als Coach für Langzeitarbeitslose unter anderem auch für die Ertüchtigung von deren Bewerbungsunterlagen angestellt worden. Dazu hatte die kritische Lektüre der Anlagen gehört und Hinweise darauf, wie Personalmenschen diese lesen könnten. Man könne noch 12 Monate nach Ausscheiden aus einer Firma ein geändertes Zeugnis verlangen, wenn man was zu beanstanden finde, hatte er ihnen gesagt. Insofern nicht erstaunlich, dass nun an seinem Zeugnis nichts zu beanstanden ist.

 

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