Ingeborg Henrichs

Über dem Fluss

 

Es war einer dieser Abende, an denen die Stadt ein wenig zu laut  und der eigene Kopf ein wenig zu voll war.

Stefan hatte sich in das Cafe am Fluss zurückgezogen, das nur abends öffnete.

Die Lampen spendeten mildes Licht, die Tische waren weit auseinander plaziert, man konnte sich ungestört fühlen, Fragen waren kaum zu erwarten.

Ganz hinten an einem Tisch saßen vier Menschen, die er nur flüchtig kannte, Kolleginnen und Kollegen, mit denen er nicht wirklich zu tun hatte. Trotzdem hatten sie ihm zugewunken, als er hereinkam, dieses kleine, halbfragende Zeichen: Wenn du magst, kannst du dich dazusetzen.

Stefan zögerte. Die Dynamiken seiner Peer Groups kannte er nur zu gut: alte Schulfreunde, Kommilitonen, Arbeitskollegen, Sportfreunde, Vereinskameraden – jede Gruppe mit ihren eigenen unausgesprochenen Rollenbildern und Erwartungen. Und er selbst oft dazwischen, mal teilnehmender Beobachter, mal jemand, der sich zu viel anpasste, mal jemand, der sich zurückzog, bevor er überhaupt Teil von etwas werden konnte.

Doch schließlich ging er zu ihnen hinüber und setzte sich dazu.

Tassen, halb getrunkene Gläser, Notizzettel, Bücher übersäten den Tisch. Niemand hier schien perfekt zu sein. Niemand schien eine Rolle zu spielen.

Über Großes redeten sie nicht, sie redeten über das, was sich wie unauffällig durchs Leben zieht: eine Gedichtzeile, zufällig entdeckt. Das Gefühl, im Alltag zu funktionieren, aber innerlich wie am Bahnhof sitzen zu bleiben. Das Bedürfnis, wahrgenommen zu werden, ohne im Mittelpunkt stehen zu wollen.

Stefan bemerkte, dass die Gespräche flüssig waren, unangestrengt und verbindend. Herzliches Lachen erschall an Stellen, die keine Pointe brauchten.

Jemand erzählte eine Geschichte, die er selber nie laut zugegeben hätte. Es entstand eine wahrhaftige Stille, die nicht gefüllt werden brauchte.

Es fühlte sich…leicht an.

Stefan spürte wieder, was lange in ihm verschüttet war: Zugehörigkeit entsteht nicht dort, wo man hineinpasst - sondern dort, wo man loslassen darf. Wo man nicht „ richtig“ sein muss, um richtig zu sein. Wo niemand die eigenen Ecken rundschleift.

Das Cafe schloss und sie standen draußen zusammen in der kühlen Nachtluft, rauchten, unterhielten sich noch. Der Fluss rauschte leise und im Hintergrund lag die ruhende Stadt.

„Schön, dass du geblieben bist“, sagte eine Kollegin, ohne Unterton. Es war kein Kompliment. Es war eine Feststellung.

Stefan nickte. Große Worte braucht es nicht, wenn man plötzlich weiß, dass man nicht allein war-  nicht im lauten und nicht im stillen Teil des Lebens.

Auf dem Heimweg durchströmte ihn eine wohltuende Ruhe. Nicht wegen großer Erkenntnis, sondern wegen einer ehr kleinen:

Manchmal findet man seine Gruppe, in dem man einen Moment stehenbleibt und sich hinsetzt, nicht unbedingt durch Suchen.

Irgendwie schien ihm seine Welt leiser geworden zu sein, nicht weil sie es wirklich war, sondern Stefan spürte wieder seinen Platz in ihr.

© Ingeborg Henrichs

 

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Ingeborg Henrichs).
Der Beitrag wurde von Ingeborg Henrichs auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.11.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  Ingeborg Henrichs als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Nicht alltägliche Hausmannspost: Scherzartikel, Wortspüle und Küchenzeilen aus Valencia von Siegfried Fischer



Lehrerin C. wird an die Deutsche Schule Valencia nach Spanien vermittelt. Etwas unvermittelt wird dadurch der mitausreisende Ehegatte S. zum Hausmann und hat nun mit Küche, Haus, Garten, Pool und der spanischen Sprache zu kämpfen.

Eines schönen Vormittags beginnt er seinen ersten Haushaltsbericht zu verfassen und als E-Mail an Freunde und Verwandte zu versenden.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (6)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Einfach so zum Lesen und Nachdenken" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Ingeborg Henrichs

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Traditionspflege von Ingeborg Henrichs (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Wer will schon Millionär werden? von Holger Gerken (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Russisch Brot von Norbert Wittke (Kindheit)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen