In einer Kleinstadt nordöstlich von Hamburg. An einem nasskalten Sonntag sitzt die Familie Maßmann am großen Tisch im Esszimmer und berät, wie immer im dieser Jahreszeit, über das Reiseziel für den kommenden Sommerurlaub. Ein liebgewonnenes Ritual. Der 'Running Gag' von Familienoberhaupt Joachim Maßmann, “Diesmal keine Fernreise,” läutet wie immer die Runde ein. Alle wissen, der Vater macht grundsätzlich keine Ferien im Ausland, denn n Deutschland wäre es ja auch schön. Und letztlich fanden sie immer ein für alle passendes Reiseziel; denn schließlich wollte keines der Familienmitglieder auf eine Urlaubsreise verzichten.
Es ist die siebzehnjährige Tochter Anna, die nun ausschert. Sie möchte mit zwei Freundinnen in den Sommerferien für drei Wochen nach Portugal fahren. Alle in der Runde sind verdutzt, bis auf Mutter Eva, die ist von ihrer Tochter vorab informiert worden. Vater Maßmann ist völlig perplex. So etwas kann man mit ihm nicht machen. Unbeaufsichtigt ins Ausland - das Mädel ist nicht einmal volljährig! Die Situation eskaliert zu einem gewaltigen Familienkrach zwischen Vater und Tochter, mit dem Ergebnis, Anna fährt nicht nach Portugal. Was mit einem Streit beginnt, führt zu einem langanhaltenden Zerwürfnis zwischen Tochter und Vater. Die beiden sollten nie wieder zu einem unverkrampften Verhältnis zueinander finden. Vor allem Anna treibt diese Niederlage noch lange um.Joachim Maßmann hat diese Störung bald abgehakt, er lebt wieder wie gewohnt; denn er mag es, sich in ruhigen, geordneten Bahnen zu bewegen. In seinem Beruf als Sachbearbeiter im städtischen Eichamt läuft alles wohlgeordnet, Abweichungen von der Norm fühlen sich toxisch an für einen Staatsdiener des Eichwesens. Die ruhigen Jahre eines Beamten werden für Joachim Maßmann bald noch geruhsamer, denn er geht pünktlich per Stichtag in Pension. Er hat jedoch nicht vor, untätig herumzuhängen. Seine Hauptbeschäftigungen konzentrieren sich zunächst auf die Arbeiten in Haus und im Garten. Zusätzlich hat Joachim Maßmann sich ein tiefgründiges Wissensgebiet als Hobby auserkoren: Er befasst sich intensiv mit der Geschichte der Weltreligionen, animiert durch eine Info-Reihe eines TV-Spartenkanals. Erklären kann er diese Passion nicht, nur dass dieses Thema ihn immer stärker gefangennimmt, ganz speziell die Lehren Buddhas. Dabei ist Joachim keineswegs religiös, er ist lediglich zahlendes Mitglied der evangelischen Kirche. Gattin Eva, aus Bayern stammend, ist Mitglied der katholischen Kirche, was jedoch nie Einfluss auf die Familie hatte.
Nun, als Pensionär, will Joachim sich einen besonderen Wunsch erfüllen. Er möchte an die Ursprungsorte der großen Weltreligionen reisen; als erstes den Buddhismus' an dessen Quelle spüren. „Der Alte spinnt”, ist die erste Reaktion der Familienmitglieder. Aber Joachim macht ernst, er beginnt, die Reise vorzubereiten. Tochter Anna, inzwischen zur Reisekauffrau ausgebildet, ist zunächst skeptisch, bietet aber dem Vater an, die Reisebuchungen für ihn vorzunehmen. Dessen ausdrücklicher Wunsch ist es, alleine zu reisen – betreutes Reisen? Nein danke. Trotz aller früherer Zwistigkeiten, beim Buchungsprocedere verlässt er sich auf Anna. Es beginnt mit einem Flug über Indiens Hauptstadt Delhi in den Provinzort Bodhgaya im Bundesstaat Bihar. Dort befindet sich Joachims Ziel: Der Mahabodhi-Tempel mit einem Ableger des Baums, unter dem Siddharta Gautama die Erleuchtung zum Buddha widerfuhr. Allein das Eintauchen in die verwirrende Welt des indischen Alltagslebens lässt Joachim schier verzweifeln. Eine nie geahnte Welle von unverständlichen Eindrücken überrollt ihn. Die fremdartigen Gerüche, und noch mehr der Lärm des Alltagsleben, rauben ihm fast die Sinne. Krampfhaft hält er den reißfesten Umschlag in seiner Jackentasche fest, in dem seine Tochter die Reiseunterlagen für Flug, Transit- und Hotelvoucher gesteckt hat. Ohne diese logistischen Hilfsmittel wäre Joachim Maßmann hoffnungslos verloren. Dann befällt ihn, nach einer stundenlangen, nervenaufreibenden Zeit des Wartens, ein beklemmendes Angstgefühl. Er wird nicht, wie auf dem Voucher bestätigt, von einem Fahrer abgeholt, der ihn in das gebuchte Hotel bringen sollte. Getrieben von einem Überlebensreflex ergattert er einen Platz in einem Sammeltaxi, das ihn in die Nähe des gewünschten Hotels bringt. Dann nur noch wenige hundert Meter vom Taxistand zum Hotel. Mit seinem Rollenkoffer dicht bei Fuß müht Joachim sich durch ein kaum zu durchdringendes Menschengewimmel, hart an der Grenze zum Zusammenbruch. Im Hotel dann die nächste Katastrophe: Es liegt keine Reservierung auf seinen Namen vor - und im übrigen sei das Haus komplett ausgebucht. Allmählich wird die unendliche Müdigkeit von Verzweiflung überlagert. Er weiß nicht wohin. In seiner Not versucht er ein Mobiltelefonat nach Zuhause; dies gelingt nicht, es ist hier kein Netz verfügbar. Fachfrau für Reisen! Anna kann was erleben! Was er nicht weiß, seine Tochter hat zwar alle Voucher ausgefüllt, aber die Buchungen nicht verifiziert - ihre späte Rache für das Reiseverbot.
Hilfsbereit bemüht sich der Rezeptionist um eine Unterbringung in einem anderen Hotel. Nach mehreren Anrufen dann ein Erfolg. Ein Hotel, ein einfaches Haus, aber nicht sehr weit entfernt, das hätte noch ein Zimmer für ihn. Joachim schöpft wieder Hoffnung. Er lässt sich die Richtung zeigen. Den Weg dorthin muss er allerdings zu Fuß mit seinem Rollenkoffer bewältigen, Taxis fahren in diesem Teil der Altstadt nicht. Und es kommt zu einer weiteren Katastrophe. Er verläuft sich gnadenlos in dem Gewirr der Altstadtgassen. Er ist körperlich und nervlich am Ende, er will nur noch schlafen, ganz gleich unter welchen Umständen. Aber wo? In diesem wuseligen Gassengewirr findet er keine Unterkunft. Er irrt weiter umher. Dann, unweit eines Tempels, entdeckt im jetzt nur noch schwachen Abendlicht eine gartenähnliche Anlage, vor deren Mauer er unter großen Bäumen eine Bank erkennt. Hier ist es etwas ruhiger, es herrscht nur noch wenig nächtlicher Verkehr. Joachim zieht mit schwindender Kraft ein Badehandtuch aus dem Koffer, faltet dieses mehrfach und legt sich so zum Schlafen. Am nächsten Morgen, er kann es kaum fassen, erwacht er völlig entspannt. Sein Blick geht direkt zur ausladenden Krone eines riesigen Baums, des Bodhgaya Tree in unmittelbarer Nähe des Mahabhodi Tempels. Er hat, ohne es zu ahnen, direkt im Zentrum des Glaubens genächtigt. An diesem sonnigen Tagesbeginn spürt er eine Veränderung in sich, alle Widrigkeiten des Vorabends sind verflogen. Joachim Maßmann fühlt sich auf dem richtigen Weg. In seiner Hochstimmung schließt er sich einer Pilgergruppe an, die, wie er, für die Erfüllung ihres spirituellen Höhepunkts dem Ort zustreben, an dem der Ursprung des Buddhismus' innewohnt: Der üppig aufgeschossene Ableger des ursprünglichen Baums. Joachim fühlt sich beflügelt, und: er benötigt kein Hotel mehr. In diesem Hochgefühl, eingefangen von der inspirierenden Aura Buddhas, fallen die Zwänge seines früheren Lebens ab, er beschließt, sich hier niederzulassen. Einige Zeit später. Er hat sich einer Gemeinschaft von Pilgern angeschlossen, die zur Vervollkommnung ihres Glaubens alle wichtigen Stationen im Leben Buddhas aufsuchen - in langen Fußmärschen durch einen großen Teil Indiens. Den Rollenkoffer hat er irgendwann entsorgt, er unterscheidet sich kaum noch von den übrigen Pilgern.
Zwei Jahre nach seiner Ankunft in Indien wird ein älterer Mann mit wallendem Haar und ebensolchen Bart nahe Kushinagar, dem Sterbeort Buddhas, bei einer Routinekontrolle wegen mangelnder Ausweispapiere ohne gültiges Visum aufgegriffen und festgenommen. Joachim Maßmann wird unter Einschaltung der deutschen Botschaft in Neu Delhi nach Deutschland verbracht. Hier führt der letzte Abschnitt seiner Reise in seinen Heimatort. Dort angekommen, klingelt er an der Haustür seines Reihenhauses. Ehefrau Eva öffnet und verfällt in eine Reflex, den sie seit vielen Jahren nicht mehr bedient hat: Sie bekreuzigt sich. Unter Schock stehend folgt ein gestammeltes, „Gütiger Gott! Jesus und Maria!” Mehr bringt sie nicht hervor. Die Gestalt vor ihr, ein älterer Herr mit wallendem Haar und Bart, gekleidet in ein indisches Pilgergewand, strahlt sie sanftmütig an und sagt einfach nur: "Ich bin es, dein Ehemann Joachim.”
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.11.2025.
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