Ich heiße Billy Gehrmann und bin der Beste. Ein kriminelles Milieu hat mich geprägt. Die Menschen, die dort lebten, waren verstrickt in vielerlei Süchte und kämpften mit dem Alkohol, der Spielsucht, Drogen und der Unzucht. Beste Voraussetzungen also für eine Laufbahn als Verbrecher. Aber ich ging in die andere Richtung und wurde Detektiv. Wer hätte das gedacht, dass ich eines Tages diesen Schritt wage?
Unterhaching, 24. Mai 2025 – 11.45 Uhr
Draußen ist herrliches Frühlingswetter und ich sitze allein in einer Wohnung, die nicht mir gehört. Aber sie ist mir nicht unbekannt. Hier haben wir mal drei Tage übernachtet – mein Chef und ich. Das war letztes Jahr vor Weihnachten. Gestern befand sich noch ein Sammelsurium aus Primer, Foundation, Puder, Concealer, Brauenstift, Lidschatten, Mascara, Bronzer, Glowstick, Blush, Lippenstift, Schwämmchen und diversen Pinseln im Badezimmer. Alles Indizien dafür, dass hier eine Frau gewohnt hat. Genau, die Bude gehört nämlich Hansis kleiner Schwester. Sie und mein Chef, die beiden, sind heute Morgen für eine Woche verreist und ich spiel hier den Hüter der Zimmer.
Der Kleiderschrank einer Frau ist immer prall gefüllt; Damen gehen leidenschaftlich gerne shoppen. Sie kaufen sich ihre Wünsche. Die Werbeindustrie spornt dazu an, möglichst viel zu Konsumieren, dabei ist das alles überhaupt nicht nachhaltig. Wenn ich in der Politik was zu sagen hätte, würde ich eine Leinenpflicht für Kaufsüchtige in Einkaufszentren einführen.
Frauen sind ein Thema. Frauen muss man Komplimente machen. Man muss sie liebkosen, verhätscheln und ihre überflüssigen Pfunde ignorieren. Ich habe aktuell keine Freundin, aber seit ich Petra begegnet bin, träume ich davon, ihr Liebhaber zu sein. Diese Braut lernte ich 2019 im Urlaub in Spanien kennen. Sie war ein einsames Herz, und ich ein einsamer Jäger. Zu dieser Zeit absolvierte sie in Deutschland ein Praktikum in einem Hotel. Den kompletten Namen dieser Bettenburg habe ich vergessen. Ich kann mich nur dran erinnern, dass das Wort „Kaiser“ darin vorkam. In welchem Ort das Hotel sich befand, weiß ich auch nicht mehr. Schuld für meine lückenhafte Erinnerung war der spanische Rotwein.
Das Geschirr vom Frühstück räume ich vom Küchentisch ab und stell es in die Spüle. Nun ist Platz für den recycelbaren Plastikteller mit süßsauren Schätzen und Geheimnissen eines keinesfalls nach EU-Tierschutzstandards gehaltenen Masthuhns, das mir ein Lieferbote bis an die Wohnungstür gebracht hat. Selber kochen wäre ein enorm ehrgeiziges Projekt für jemanden, der nur Fertiggerichte in den Ofen oder die Mikrowelle schieben kann.
Ich fange an, meinen Appetit zu stillen. Das Festnetztelefon meldet sich und unterbricht meinen Verzehr exotischer Genüsse. Ich heb ab.
„Billy Gehrmann.“
Am anderen Ende der Leitung fängt eine weibliche Stimme an zu lachen.
„Billiger Mann? Was bist du für einer? Ich wollte eigentlich Rosi sprechen. Bin ich überhaupt bei Obermoser? Hier spricht die Simone.“
Das Missverständnis mit meinem Namen wäre nicht passiert, hätte ich mich mit Ratte gemeldet, denn so nennen mich gute Freunde. Ich kläre alles auf. Dann teile ich der Simone mit, dass Rosi und ihr großer Bruder gerade in einem Ferienflieger Richtung Kanaren hocken und bei heftigen Turbulenzen ihr Kaltgetränk verkleckern.
„Deswegen krieg ich sie auch nicht übers Handy. Hör zu, Billy. Rosis Freund war bei mir zu Besuch und er musste leider heute Morgen gegen fünfe in eine Klinik gebracht werden.“
„Du meinst Luis, den Boxer?“
Gestern hat Hansis Schwester über ihn gesprochen. Hin und wieder sorgt der Bursche mit seiner Schlagkraft für die Neuordnung von Molekülen – das gehört zu seinem Sport. Ich arbeite seit zwei Jahren als Detektiv für Hansi, und in dieser Zeit habe ich mich nur einmal gewalttätig verhalten. Naja, vielleicht ist Gewalt ein bisschen übertrieben. Ich musste einem Weib eine Ohrfeige verpassen, weil das Luder falsch gespielt hat. Das war das, was ihr gebührte. Es handelte sich bei dieser Person um nichts Geringeres als Taylor Swift.
Simone enthüllt weitere Details.
„Er ist total zugedröhnt zusammengeklappt. Zu viel weißes Pulver, du verstehst. Sein Wagen parkt hier noch, und zwar ziemlich ungünstig. Das Auto müsste langsam mal weggeschafft werden; der versperrt die Torausfahrt meines Nachbarn.“
„Wie kann ich da jetzt helfen?“
„An den Schlüssel, den Luis bei sich hat, an den komm ich im Moment nicht ran. Am besten wäre es, wenn du den Wagen wegfährst, falls wir einen passenden Schlüssel finden sollten. Ein Zweitschlüssel könnte eventuell bei euch in der Wohnung liegen.“
„Was soll das für ein Fahrzeug sein?“, will ich wissen.
„Ein knallroter.“
„Ein knallroter? Ginge das etwas genauer? Was für eine Marke – Typ?“
„Äh, ich glaube, das ist ein amerikanischer Wagen. Kamerad, oder so.“
„Camaro?“, frage ich.
„Ja, Camaro!“
Ein Camaro? Oh Mann, hat der Typ einen Nebenjob als Zuhälter?
„Ich schau mal nach. Vielleicht werde ich fündig. Bleibst du dran oder soll ich dich zurückrufen? Die Aktion könnte länger dauern.“
Nachdem sie mir ihre Handynummer gegeben hat, starte ich die Suche und nach fünf Minuten werde ich tatsächlich fündig. Ich rufe Simone zurück.
„Lewinsky.“
Lewinsky? Mir ist mal was über eine Monica Lewinsky zu Ohren gekommen, die im Weißen Haus wegen ihrer erotischen Streicheleinheiten vom Präsidenten persönlich zur besten Mitarbeiterin des Monats gekürt worden war.
„Hömma. Hab einen Schlüsselanhänger mit dem Buchstaben L gefunden.“
„L wie Luis. Das wird er sein.“
Oder L wie Lude. In Herne bin ich mit jemandem großgeworden, der später als Zuhälter Karriere machte. Sein Name war Harry. Schon in der Schulzeit fiel ihm das Sprechen schwer. Harrys Wortschatz war begrenzt und umfasste nur etwa 30 Wörter, von denen die Hälfte umgangssprachliche Verben für den Geschlechtsakt waren. Er erhielt aufgrund eines Mordes an einem italienischen Restaurantbesitzer die Höchststrafe. Damals empfand ich das als ungerecht, denn die Integrität des Italieners war ebenso fragwürdig wie die Zutaten seiner Pizzen. Harry wies den Mordvorwurf zurück, doch das klang so wenig glaubwürdig wie Charles Bukowski kurz vor seinem Tod hoch und heilig geschworen hätte, nicht einen Tropfen Alkohol im Leben getrunken zu haben.
„Täubchen, verrat mir noch eben deine Adresse, ich bring dir das Schlüsselchen vorbei.“
„Besser du stellst den Wagen um. Ich trau mich nicht.“
Simone gibt mir ihre Adresse, und ich order ein Taxi.
Es ist flott da. Ich steige ein. Am Steuer ein hinduistischer Hobbybastler aus Mumbai, der die Bollywood-Schaukel erfunden haben soll, verrät er mir auf perfektem Hochdeutsch. Er hat sie als Patent angemeldet, bisher jedoch alles ohne nennenswerten Erfolg.
„Wo soll’s hingehen?“
„Zum Wolpertinger-Weg.“
„Wolpertinger-Weg? Nie gehört. Da muss ich eben das Navi einschalten.“
Die Fahrt beginnt.
„In und um München herum ist schon manchmal Horror. Zu Stoßzeiten verstopfte Straßen ohne Ende“, stöhnt unser Tüftler, als wir nach fünf Minuten unsere Fahrt kurz vor einer roten Ampel unterbrechen müssen.
„Oktoberfest, nur Besoffene, viele davon aus dem Ausland“, jammert er weiter.
„Kann ich mir gut denken, dass da jede Menge Ausländer zu Alkoholikern umgeschult werden“, gebe ich meinen Senf dazu. „Im Rheinland heißt das Rosenmontag.“
„Und die ganzen Szenetypen. Man fährt sie von Haidhausen nach Schwabing, weil die meinen, da wäre noch was los. Dort nimmt man dann andere Kneipenbummler auf und fährt sie nach Haidhausen, weil die gucken wollen, ob da noch was läuft.“
Stimmt, diese Jäger sind dauernd auf der Suche nach Vergnügen. Das sind Leute, die von ihren Trieben gesteuert werden. Ein Herz aber weiß immer, was es sucht, nämlich die wahre Liebe.
Die Straßen werden voll. Der Fahrer verringert das Tempo und legt eine Schweigeminute ein. Ich nutze die Ruhe und mache mir Gedanken. München ist schon Horror, da hat er recht. Linientreue Alkoholiker aller Nationen solidarisieren sich im Hofbräuhaus, indem sie gemeinsam Bierkrüge leeren und Volkslieder grölen, jeder in seiner Sprache. München ist wirklich Horror. Und nicht zu vergessen: ULI HOENESS!!! Diesem dreisten Steuerbetrüger würde ich gern mal meine Meinung sagen.
Nachdem wir uns eine Zeitlang durch den Verkehr gequält haben, werden die Fahrbahnen langsam wieder frei und der Inder kann endlich ein wenig auf die Pedale drücken. Biker, die statt auf dem Radweg auf der Straße fahren, werden vom Fahrer gnadenlos ignoriert. Und so häufen sich während unserer Fahrt die Beinaheunfälle.
„Diese Radler“, flucht er. „Wann kommt endlich das Tempolimit für Radfahrer auf Bürgersteigen und in der Fußgängerzone?“
In diesem Punkt muss ich ihm recht geben.
Wir erreichen den Wolpertinger-Weg. Leider habe ich zwischenzeitlich die Hausnummer vergessen. Aber kein Problem.
„Halten Sie beim tobenden Mann an“, sage ich. Diese nervöse Person kann nur der Nachbar sein.
Ich bezahl das Taxi. Höchst erstaunlich, dass ein Flug von München nach London billiger sein kann als die 25-minütige Taxifahrt im Großraum München. Wer auf der Straße emsig PET-Flaschen sammelt, hat schnell die Mücken zusammen für eine Reise mit einem Billigflieger.
Der Schlüssel passt und die Autotür wird von mir geöffnet.
„Fahr deine Karre bloß schnell weg, Elvis!“, droht mir der Ruhelose.
Elvis – was für ein Kompliment für mich!
„Hömma, keine Panik. Ich fahr den sofort weg. Ist aber nicht meiner, Kollege.“
Mit dem Einsteigen warte ich kurz, denn ein heißes Weib um die 30, die aufgrund der kreativen Ideen eines tabulosen Modedesigners sehr knusprig verpackt ist, stürmt aus dem Haus. Das wird Simone sein. Falls Erregung, Entspannung und Fantasie die wesentlichen Triebkräfte des Menschen sind, wird Simone vor Männern nicht zur Ruhe kommen. Das erotische Kapital einer Frau umfasst Selbstbewusstsein und Präsentation, soziale Interaktion, Lebensfreude, Mut zur Weiblichkeit und sexuelle Kompetenz. Falls das Letztere auf Simonchen zutrifft, dann servierte sie dem Besitzer des Wagens in dieser Nacht sicher einen Cocktail aus Oralsex und Koks.
„Servus, Billy. Du bist ja echt süß“, schmeichelt mir Simone und kichert wie ein unartiges Schulmädchen.
„Tach Simone.“
„Luis hat sich gemeldet. Ihm geht’s besser. Den Wagen kannst du direkt beim Krankenhaus abstellen, den Schlüssel gibst du bei der Anmeldung ab. Für Luis Wöltger. Verstanden? Luis Wöltger. Aber pass auf! Bei seinem Auto musst du sehr vorsichtig sein. Wenn da was passiert, sieht der schnell rot. Ein kleiner Kratzer genügt schon. Da kennt er kein Pardon. Ein Anagramm von seinem Namen wäre Lustiger Löwe, aber glaub mir, bei seinem Schlitten versteht er absolut keinen Spaß.“
„Mach ich“, sage ich, und Simone drückt mir zwei Hunnis als Entschädigung für meinen Aufwand in die Hand. Wir verabschieden uns und ab geht die Fahrt Richtung Krankenhaus, um dort diesen Ersatzpenis des suspekten Freundes der Schwester meines Chefs, einen knallroten Camaro der vierten Generation mit V8-Motor, abzustellen.
Kurz vor dem Hospital hat sich auf einer zweispurigen Straße ein Stau gebildet. Der Aufkleber JESUS LIEBT DICH an der Heckscheibe des Fahrzeuges vor mir erinnert mich daran, dass man wenigstens einen Freund nie verlieren wird. Falls ich Petra eines Tages finden sollte, dann häng ich den Job als Detektiv an den Nagel und werde Pfarrer. Das ist mein Deal mit Gott! Allerdings weise ich in puncto Nächstenliebe noch eine Menge Defizite auf.
Nichts geht im Moment auf der rechten Fahrbahn. Ich blicke nach links, wo ein schwarzer BMW der Luxusklasse mich im Schneckentempo überholt. Es lässt sich unschwer leugnen, dass am Steuer Uli Hoeneß sitzt. Ausgerechnet Hoeneß! Langsam rollt auch wieder auf meiner Spur der Verkehr. Ich gebe leicht Gas und nun bin ich es, der an ihm vorbeizieht. Ich fahre das Seitenfenster ein wenig runter und halte meinen linken Arm mit ausgestrecktem Mittelfinger nach draußen. Mit voller Kraft schreie ich zu ihm rüber. „HOENESS, DU ARSCHLOCH!!! ICH HASSE DICH!!! DENN ICH BIN NICHT JESUS!!!“
Crash!!! Heilige Scheiße!!! Fahr ich doch glatt meinem Vordermann hinten drauf! Ich werfe noch einen Blick auf den ehemaligen Fußballmanager, der mir jetzt den Stinkefinger zeigt und sich gewaltig ins Fäustchen lacht. Mein Unfall wird garantiert bei der nächsten Bayern-München-Weihnachtsfeier für mehr Lacher sorgen als all die Bettgeschichten zusammen um den verstorbenen Kaiser Franz. Jetzt ist das passiert, was nicht passieren sollte – ein Zusammenstoß! Der war schon akustisch kaum zu überhören, und wer jetzt noch glaubt, da wäre keine Beule am Auto, den halte ich für ziemlich naiv. Boxer Luis wird nicht erfreut sein. Ich denke, es ist an der Zeit, dass ich mich auf die Neuanordnung meiner Moleküle vorbereite. Wem habe ich das wieder zu verdanken? Diesem fiesen Steuerbetrüger, diesem Hoeneß natürlich!
Ich steige aus. Ein langhaariges Weib verlässt den von mir geknutschten Wagen und kommt mir entgegen. Aber ist das nicht? Ja, das ist sie! Es darf nicht wahr sein! Das ist Petra! Meine Petra! Ich habe sie gefunden! Das einsame Herz hat gefunden, wonach es gesucht hat. Endlich! Welch Schicksal! Das habe ich im Grunde genommen nur dem Hoeneß zu verdanken. Welch Ironie!
Petra erkennt mich sofort und meint nur verwundert zu mir: „Ratte, du?“
Wir umarmen uns. Dabei spüre ich, dass mein Schatz genauso sehnsüchtig auf diesen Augenblick gewartet hat wie ich.
So findet man sich. Wir küssen uns und hören erst damit auf, als Autofahrer aus mir nicht bekannten Gründen anfangen, wie wild zu hupen.
„ULI HOENESS! ICH LIEBE DICH!!!“ schreie ich wie verrückt, aber er wird’s nicht gehört haben. Der war längst über alle Berge.
„Weißt du, Petra. Elvis war gut, ich bin besser, aber Hoeneß ist der Beste!“
„Falsch, Billy! Gott ist der Beste. Er lenkt die Herzen wie Wasserbäche. Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber Gott, der HERR, allein lenkt seinen Schritt.“
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Stefan Hoffmann).
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.11.2025.
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