Istvan Hidy

Alarmstufe Rot im Kreditwesen

Zu den kuriosen Gepflogenheiten, die wir aus den Vereinigten Staaten übernommen haben, zählt die paradoxe Ehrung der Schuldner: Je tiefer man verschuldet ist, desto höher scheint das Ansehen. Diese bittere Wahrheit begriff ich erst, als ich eines Tages meine Stuttgarter Bank betrat, um ein Darlehen vorzeitig zu begleichen. Ich schwebte in moralischer Hochstimmung – die Rückzahlung war schließlich erst zum Jahresende fällig. In meiner Naivität erwartete ich beinahe, die Bank werde mir vor Freude einen Lorbeerkranz winden.

Anfangs verlief alles so, wie man es sich in einer besseren Welt erträumen würde. Der Vizedirektor empfing mich mit strahlendem Lächeln, reichte mir eine dampfende Tasse Kaffee und blickte mich an, als wolle er mich sogleich in den innersten Zirkel der Bankiersehre aufnehmen. »Ah«, sagte er schelmisch, »Sie kommen bestimmt, um Ihr Kreditvolumen zu erweitern.«

»Nein«, erwiderte ich heiter, »ich komme, um meine Schulden zu tilgen.«

Das Lächeln glitt ihm vom Gesicht wie ein schlecht sitzendes Toupet. »Sie scherzen.«

»Keineswegs. Ich möchte das Darlehen vom vergangenen Herbst zurückzahlen.«

»Aber… es ist doch erst im folgenden Jahr fällig.«

»Gewiss«, sagte ich, und ein leiser Schalk tanzte in meinen Augen. »Ich betreibe lediglich einen vorzeitigen Frühjahrsputz der Finanzen.«

»Moment mal«, mahnte er streng. »Sie können doch nicht einfach so hereinspazieren und ein Darlehen tilgen, das noch gar nicht fällig ist! Für was für eine Bank halten Sie uns?«

»Ich dachte… Sie würden sich freuen«, flüsterte ich zaghaft.

»Freuen?«, donnerte er. »Ich habe mich bei der Generaldirektion für Sie ins Zeug gelegt! Man holte eine Auskunft über Sie ein: kaum Schulden, zahlen fast immer bar, leben eigenkapitalgedeckt, geradezu spießbürgerlich. Für uns sind Sie ein Risiko auf zwei Beinen! Ich habe dem Direktor versichert, Ihre Schuldenfreiheit sei lediglich der kurzen Dauer Ihres Aufenthalts im Westen geschuldet. Und nun soll ich melden, dass Sie das Darlehen vorzeitig tilgen? Wie stehe ich denn da?«

»Brauchen Sie das Geld denn nicht?«

»Geld zu verleihen ist unser Geschäft«, sagte er mit dem ernsten Nachdruck eines Geistlichen, der einen Sünder ermahnt. »Wo kämen wir hin, wenn plötzlich alle ihre Kredite tilgten? Ein Glück, dass nicht jeder so… moralisch unberechenbar ist wie Sie.«

»Verzeihen Sie«, murmelte ich. »Ich wusste nicht, dass dies ein Vergehen ist.«

»Das muss unverzüglich der Generaldirektor erfahren.« Er winkte zwei Bankwächter herbei. »Achtung – er will ein Darlehen zurückzahlen.« Die beiden versperrten sofort den Ausgang. Ich fühlte mich wie ein Übeltäter, der beim heimlichen Beseitigen seiner Spuren ertappt wird.

Wenige Minuten später stürmte der Generaldirektor herein, das Gesicht purpurrot wie eine überhitzte Ampel. »Sie wollen wohl den freien Handel sabotieren! Mit Kunden aus dem Osten haben wir empfindliche Erfahrungen gemacht!«

Eine Träne löste sich aus meinem Auge – reine Verzweiflung.

»Ich wusste nicht, dass ich etwas Verwerfliches tue«, stammelte ich. »Es tut mir leid. Eigentlich möchte ich das Geld ja behalten. Sehr gern sogar. Und wissen Sie was – vielleicht würde ich mir sogar noch etwas mehr leihen. Ein Boot für den Bodensee, ein stiller Traum, der gerade in mir Gestalt angenommen hat.«

Die Bankwächter traten beiseite; der Generaldirektor und der Vizedirektor verwandelten sich wieder in strahlende Gastgeber und schüttelten mir die Hand.

»Jeder Mensch irrt sich einmal«, sagte der Generaldirektor milde und tupfte mir mit seinem Taschentuch die Tränen ab. »Sie wünschen sicher eine stattliche Yacht, nicht wahr?«

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