S. Werfel

Der Verdacht

Nora fand den Mann, als sie das Haus verließ. Vorsichtshalber hatte sie ihn mehrfach mit dem Fuss angestupst. Vielleicht war er ja nur betrunken. Aber da rührte sich nichts.

Ein Toter in dieser Gegend? Ja, womöglich war das ihr erster Gedanke gewesen. Sie schämte sich jetzt dafür.

An diesem nasskalten Wintermorgen hatte sie sich überwinden müssen, ihre Wohnung in dem feudalen Altbau zu verlassen. Aber sie hatte doch den ersehnten Friseurtermin, der so schwer zu bekommen war. Den konnte sie jetzt natürlich vergessen. Frierend hockte sie in dem Rettungswagen und bemühte sich, die Fragen des Kommissars zu beantworten. Nein, sie hatte sonst niemanden gesehen. Ja, sie hatte gleich die Polizei gerufen. Nein, sie kannte den Toten nicht.

Ehrlicherweise hatte sie gar nicht so genau hingeschaut. Und jetzt wollte sie das trotz Aufforderung auch nicht noch mal tun. Nein, sie kannte ihn nicht. Woher auch. Wie ein Obdachloser hatte der ausgesehen und sein Kopf mit der blutigen Wollmütze lag halb unter der Buchenhecke. Wie sollte man da überhaupt etwas erkennen können.

Endlich durfte sie zurück in ihre Wohnung und die Polizisten klingelten bei den anderen Bewohnern, um sie zu befragen. Erleichtert schloss Nora ihre Wohnungstür hinter sich und setzte sich noch im Mantel an den Küchentisch. Ob es doch sein könnte? Es rumorte in ihrem Kopf.

Sie musste mit Marianne sprechen. Aber vorher brauchte sie erstmal einen heißen Tee.

Wenig später öffnete Nora leise ihre Wohnungstür und lauschte ins Treppenhaus. Nichts war zu hören, die Polizei war offenbar abgerückt. Sie klopfte gegenüber an die Tür, klingeln wollte sie lieber nicht. Mariannes Gesicht war wie eingefroren, als sie öffnete. Aus den hinteren Räumen hörte man ihre Tochter Sabine laut heulen. Es war also doch wahr! Es war Hubert, der unten tot lag! Nora wusste nicht, was sie sagen sollte. Marianne bat sie mit einer Geste herein und ging wortlos vor in das Wohnzimmer. Sie könne sich das natürlich alles nicht erklären, sagte Marianne. Sie wirkte dabei recht gelassen auf Nora, schenkte ihr eine Tasse Tee ein und warf einen strengen Blick auf Sabine, die immer noch weinte und ihr Hochzeitskleid knetete.

Seit dem Vorwurf der Unterschlagung damals in Berlin, der seine Karriere als Geschäftsführer des Verlags jäh beendet hatte, habe sie Hubert nicht mehr gesehen. Sie sei schließlich nicht ohne Grund nach München gezogen, um die Tochter habe er sich auch nicht geschert und das alles sei auch gut so. Und jetzt liege er da. Vor ihrer Tür. Tot. Sicher so einer aus dem Milieu, der ihn umgebracht habe. Schrecklich, wie tief jemand sinken könne. Gut, dass sie beide keinen Kontakt mehr mit ihm gehabt hätten – Mariannes Hasstirade wollte und wollte nicht enden. Nora fing einen verzweifelten Blick von Sabine auf. Was um Gottes Willen sollte sie zu all dem sagen? Um der Situation zu entkommen, bedankte Nora sich bei Marianne freundlich für den Tee, wünschte den beiden viel Kraft, das schreckliche Erlebnis zu bewältigen, und floh zurück in ihre Wohnung.

Nora räumte in ihrer ohnehin sehr ordentlichen Küche herum, stellte  im Wohnzimmer den Fernseher an und wieder aus und sank schließlich auf das Sofa. Was, wenn er doch von der bevorstehenden Hochzeit erfahren hatte? Was, wenn Marianne womöglich hatte verhindern wollen – nein! Diesen Gedanken wollte Nora nicht zu Ende denken. Sie schenkte sich einen Kognak ein und stürzte ihn hinunter.

Zwei Tage später begegnete ihr Marianne im Treppenhaus. Die Polizei habe eine Spur, eine komplizierte Sache, es habe etwas mit geklauten, sehr alten Büchern zu tun, erklärte Marianne ihr sofort. Das sei plausibel, schließlich kannte sich Hubert mit sowas aus. Der Handel mit alten Handschriften und Erstausgaben, die wahrscheinlich aus Bibliotheken gestohlen wurden, bringe einiges an Geld ein. Und das hatte Hubert ja offensichtlich bitter nötig. Einmal kriminell, immer kriminell! So sei das eben. Marianne schaute Nora erwartungsvoll an.

Ob das, was Marianne da sagte, stimmen konnte? Nora ging Sabines verzweifelter Blick nicht aus dem Kopf. Es schien ihr so naheliegend, dass Sabine ihren Vater, den sie in Wahrheit sehr vermisste, das hatte Sabine ihr selbst erzählt, über die Hochzeit informiert hatte. Außerdem – und das war das Schlimmste – sie traute Marianne durchaus zu, ihm Gewalt anzutun. Mit wachsender Angst, dass Marianne ihre Gedanken erraten könnte,  lächelte Nora sie an und sagte, dass es ja prima sei, dass die Polizei so schnell vor der Aufklärung stünde. Ja, wirklich prima sei das! Danach verabschiedete sie sich eilig von Marianne unter dem Vorwand, sie müsse dringend etwas aus dem Keller holen.

Nora ging nur sehr ungern in das Untergeschoss, das verwinkelt war und in dem es modrig roch. Sie verstand selbst nicht, wie sie ausgerechnet auf diese Ausrede gekommen war. Zögernd ging sie durch den schlecht beleuchteten Gang und blieb zitternd stehen. Ein paar Minuten würden sicher reichen und Marianne dann aus dem Treppenhaus weg sein, so hoffte sie.

Mit einem Klickgeräusch ging das Licht aus. Die Schritte waren kaum zu hören und sehr nah hinter ihr, viel zu nah. Nora zuckte zusammen. Warum sie denn hier unten im Dunkeln stehe, flüsterte Marianne ihr ins Ohr. Sie habe doch oben auf sie gewartet und sich schon Sorgen gemacht.

Nora konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. So fest, dass es schmerzte, griff Marianne ihren Arm und zog sie zum Kellerausgang.

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (S. Werfel).
Der Beitrag wurde von S. Werfel auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.11.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  S. Werfel als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Mein Parki - Heute / Alltag nach vielen Jahren (Parkinson-Gedichte 2) von Doris Schmitt



Das Buch handelt von Gedichten über Parkinson nach vielen Jahren. Das 1. Buch wurde 2015 veröffentlicht und beschreibt die ersten Jahre mit der Krankheit Parkinson.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Unheimliche Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von S. Werfel

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Y2K - oder was ist das Problem? von S. Werfel (Mensch kontra Mensch)
Du böser, böser Junge..., Teil I. von Klaus-D. Heid (Unheimliche Geschichten)
Meine Bergmannsjahre (zweiter Teil) von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen