Robert Herbig

Tanz in den Mai - Eine Wolle Story


Eigentlich wollte ich ja zu Hause bleiben. Wer feiert denn heute noch den Tanz in den Mai? Und vor allem, warum?
Na ja, ich hatte mir das so schön vorgestellt, ein paar Dosen Bier im Kühlschrank, die Puschen an, im Fernsehsessel sitzend durch Premiere Sport zappen. Das Leben kann doch herrlich sein.
Und was passierte? Nach der dritten Dose Bier, ich war gerade beim internationalen Boxen gelandet und sah zu, wie ein schmächtiger Kolumbianer, sah aus wie Windelgewicht, einen noch schmächtigeren Mexikaner irgendwo in Afrika auf die Bretter schickte, als es an der Tür klingelte. Es war kurz nach neun Uhr Abends und ich erwartete eigentlich keinen Besuch mehr.
Ich erhebe also meinen müden Körper und schleiche zur Tür, wer steht da: Mein Freund Wolle, schick in seinem zeitlosen Konfirmandenanzug aus den späten Siebzigern, der auch schon lange kein Ariel mehr gesehen hatte.
“Wolle?“ sagte ich, leicht überrascht, während ich versuchte, die Dose Bier hinter meinem Rücken zu verstecken.
“Hey Alter, komm zieh dich an, wir machen einen drauf!“ meinte er grinsend, während er mir die Dose wegnahm.
“Was hast du denn vor?“ fragte ich, Unheil witternd.
“Im Waldesruh ist Tanz in den Mai, da geht’s heute rund, da kannst du doch nicht zu Hause sitzen! Wir lassen heute die Puppen tanzen“
Waldesruh? “Aber wieso Waldesruh?“, stammelte ich, während Wolle schon die zweite Dose öffnete.
“Na im Vereinsheim! Musike, Tanz und geile Bräute! So was können wir uns doch nicht entgehen lassen, mein Alter. Los, zieh dir was an, da soll’s heute hoch hergehen“
Ich ergab mich, gegen Wolle kam ich nicht an, das wusste ich. Früher oder später würde er mich doch überreden, dann lieber früher, solange er mir noch ein paar frischgezapfte Gläser Bier übrig ließ.
Ne knappe halbe Stunde später liefen wir in die Anlage Waldesruh ein. Allerdings hatte jemand “ruh“ überklebt und “lust“ drauf geschrieben. “Nomen est omen“ sozusagen!
An der Tür zum Vereinsheim hing ein Plakat mit zwei vollbusig hochgepuschten Blondinen, eine Art Margot und Maria Hellwig-Verschnitt, beide im tief ausgeschnittenen Dirndl, darunter der Spruch:

“Zwischen Broccoli und Radieschen, Tanz in den Mai mit Hannelore und Lieschen“
Ich hatte plötzlich allerheftigste Bedenken, ließ mich aber trotzdem von Wolle mit sanfter Gewalt ins Vereinsheim schubsen. Drinnen war die Luft rauchgeschwängert, man konnte fast nichts erkennen, von der kleinen, von Vereinsmitgliedern aufgebauten Bühne kündigte Lieschen gerade Hannelore mit ihrem Welthit
“Wer will denn heute Nacht alleine bleiben“ an, als mich Wolle auch schon mit Gudrun und Renate bekannt machte. Die beiden hatten auch schon bessere Tage und Wochen gesehen, zumindest hoffte ich das für sie, als ich mir die beiden genauer ansah.
Wie war das noch? Tanz und geile Bräute? Und warum sollte ich dann mit abgetakelten Schwiegermüttern vorlieb nehmen? Bevor ich versuchen konnte, die Töchter unserer beiden “Bräute“ zu finden, wurde ich von Gudrun, die sich mit einer rosa Federboa auf Vamp getrimmt hatte, auch schon auf die Tanzfläche gezerrt. Na ja, tanzen ist nicht so mein Ding, Gudrun allerdings schien das absolut nichts auszumachen, die wirbelte durch die Gegend, dass mir Angst und Bange wurde, sie könnte dabei ihre dritten Zähne verlieren. Der absolute Höhepunkt war dann eine von Lieschen angestimmte halbstündige Polonaise Blankenese, wobei einige der anwesenden “Damen“ schwer ins verzücken gerieten.
Für viele von ihnen war das scheinbar das größte sexuelle Erlebnis seit der letzten Personenkontrolle auf dem Flughafen.
Ich kann euch sagen, der Abend ging genauso weiter wie er angefangen hatte. Das einzig Positive an der ganzen Sache war, dass Gudrun mit jedem Glas Bier ein klein wenig hübscher wurde. Naja, sagen wir, sie wurde weniger häßlich.
Und irgendwann, so nach 16 oder 17 Bier sah sie wirklich fast aus wie Heidi Klum. Na ja, fast!

Ganz langsam öffne ich die Augen. Irgendwie muss Wolle es wohl geschafft haben, mich nach Hause zu bringen. Er hat mich sogar ausgezogen und ins Bett gelegt, wirklich ein wahrer Freund.
Hmmm, seit wann habe ich denn eine rosa Federboa in meinem Schlafzimmer liegen? Und Stöckelschuhe neben dem Bett?
Einen grauen BH?

Aus meiner Küche klingt plötzlich so laut wie falsch:
“Wer will denn heute Nacht a-llei-ne blei-ben?“
Mir schwant Furchtbares! Gudrun???
“Bist du schon wach, Schatz? Meine Güte, war das eine Nacht, du kleiner Tiger, du!“ flötet es da zuckersüß aus der Küche.

Tiger? Mein Gott, mir ist plötzlich so schlecht!!!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.01.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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