Die Wipfel der Bäume sind in Gold getaucht, und du weißt, es ist Zeit loszugehen.
Dein Weg führt dich auf einem schmalen Pfad zwischen hohen Cedern und feucht glänzenden Schachtelhalmen und Farnen hindurch nach unten.
Du trittst aus dem dunklen Wald heraus auf den Strand, der sich in einem weiten Bogen vor dir ausbreitet.
Bis auf die sanft anrollenden rhythmischen Wellenklänge und vereinzelte Möwenrufe ist es still um dich herum.
Du bist ganz allein.
Du gehst bis zu den Spuren aus nassem Sand und allerlei Treibgut, die die nächtliche Flut am Strand zurückgelassen hat.
Du atmest tief ein und nimmst das Bild vor dir in dich auf.
Einige kleine pastellfarbene Wölkchen stehen am durchsichtig klaren Himmel, spiegeln sich im kaum merklich bewegten, ruhigen Wasser.
In der Ferne, ganz rechts von dir, schwebt eine zarte Nebelbank über dem Meer und über den hohen dunklen Bäumen des Küstenwaldes.
Es ist noch etwas frisch, doch du beschließt, die Schuhe auszuziehen.
Unter deinen Füßen fühlst du die feuchte Kühle des Sandes, spürst die Muster und Linien, die das Meer über Nacht an Land zurückgelassen hat.
Auf dem Boden um dich herum siehst du viele kleinere und größere Muscheln. Sie schimmern in der Morgensonne.
Du bückst dich und hebst eine von ihnen auf. Sie hat die Form eines kleinen Ohres.
Auf der Innenseite leuchtet sie in den Farben des Regenbogens.
Vorsichtig berührst du die Innenseite, streichst mit der Fingerspitze sanft über die Farben.
Sie fühlt sich warm an.
Du legst die schöne Muschel behutsam wieder in den Sand.
Dann gehst du weiter bis dahin, wo die kleinen Wellen den Strand erreichen.
Bei fast jedem Wellenschlag berührt das Wasser deine Füße.
Im ersten Moment erschrickst du ob der Kühle des Wassers, doch dann fühlst du, wie wohltuend erfrischend es ist.
Du spürst, wie die Wellen über deine Füße hinweggleiten, sie mit Sand umspülen.
Es ist ein zartes Gefühl, wie ein leises Streicheln.
Langsam, Schritt für Schritt, gehst du weiter am Wasser entlang.
Nach ein paar Schritten bleibst du stehen.
Horchst auf das Rauschen der Wellen. Auf die hellen Rufe der Möwen.
Gedankenverloren schaust du über das weite Meer.
Ein sanfter Wind berührt deine Wange, liebkost deine Arme und Beine, umfängt deinen ganzen Körper.
Du atmest tief ein.
Es riecht so wunderbar nach Salz und Tang!
Und nach Freiheit.
Die Morgensonne zaubert eine glitzernde Bahn von Licht in das bewegte Wasser vor dir.
Ihr Leuchten ist so intensiv, dass du für einen Moment die Augen schließt.
Dennoch siehst du das Leuchten weiterhin. Es hüllt dich ein in seine Wärme und Geborgenheit.
Du überlässt dich dem wohltuenden Gefühl, dem Geruch des Wassers und der leichten Brise, die um Dich weht und den sanften Strahlen der Sonne
mit deinem ganzen Sein.
Ganz in deiner Nähe liegt ein angeschwemmter Baumstamm.
Du setzt dich darauf und schließt die Augen.
Nimmst tief die Geräusche um dich herum auf,
die Wellen,
den leisen Wind,
die Rufe der Möwen.
Dann wird es Zeit für die Rückkehr.
In deinem Herzen begleitet dich
das Leuchten
eines Morgens am Meer.
© Angela Pokolm (2021)
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.11.2025.
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