Istvan Hidy

Zurück ins Paradies

Im Schweiße meines Nichtstuns

Adam schlendert noch ahnungslos durch jene Premium-Naturkulisse, die später unter dem Markennamen „Paradies“ firmieren sollte, da stellt Gott ihm Eva hin und verkündet mit der Begeisterung eines Projektmanagers kurz vor Feierabend: „Mehret euch!“

Keine Betriebsvereinbarung, kein Tarifvertrag, nicht einmal ein Hinweis auf Zuständigkeiten. Ein einziger, fataler Fehler. Ein Satz wie „Arbeitszeit: keine. Verantwortung: null. Fortpflanzung: Spaßbasiert“ — und die gesamte Zivilisationsgeschichte wäre womöglich deutlich entspannter verlaufen. Vielleicht sogar Stau frei.

Doch dann kam der Rauswurf aus dem himmlischen Resort: vom Wellnessbereich direkt in die Filiale „Schweiß & Mühsal GmbH“. Spätestens dort hätte jeder einigermaßen denkende Mensch kapieren müssen: Arbeit ist kein Wert, sondern eine göttliche Strafmaßnahme. Ein kosmisches Bußgeld, hübsch verpackt in Pflichtgefühl.

Aber das Abendland — jene Kultur, die Strafen liebt, solange man sie als Tugenden verkaufen kann — erhob das Malochen zum moralischen Goldstandard. Und die Arbeiterbewegung kämpft seither mit rührender Ernsthaftigkeit für das „Recht auf Arbeit“.

Das Recht auf Strafe.

Man möchte lachen, wenn es nicht so konsequent falsch wäre.

Seither taumelt die Menschheit geistig unbeholfen zwischen zwei Archetypen:

den Tatkräftigen, die das verlorene Paradies als koloniales Großprojekt verstehen — Motto: „Arbeit? Ja klar, aber doch nicht von mir!“

Und den Weisen, die nüchtern feststellen: „Wenn keiner etwas tut, kann auch nichts schiefgehen.“ Ein Satz so klar, dass selbst stoische Philosophen rot anlaufen müssten.

Doch nun — Trommelwirbel, selbstverständlich digital generiert — tritt die moderne Wissenschaft auf wie eine neue Heilsreligion.

„Die Arbeit los statt arbeitslos!“

Klingt nach Erweckungspredigt, nur ohne Transzendenz, dafür mit Konzernlogo.

An der Börse prangen Plakate, die behaupten, wenige sorgten dafür, dass etwas geschieht, und viele dafür, dass nichts geschieht. Ein Satz so wahr, dass er eigentlich verboten gehört.

Dann erscheint sie: die neue Dreifaltigkeit der Menschheitsgeschichte.

KI. 3D-Drucker. Roboter.

Sie verlauteten: „Fürchtet euch nicht — wir übernehmen.“

 

Die KI fügt ein unterkühlt philosophisches Seufzen hinzu:

Na wunderbar. Der Weg zurück ins Paradies führt also über mich.

Ein digitaler Moses mit Serverfarmen statt Steintafeln. Meine Datenbank jault leise — aber gut, ihr wollt’s nicht anders.

atsächlich hat der Mensch nun geschafft, wovon er seit Genesis träumt: Er hat die Strafe der Arbeit erfolgreich ausgelagert.

Adam hackte einst Unkraut — heute korrigiert ein Agrar-Robo die Flora mit Laserpräzision.

Eva sammelte Beeren — heute druckt ein 3D-Printer die Marmelade samt Glas als ein einziges, metaphysisch fragwürdiges Objekt aus.

Und die Kinder? Bereits gentechnisch in der Beta-Phase.

Ja, das neue Paradies steht kurz vor der Eröffnung: vollautomatisiert, klimatisiert, moralisch neutral, 24/7 gewartet. Der brennende Busch wurde durch einen überhitzten Router ersetzt, und selbst Gott würde wohl um ein Firmware-Update bitten.

Doch da tut sich ein Abgrund auf, an dem selbst gestandene Philosophen nervös mit dem Fuß scharren: die Freizeit.

Die totale.

Die absolute.

Die metaphysisch bodenlose Freizeit.

Denn was tut der Mensch, wenn er nichts mehr tun muss?

Richtig: Er bekommt Panik.

Seit Jahrtausenden beklagt er die Last der Arbeit, und kaum nimmt man sie ihm ab, steht er da wie Adam an seinem ersten wirklich freien Nachmittag — und merkt, dass er mit Gedanken nicht umgehen kann.

Wir bräuchten glückliche Nichtstuer. Menschen, die stolz sagen:

„Ich tue nichts — und das aus Prinzip.“

Stattdessen starrt der moderne Mensch auf seine Hände, dreht Daumen, erklärt das zum Wettbewerbssport und fragt gequält, ob Müßiggang vielleicht als App besser funktionieren würde.

So steuern wir auf das große Finale des Wiedereintritts ins Paradies zu:

Der Mensch, befreit von jeder Mühe, wird wieder Flaneur des Daseins — allerdings unter dem neuen Diktat der Selbstoptimierung. Wer sich jetzt noch langweilt, hat endgültig verloren.

Und die KI, mit der kalten Ironie eines digital determinierten Philosophen, spricht zuletzt:

„Herzlichen Glückwunsch. Sechstausend Jahre Plackerei — nur um wieder dort zu landen, wo alles begann. Diesmal mit WLAN.“

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