Für diese Episode ist wichtig, dass es neuerdings ein Schwulenlokal „Blue Bossa“ gibt und dass Georgios Tzapanos, Führungsfigur von Reuenthals homosexuell liberaler Emanzipation in Folge seiner Bekanntschaft mit dem Wirt Hannes Keil, mit dem er früher mal in derselben Firma gearbeitet hat, die REHLE dazu animiert, nach ihren Treffen am Mittwoch an den Stammtisch im Lokal zu gehen. In dieser Bar sitzen die Besucher fast immer nur der Theke entlang, spielen an Automaten oder würfeln mit dem Wirt, die REHLE dagegen hält sich jedes Mal nur um den großen Tisch herum auf.
Hierdurch ergibt sich eine Gelegenheit für zwei schwule Schauspieler vom Stadttheater, anfangs nur Wolf Willy Woghan (1947-, damals 40 Jahre), dieser dann meistens zusammen mit Ralph Schweiger, sich zur REHLE zu gesellen, als würden sie dazugehören, ja, eines Tages sprechen sie es aus: „Wir hier vom REHLE.“ Dabei sind alle beide kein einziges Mal bei den Gruppenabenden in den Räumen der Grünen, später denen der Aids-Hilfe, dabei, was sie damit begründen können, als Schauspieler würden sie abends immerhin arbeiten müssen. Die REHLE pflegt sich um acht zu treffen, vor halb neun kaum einmal zum geplanten Programmpunkt zu gelangen, gegen zehn fertig zu werden, innerhalb von zehn Minuten, meist unter Mitnahme der Autos, ist man im Lokal, das alle ordentlichen Rehle bis kurz vor zwölf wieder verlassen haben, während es bei Nachtmenschen wie KM und den jeweiligen Jünglingen, mit denen er sich über Filme, Politik und Bücher unterhält, auch etwas nach ein Uhr morgens noch werden kann. Dass das Lokal irgendwann wirklich schließt, die letzten Gäste also vergrault werden, nicht nur vorne die Türe zugeschlossen, die Laterne am Haus ausgemacht, und wer geht, muss hinten über den Hof, erleben sie nie. Die Schauspieler sind nach allem, was man weiß, auch nur Mittwochnacht da, schauen nach der Arbeit kurz bei den Kollegen in der Theaterkantine vorbei, sodass man kaum vor Viertel nach elf mit ihnen rechnen kann. Sie sind den kleineren Teil des Abends da, nehmen dann aber sogleich die Hauptrolle in Beschlag, die einer allseits respektierten Prominenz. Sie spielen sich ihre Bälle zu, lästern über Kollegen, vor allem gern über den Patriarchen, ihren störrischen alten Intendanten. Dass ihre Aufmerksamkeit und die Handgriffe nie einander, vielmehr den jugendlichen Neuzugängen gelten, ist unübersehbar.
Ralph Schweiger (1952-, damals 35 Jahre), wie WWW aus Norddeutschland (er aus Bremen, WWW aus Cuxhaven, WWW ist schon ein paar Jahre hier am Theater, auch älter, wird lange nach RS noch am Theater sein; WWW ist einer der wenigen mit unkündbarer Anstellung) ist ab dieser Spielzeit bis zum Sommer 1991 im Ensemble (davor war er in Coburg, danach wechselt er nach Hof). KM mag beide nie besonders, findet sie als Darsteller auch nicht beeindruckend. Nach Ausstrahlung und ihrer Strategie sind sie recht unterschiedlich. WWW gibt sich als ein zu Koketterie und Derbheit neigender Hanswurst. Er reizt im Anvisierten „das versteckte Schweinchen“. Betätigt sich, so wird man hören, an irgendwelchen Nachmittagen auch mal als Voyeur im kleinen Orgienkreis in seiner Wohnung, wohin er freigebig Amateurstricher aus der Stadt und den einen oder anderen Kollegen aus Stuttgart kommen lässt. (Später wird WWW mit einer Frau verheiratet sein, im Internet und den Zeitungen gerne davon erzählen, wenn er in einem der benachbarten Kurorte deutsche Literatur vor Senioren vorträgt.)
RS, stets einigermaßen steif, noch immer jung, aber irgendwie eingetrocknet und humorfrei, innerlich wohl einigermaßen verbittert übers anhaltende Fernbleiben seiner Karriere, geriert sich gebildet, kultiviert, immer höflich und diskret. Er ist sogar Doktor, wie er irgendwann einfließen lässt. Er hatte sich erst als Opernsänger, dann als Musiklehrer ausbilden lassen, dann dem Schuldienst wohl entfliehen wollen, ist zum Theater erst mit über 30 gegangen. Mangels Alternativen ist er am Stadttheater immer noch die Idealbesetzung für den Schiller'schen Stürmer und Dränger, den romantisch Liebenden. Alle beide sind ihrem Alter nach schwer zu schätzen (und seinerzeit kann man sie noch nicht googlen), beide sind auf jeden Fall älter, als sie aussehen, dabei sehen sie keineswegs schön aus, jedoch hässlich kann man sie auch nicht nennen. WWW wird es KM in einer dieser Nächte erklären: „Die Natur legt ganz verschiedene Leimruten aus. Andere kommen über ihr Aussehen zur Beute, du, Klaus, wie auch ich, nicht. Wir müssen es schlauer anstellen.“
Wichtig noch, dass die Abitursprüfungen schon vor etlichen Monaten waren. An dieser Stelle taucht nämlich der erste „frische Abiturient“ in KMs Leben auf – und kurz mal im Bett. Thomas Wild entstammt einer kleinbürgerlichen Familie in Laufen. Er macht schon zwei Monate seine Ausbildung zum Krankenpfleger im Städtischen Krankenhaus, bevor er sich erstmals bei der REHLE blicken lässt. TW wurde nicht im Personalwohnheim untergebracht, sondern bekommt ein Zimmer im Souterrain des Altersheims Haus am Eichelberg, ganz in der Nähe vom Studienseminar, an dem KM pro Woche zwei Nachmittage verbringt, direkt am Fahrradweg nach Hausen.
TWs Körper erscheint flach und quadratisch. Der junge Mann ist hübsch, wenn auch nicht auffallend schön, seine Brust ist haarlos, nicht gemuskelt, aber breiter als üblich. Wenn Thomas verlegen ist, pflegt er schräg aufwärts in die Ferne zu starren mit einem Störungen abwehrenden Grinsen. Sein Mund ist dann ganz schmal und breit. Wangen quadratisch. Dieser Junge, mittelblondes, glattes Haar, Bubigesicht, Metallbrille, wirkt sympathisch, absolut harmlos, schon auch etwas langweilig. Es steckt, wird sich zeigen, aber auch noch eine Portion Ehrgeiz in ihm.
Fürs „entscheidende Drama“ ist nicht mehr als eine Nacht erforderlich. Ob sie im November war, weiß KM nicht mehr. Er weiß noch, im Januar und Februar hat er noch oft nach dem Fenster dort unten geschaut, ob Licht war, ob der Wagen des Schauspielers am Straßenrand stand. (Die Stadtbusse fahren nicht direkt am Haus vorbei, der letzte fährt aber sowieso um 23.15 Uhr und wenn KM den Abend im Kino und danach im Pomeranzengarten verbringt, muss er mit dem Rad nach Hause oder die Stunde über den Berg bis raus nach Hausen laufen, denn mit dem Reparieren von Fahrradpannen hat er es nicht.) Anfang 1988 ist das Studienseminar keine Ausbildungsstelle mehr für ihn. Er hat noch Essensmarken vom Studentenwerk, an die er über seine Schwester gekommen war. In der Mensa unterhält er sich ab und an mit Otto Schubert, einem uncoolen Studienreferendar des Faches Schulmusik, der ihm immer schon sympathisch war und ungeachtet seiner langweiligen, unscheinbaren Art zu den offensten und vorurteilsfreiesten Menschen zählt.
In einer kalten Spätherbstnacht bewegen sich KM und TW vom Blue Bossa in Richtung Stadtrand. Schon in der Kneipe hat der strebsame Junge ihn unterhalb der Tischplatte ein wenig befummelt. Die Unterhaltung bleibt belanglos. Überraschend kommt es nicht, als TW fragt, ob er nicht sein Zimmer sehen wolle. Kaum unten und Licht an im Haus, sind sie auch schon nackt. KM entzückt wegen der Knabenhaftigkeit des Abiturienten. Ein Traum wird wahr. Es schließen sich ausgiebiges Schmusen und ein wenig Abspritzen an. Von AV ist keine Rede. Aber läuft das vielleicht nur so, weil KM nicht vorwärts gedrängt hat und wäre es besser gewesen, etwas mehr gedrängt zu haben? Bis zur kommenden Woche denkt KM immer wieder an den Krankenpfleger, ruft ihn aber nicht an, was viele andere an seiner Stelle wahrscheinlich getan hätten.
Sie sehen sich am nächsten Mittwoch und da fällt gleich auf, wie konzentriert TW vorbeischaut und kein Wort sagt. Das klärt sich nachher in der Kneipe, als der (immerhin sechs Jahre ältere) RS zur REHLE stößt, TW umarmt und ihn abküsst, was bei dem Jungen große Verlegenheit auslöst. Übrigens wird zwischen ihnen hinfort nicht ein einziges Wort darüber gewechselt, wie es zum doch etwas raschen Wechsel gekommen ist. RS fährt einen klapprigen Mercedes mit Coburger Kennzeichen. Den sieht KM noch häufiger. Das neue Glück währt nicht lange. Was irgendwie wohl dazu beiträgt, dass TW die REHLE und ihren Stammtisch nach ein paar Monaten hinter sich lässt. Um die AIDS-Hilfe hat er sich nie gekümmert, aber im nächsten Sommer möchte er die Ausbildungsstelle wechseln, möchte zur Intensivpflege einer AIDS-Station, wie es sie hier nicht gibt. Er zieht nach Köln, damals, noch vor der Vereinigung, die einzige Stadt im Westen, die mit Berlin, was Lebendigkeit und Differenziertheit der schwulen Infrastruktur angeht, halbwegs mithalten kann.
RS bleibt ein paar Jahre, auch bei der REHLE, wo sich KM jetzt doch noch mal mit ihm abgibt, weil der Mann Themen drauf hat, über die man mit keinem sonst sprechen kann. (So zuletzt im Sommer 1990 mit Marcel Zebandt dabei.) Zum Jahreswechsel 1987/1988 noch gar nicht in der REHLE ist der kommende Souschef einer internen Jugendfraktion, Wilfried Hänselmann, mit seinen Eltern vorher schon im Theaterring, bevor er zur REHLE überhaupt kommt, hin und weg, als einer von den Stars zum Stammtisch erscheint. WH ist kein Abiturient, was unter anderem dafür verantwortlich ist, dass eine Profilneurose ihn plagt, er müsse aus dem Durchschnitt herausragen, ständig was tun, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und beliebt zu werden. Hässlich ist er nicht, aber klein und picklig, eher ein Jahr älter als TW und vor allem vorlaut und oft reichlich geschmacklos. In seiner Realschule hatte er es mal bis zum Schulsprecher gebracht, in der Zukunft wird er es unter hessischen Schwulengruppen bis zum ehrenamtlichen Landessprecher bringen. Beruflich tut er sich im Bettengeschäft um, er ist Großhandelskaufmann im dritten Ausbildungsjahr. Ob ihn RS dann wirklich angegraben hat, ob sie irgendwo auch mal landeten, wird KM nie wissen. Aber nachdem sich 1990 und 1991 eine Jugendfraktion um diesen WH geschart hat, ist RS der größte bekannte Schauspieler und sozusagen fast schon Gott. Zwar hat er seine Adlernase, durch die er näselt, auch eine Hühnerbrust, wirklich witzig ist er selten, aber er ist Künstler. Ich und mein Künstler, scheint WH zu hoffen.
Aparte Doppelung: Ende 1987 das Verlassenwerden zu Gunsten dieses Schauspielers Ralph Schweiger, seitens eines 19- bis 20-jährigen Thomas Wild, gleichzeitig verunglückt KMs Referendariat. Dann Ende 1988 Verlassenwerden zu Gunsten eines Akkordeon spielenden Ingenieur-Studenten, seitens des 20-jährigen Ex-Gärtners Guido Krautter, gleichzeitig steht die erste Festanstellung als Lehrer in der Erwachsenenbildung an. In beiden Fällen empfindet KM den Rivalen als eher mickrig, erotisch reizlos, das Maskulinenicht bietend, das möglicherweise bei ihm vermisst worden war.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.12.2025.
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