Gherkin

P O D O P H O B I A

 

Druzhelyubnoe privetstvie vo vse storony! Ich bin Anastasia, gern können Sie auch Nastja zu mir sagen. Mein Beruf: Podologin. Mit eigener Praxis. Und ich stecke mitten in einem Dilemma. Es war ein schleichender Prozess. Für mich ganz zu Beginn kaum zu erkennen, erwachte eine tiefe Abneigung gegen Füße in mir. Da arbeitete ich bereits gute 3 Jahre in meinem Beruf. Diese Podophobie überraschte mich eines Tages, griff mich, quasi von hinten, sehr heimtückisch, an. Übermannte mich, trat mir, metaphorisch gesprochen, massiv in den Bauch: „Hier hast du! Da, nimm! Füße? Uwäch! Widerlich! Entsetzlich! Ekelerregend!“ Allein der Anblick bringt Panikattacken, Schwitzen, Angst, Herzrasen, den blanken Horror und echten Grusel mit sich. Wie es nun dazu kam? Ich erkläre es. Ungern.

Meine Ausbildung umfasste 4 Jahre (Corona bedingt, sonst reichen auch schon drei Jahre aus), und ich empfand eine tiefe Liebe zu meinem erlernten Beruf. Wie schön ich Füße einst fand. Wie wunderbar sich mir solch ein Fuß offenbarte. Trägt einen Menschen und bringt ihn meilenweit in die Welt hinein. Du kannst Marathon laufen oder auch nur die Zeitung aus dem Kasten vor dem Haus holen, du kannst im Wald Spazierengehen, Zigaretten vom Kiosk oder Pizza bei der Trattoria Trulli holen, die Füße tragen dich, so zuverlässig und so beschwingt, wenn du kein Fußleiden hast. Ich wollte helfen, dazu beitragen, dass es den Füßen gut geht. Meine Intention war stets, alles dafür zu tun, dass sich Füße gleichbleibend schön, ästhetisch und gesund zeigen können.

Ich machte keinen Unterschied zwischen zierlichen Frauenfüßen und oftmals riesigen Männerfüßen. Für mich war jeder Fuß (zugegeben, bis auf wenige Ausnahmen) ein sehr schöner Anblick, gerade die Füße der Frauen. Durch High Heels und enge Pumps sind sie deutlich anders geformt, mitunter auch etwas gepresst im Zehen-Bereich. Ich hatte keine Vorurteile. Auch, wenn die Männerfüße mitunter etwas müffelten. Mir war das egal. Jeder bekommt bei mir zunächst ein Fußbad. Erst dann gehe ich an die Arbeit.

Natürlich denke ich mir mein Teil. Einer meiner Kunden trägt so beispielsweise stets dieselben Schuhe, immer. Dadurch mariniert dieser ältere Herr seine Füße. Aber ich enthalte mich jedweder Kritik. Meine Philosophie: Jeder nach seinem Gusto. Dann ist das eben so. Die Socken scheint er auch nicht oft zu wechseln. Das intensiviert seine „Aromen“ am Endpunkt seiner unteren Extremitäten exzessiv. Ich kann es gar nicht abwarten, bis er seine Schweißmauken der Größe 47 ins Fußbad eintaucht. Oftmals gebe ich sogar heimlich etwas Allpresan Fußbad-Konzentrat ins warme Wasser hinein. Es hilft ein wenig. Einer wunderschönen Frau Anfang 30, mit extrem hübschen Füßen, ich bin geneigt, sie „Zucker-Füßchen“ zu nennen, mochte ich sogar in der Fantasie die entzückenden Füße küssen, so wunderschön stellten sie sich dar. Aber das war einmal. Heute ekelt es mich so sehr vor all den Füßen, dass ich manchmal, vor Arbeitsbeginn, einen kleinen Grey Goose Altius Vodka zu mir nehmen muss. O nein, ich bin nicht vom Alkohol abhängig. Zuhause trinke ich guten Rotwein, in Maßen, aber rund um 8:30 Uhr morgens, wenn ich an das gute Dutzend Füße denke, dem ich heute begegnen werde, graust es mich so sehr, dass der gute Grey Goose her muss. Deutlich entspannter und durchweg auch mit einem erfrischenden Lächeln begrüße ich den ersten Kunden. Die Stirn runzelt sich erst dann, wenn ich die Füße aus dem Fußbad ins Handtuch nehme, Maske und Handschuhe anhabe, die Instrumente parat lege und, arg seufzend, meine Arbeit beginne. „Erst 9 Uhr, uijegerl, der Tag nimmt ja überhaupt kein Ende...“ Und wie euphorisch war ich einst gestartet. Ich stand in meiner wunderschönen Praxis, alles modern und geschmackvoll eingerichtet, weiß und behaglich, Ambient Music schallt aus den Lautsprechern, dezent und – unerträglich… Ein süßlicher Quark aus farblos gestaltetem Einheitsbrei-Pop, allesamt Coversongs, im Endlos-Musikmix, entsetzlich. Den lieben langen Tag. Dem Himmel sei Dank höre ich über all die Zeit gar nicht mehr richtig hin. Denn ich bin ein Heavy Freak, Schwermetallerin, Hard Rock Fan, Metalcore Mädel oder eine Alternative Music Frau. Alles nur jenseits vom Mainstream. Bloß keine Mainstream Gleichförmigkeit. Eintönigkeit bei der Musik ist mir verpönt. Wenn meine Gitarren wiehern, jaulen, wimmern und kreischen, dann bin ich glücklich. Das volle Brett um die Ohren, Headbangen pur und die wilde Lust am wüsten Pogo, das ist meine Welt. Erwartet man das von einer Podologin? Ebenso wenig wie einen rappenden Papst. Aber was soll ich machen? Ich liebe das Gitarrengewitter so sehr. Hämmernd und treibend, die harten Drums, derb und böse wummert der Bass im Bauch, rau und hart die Stimme des Sängers oder der Sängerin, meine Welt ist schrill und laut. Heftig, das mag ich sehr.

Und was dringt da für ein Schwall an süßlichem Marshmallow-Zuckerwatte-Stumpfsinn aus meinen Boxen in der Praxis? Fahrstuhl-Musik, Synthie-Pop-Versatz, endlose und widerliche Einheitsbrei-Peinlichkeiten aller Art. Du fühlst dich umarmt von Schleim und Widerwärtigkeit, ekelhaft. Das ist mein Leben – Füße und Hirnschwurbel-Mucke. Ist das ein Vorgeschmack auf die Hölle? Aber wie kam es nun dazu? Zu dieser Abneigung gegen nahezu alle Füße? Sogar die eigenen zählen dazu. Dazu muss ich ein wenig ausholen.

Da ich als Dark Princess, Frankensteins Braut, Goth orientiert und richtig gern schwarz gekleidet, stets die dunkle Seite des Lebens bevorzugte (ob Literatur, Kunst, Musik und Klamotten), schaute ich seit jeher gern die düsteren True Crime Videos im Netz. Meine Favoritin ist Lucia Leona. Ich habe diese großartige YouTuberin auch schon Live auf der Bühne gesehen. Irgendwann fiel es mir auf. Und zwar unangenehm. Hier nahm dann so gut wie ALLES seinen Anfang. Was wird gezeigt, ganz zu Beginn eines True Crime Falles?

Richtig: Füße! Da liegen sie. Meist weiblich. Im Gras. Im Bett. Auf dem Boden. Hinter der Couch oder quer auf der Matratze. Füße! Später dann, mit dem obligatorischen Zettel am großen Zeh, im Leichenschauhaus. Auf dem blanken Obduktionstisch, Metall, ein Rechtsmediziner, ein toter Mensch, tote Füße. Würg. Es war, wie gesagt, ein schleichend zögerlich chronisch, zunächst fast unmerklicher und sehr langsamer Prozess. Erst hatte ich nur zu schlucken. Dann, nach und nach, verspürte ich einen gewissen Unwillen, die Füße sprangen mich förmlich an. „Schon wieder F ü ß e!“ In all den Einblendungen die immer gleiche Einstellung vom Beginn der Sendung. Die nackten Füße im Gras. Tot. Es war der Beginn einer Abneigung, die mich bis heute, sukzessive, voll im Griff hat. Sogar exponentiell anwachsend. Kennen Sie die Geschichte mit den Reiskörnern und dem Schachbrett? Es lebte in Indien einst ein König namens Sher Khan. Während seiner Herrschaft erfand jemand das Spiel, das heute Schach heißt. Der König wollte diesen genialen Erfinder belohnen und meinte: „Ich will dir eine Belohnung geben. Such dir etwas aus, was auch immer es sein mag, ich erfülle dir diesen Wunsch!“ Der weise Mensch erbat sich Bedenkzeit bis zum nächsten Tag. Als der Mann am nächsten Tag abermals vor den König trat, bat er um ein einziges Reiskorn auf dem ersten Feld des Schachbretts. Der König lachte und fragte ihn, ob das wirklich alles sei, er könne sich doch mehr wünschen. Da antwortete der Mann, er hätte gerne auf dem zweiten Felde zwei Reiskörner, auf dem dritten vier, auf dem vierten acht, und auf dem fünften Feld sechzehn Reiskörner. Der König war verärgert, weil er dachte, der Erfinder halte ihn für zu arm oder zu geizig. Er sagte, er wolle ihm für alle Felder Reiskörner geben – auf jedem Feld doppelt so viele Körner wie auf dem Feld davor. Doch der Wunsch sei dumm, weil er ihm viel mehr hätte geben können. Der König schickte den Erfinder des Schachspiels aus dem Palast hinaus und ließ ihn am Tor warten. Dorthin würde man ihm seinen Reis bringen. Sehr bald. Konnte sich ja nur um ein kleines Säckchen handeln.

Der Weise ging leise lächelnd hinaus. Am Tor setzte er sich und wartete geduldig auf seine Belohnung. Doch wartete er vergeblich. Die Berater des Königs teilten ihm mit, dass es auf der ganzen Welt nicht genug Reis gäbe, um den Erfinder zu belohnen. König Sher Khan schwieg verblüfft. Dann fragte er, wie viele Reiskörner es denn letztlich seien. 18.446.744.073.709.551.615 Reiskörner war die Antwort. Ja, und in Worten sind das 18 Trillionen, 446 Billiarden, 744 Billionen, 73 Milliarden, 709 Millionen, 551 Tausend, 615 Reiskörner. Der König machte daraufhin diesen sehr weisen Erfinder zu seinem engsten Berater. Das hat Sher Khan auch niemals bereut.

Das ist exponentiell anwachsend. So erging es mir mit den Füßen. Es wurde schlimmer. Jeden Monat, jedes Jahr. Immer schlimmer. Bald schon hatte ich vom Anblick der Füße bereits einen Würgereiz, schließlich wurde mir richtig schlecht. Selbst das Waschen der eigenen Füße gerierte zur Horror-Show. Konnte gar nicht hinsehen. Wusch die Teile mit abgewandtem Gesicht. Schrecklich. Dabei bestätigte mir Sergej, mein Herzensschatz, dass ich wunderhübsche, sehr süße Füße hätte. Aber das erreicht mich ja längst nicht mehr. Es ist völlig bedeutungslos geworden. Jedenfalls für mich. Ich musste tatsächlich zum Psychiater mit meinem Problem. Er bezeichnete mein Leiden als Podophobie. Ich hätte natürlich lieber eine Arachnophobie, Akrophobie, Agoraphobie oder eine sicherlich kaum bekannte Chionophobie (Angst vor Schnee! Obschon, da begänne jetzt die wohl mit Sicherheit schlimmste Albtraum-Jahreszeit für mich!).

„Wie werden Sie es angehen?“ fragte ich meinen Psychiater, Dr. Friedrichs. Er legte die Fingerkuppen aneinander und seine Stirn in Falten. „Hier sind die Optionen“, verriet er mir dann schließlich:

„Ein Psychiater bei der Behandlung von Podophobie wird sich im klassischen Sinne oft an folgenden Schritten orientieren:

  • Kognitive Verhaltenstherapie (CBT): Diese Therapieform hilft den Betroffenen, negative und irrationale Gedanken über Füße zu erkennen und zu verändern.

 

 

  • Schrittweise Konfrontation: Der Patient wird schrittweise mit fußbezogenen       Reizen konfrontiert, um die Angst zu reduzieren.

 

 

  • Entspannungstechniken: Diese werden während der Behandlung ausgeführt,     um die Entspannungsfähigkeiten zu stärken.

 

 

  • Medikamentöse Behandlung: In schwereren Fällen können Medikamente wie    Alprazolam (Xanax) zur Linderung der Angstsymptome eingesetzt werden.

Und zum Abschluss der schrittweisen Konfrontation werden Sie, verehrte Dame, mir dann ohne Handschuhe die nackten Füße massieren!“ Ich stand auf und ging erbost hinaus. So weit kommt´s dann noch. Vor dem Marienhospital in Buer hab ich mich übergeben. Ein netter Herr in Sandalen hielt mir die Haare zurück. Dabei sah ich, dass er in leichten Sandalen seine verschorften Hufe ohne Socken trug. Da spie ich erneut 7 x heftig. Und schrie: „Diese Schweinerei hier mach ich aber nicht weg. Das soll Dr. Friedrichs machen!“ Und war flott verschwunden. Keine Nahrung mehr an diesem Tag. Nur noch Kamillentee. Aber Xanax ließ ich mir von einem anderen Psychiater verschreiben. Hilft ein wenig. Nicht übermäßig. Aber doch immerhin ein wenig…

Ab diesem Zeitpunkt hasste ich alle Füße. Die Füße meiner Kunden, auch meine eigenen, die meines Knuddelbären, eben alle! Ich bat Sergej, die Socken auch im Bett stets anzubehalten. Als ich diesem Dr. Friedrichs bei der Erstvorstellung in seiner Praxis sagte, welchen Beruf ich habe, musste er sich abwenden, um den verblüfften Grinsekopf vor mir zu verbergen. Denn das ist ja unprofessionell. Aber zugegeben, es entbehrt nicht einer gewissen Komik. Wie ein Hochseilartist, der an Höhenangst leidet. Oder vielleicht ein Clown in einem Pulk von Clowns, der an Coulrophobie leidet (Sie, der Leser, von dem ich ganz sicher weiß, dass er ja ein hochintelligenter Mensch ist, wird wissen, um welche Phobie es sich hier handelt – oder etwa nicht?). Die meisten werden Witze darüber reißen. Doch mir ist nicht zum Lachen zumute. Wie gern hätte ich eine Ochlophobie (Wissen Sie noch, wo Ihr Fremdwörter-Lexikon sich gerade befindet? Nein? Pech gehabt, denn es wird Ihnen jetzt keiner übersetzen können; und ich weigere mich standhaft, es für Sie in Klammern zu erklären! Ha! Tja, ich bin eine böse, schwarze Seele! Und für das schreckliche Schicksal, das mich ereilt hat, möchte ich eben auch so manchen Arsch traktieren, um mich zu rächen, auf so manchen Fuß treten. Nee, das geht jetzt, rein vom bildlichen Kontext her, doch zu weit!), aber nein, es musste ja eine Podophobie sein. Härter kann dich so ein finsteres Karma gar nicht treffen. Ist nur vergleichbar mit einem Metal Freak, der sich am Mittwoch, dem 31.12.2025, im BMW Park in München, um 20:15 Uhr, inmitten einer tosenden Menge befindet. Ratlos, rettungslos verloren, renitent und ruchlos bedrängt! Es ist dieses Event:

Florian Silbereisen präsentiert: SILVESTER-SCHLAGERBOOOM 2026 LIVE! Und unser Metal Head hat weder eine Schusswaffe dabei noch Ohrstöpsel, aus dieser Nummer kommt er einfach nicht mehr raus. Ächz.

 

So auch ich. Wer sich um F… kümmert, ist ein trauriger Wicht. Ich jedenfalls nicht nein, ich jedenfalls nicht. Wenn Sie in der Altstadt in Gelsenkirchen einen fähigen Podologen oder eine gute Podologin suchen, dann wenden Sie sich bitte nicht an mich! Auf gar keinen Fall. Machen Sie gerne einen Termin bei Frau Fast, Altstadt Podologie Gelsenkirchen, von-der-Recke-Str. 9, 45879 Gelsenkirchen. Termine? 0209 3604207

Oder bei Marina Gaus. Oder bei Angela Kinski. Wie auch immer Sie mögen. Nur eben nicht bei mir. Ich möchte mit F… nichts mehr zu tun haben. Danke. Aber NEIN DANKE! Spasibo za vashe vremya. Vsego vam dobrogo!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.12.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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