Leonhard Ried

Ossis, Wessis und eine Impfgegnerin!

 

 

Sie alle leben unter einem Dach oder in der unmittelbaren Nachbarschaft. Man trifft sich zu einem vorweihnachtlichen Date. Die Welten, die aufeinander treffen, könnten unterschiedlicher nicht sein.

 

Schon von weitem höre ich ein paar Weihnachtslieder, die von zwei Blasinstrumenten gespielt werden. Es gibt sehr gute Bratwürste vom Grill, ausgezeichneten Glühwein, eine Feuerschale und Stockbrot für die Kleinsten.

 

Dann kommt es zu vielen Begegnungen mit Menschen, die wir sonst meist nur in der gemeinsamen Tiefgarage treffen.

 

Uns gegenüber wohnt ein älteres lesbisches Pärchen. Bei der einen ist eine erwachsene Tochter zu Besuch. Sie hat daneben noch drei weitere Kinder und viele Enkel. Das hätte ich nicht gedacht.

 

Bald komme ich mit einem Mann ins Gespräch, der aus dem Osten stammt. 29 Jahre lang hat er noch in der ehemaligen DDR gelebt. Er hat die damalige Zeit in keiner schlechten Erinnerung. Meinungsfreiheit gäbe es ja auch hier nicht! Wer offen seine Meinung sagt, werde sehr schnell als Nazi verdächtigt oder verunglimpft.

 

Dann höre ich noch Sätze, die in den Ohren von uns Wessis sehr schrill klingen: Nicht Putin habe den Krieg begonnen, sondern Selenskyi. Die Ukraine gehöre schon immer zu Russland. Der viel gefährlichere Dikatator sei Selenskyi.

 

Dem Friedrich Merz gehöre die Hälfte des Waffenherstellers Rhein-Metall. Deshalb würde er einen Krieg planen. 

 

Seine geistige Heimat ist die AFD. Diese Partei habe sich schon immer vehement dafür eingesetzt, keine Wirtschaftsflüchtlinge mehr in unser Land zu lassen und jegliche Einwanderung in unser Sozialsystem zu unterbinden. 

 

Für uns sind viele dieser Sätze “starker Tobak”! Ich halte kräftig dagegen und halte mit meiner Meinung auch nicht “hinterm Berg”. Unterstützt werde ich von einem 71-jährigen Mann, der gut informiert, gebildet und weit gereist ist. Der scheint der CDU nahe zu stehen. Er argumentiert mindestens so gut wie ich, ist aber freundlich und verbindlich im Ton.

 

Der Ossi rudert nun zurück. Mehrfach betont er, dass die unterschiedlichen politischen Auffassungen die gute Nachbarschaft nicht gefährden sollten. Das gefällt mir an ihm. 

 

Er könne auch mit seinen beiden erwachsenen Kindern nicht über Politik reden, weil die in der Bundesrepublik aufgewachsen seien. 

 

Das Gespräch mit ihm war konfrontativ, wir sind aber nicht aneinandergeraten. So können wir später über andere Themen sprechen, die uns eher zusammenrücken lassen.

 

Bald muss ich mich aber einem anderen Thema stellen. Eine Frau, die hier im Westen aufgewachsen ist, übt Kritik am öffentlich rechtlichen Fernsehen. Hier werde nicht in ausreichendem Maße objektiv, überparteilich und objektiv berichtet. In diesem Punkt ist sie sich einig mit dem Mann aus dem Osten.

 

Während der Corona Pandemie hat sie sich konsequent einer Impfung verweigert. An ihrem damaligen Arbeitsplatz hat sie daraufhin Repressalien erlebt. Das hat sie bis heute nicht verwunden.

 

Sie hat sich in den letzten Jahren immer mehr in das Impfthema hineingearbeitet und bald verwendet sie Fachbegriffe, sodass ich ihren etwas verwegen klingenden Theorien kaum mehr etwas entgegensetzen kann. Mein Widerstand erlahmt. Mein 71- jähriger Kompagnon hat sich bei passender Gelegenheit aus dem Staub gemacht, sodass ich jetzt ganz auf mich allein gestellt bin.

 

Insgeheim befürchte ich, dass viele Gäste die Party verlassen könnten, weil sie so massiv und raumgreifend auftritt. Erleichtert bin ich deshalb, als sie sich wieder um ihre kleine Tochter kümmern muss. Ihr Ehemann sagt mir danach, dass er sich bedenkenlos gegen alles impfen lässt, weil er damit keine besonderen Ängste verbindet.

 

Jetzt beginnt für mich der angenehmere Teil des Abends. Ein kleines Häuflein von Nachbarn sitzt noch um das Feuer herum. Die Atmosphäre ist gemütlich und unbeschwert. Wir reden über dieses und jenes und kommen uns dadurch wieder viel näher, so dass ich das kleine Fest mit einem guten Gefühl verlasse. 

 

Nur eine unserer beiden Tassen, auf denen jeweils ein Engel abgedruckt ist, finde ich nicht mehr. 





 

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