Impuls Hans Reiter (Funky) zum Beitrag: Zeitenwende und andere Unmöglichkeiten.
Ein Monolog für eine Gesellschaft, die gleichzeitig sitzt und rennt.
Parable Lesedauer: 4 Minuten ihrer Lebenszeit.
Man sagt, wir lebten in bewegten Zeiten.
Das stimmt. Nur bewegen wir uns nicht gemeinsam. Die einen stehen still und nennen es Erfahrung.
Andere rennen im Kreis und nennen es Fortschritt. Beide wundern sich über den Schwindel.
Da ist auf der einen Seite die Trägheit des Daseins. Sie sitzt bequem, mit festem Blick nach hinten, und erklärt ruhig, warum jetzt gerade wirklich kein guter Moment für Veränderung ist.
Veränderung ist schließlich nichts für Leute mit Verantwortung und bedeutet schließlich, dass man alles so lässt, wie es ist, aus Respekt vor dem, was war.
Auf der anderen Seite steht die Hektik des Nichts. Sie kann nicht sitzen. Sitzen ist Zeitverlust. Sitzen ist Stillstand. Sitzen ist verdächtig. Also rennt sie. Wohin ? Egal !
Hauptsache schneller als der Gedanke, der sich sonst einschleichen könnte.
Die Trägheit sagt: Das haben wir schon immer so gemacht. Die Hektik antwortet: Wir machen das jetzt ganz anders, aber sofort und ohne nachzudenken.
Beide sind sich einig: Nachdenken ist überschätzt.
So entsteht eine merkwürdige Choreografie !
Die einen blockieren jede Bewegung, die anderen jede Richtung. Die einen bewahren das Gestern, die anderen beschleunigen das Leere.
Irgendwo dazwischen steht die Gegenwart und fragt leise, ob sie vielleicht auch noch mitreden dürfte.
In der Trägheit wird alles zerredet, bis es keine Kraft mehr hat. In der Hektik wird alles erledigt, bevor es überhaupt verstanden wurde. Hier tagt man, dort klickt man.
Hier wird ausgesessen, dort weggewischt !
Schließlich kommt überall dasselbe heraus: nichts, nur mit unterschiedlicher Geschwindigkeit.
Die Trägheit liebt den Sachzwang. Die Hektik liebt den Zeitdruck. Beides sind hervorragende Ausreden, um Verantwortung zu vermeiden.
Der Sachzwang sagt: Man kann nichts machen. Der Zeitdruck sagt: Man konnte nichts überlegen. So ergänzen sie sich perfekt.
Die einen bremsen, damit nichts passiert. Die anderen rasen, damit niemand merkt, dass nichts passiert.
Man ist dann entweder stolz darauf, alles gründlich verhindert - oder erschöpft davon, alles Mögliche erledigt zu haben.
Beides fühlt sich nach Leistung an und Leistung ersetzt Sinn erstaunlich zuverlässig.
Am Ende des Tages sitzen die Trägen da und sagen: Heute hatten wir viel bedacht. Die Hektischen sagen: Heute hatten wir viel geschafft. Beide haben recht. Sie haben nur leider nichts bewegt, beim Arbeit spielen.
Genau hier, an diesem Punkt, meldet sich die Praxis. Der Alltag ! Also meinereiner !
Denn kaum entscheidet man sich, tätig zu werden - wirklich tätig, Jacke an, Schlüssel in der Hand, Optimismus im Restbestand - greift eine unsichtbare Macht ein.
Eine kosmose Macht, die offenbar nur auf mich gewartet hat, sobald meinereiner den Aufzug betritt !
Plötzlich ist er voll. Immer. Zu jeder Uhrzeit !
Selbst spät nachts im Bademantel, wenn ich versäumtes Sprudelwasser aus dem Keller bevorrate, müssten statistisch gesehen alle anderen Menschen schlafen oder längst scheintot sein - aber nein ...
Dieser Lebensaufzug wird lebendig !
Menschen materialisieren sich in allen Stockwerken, selbst wenn Er & Sie diesen den lieben ganzen Tag vorher kaum benutzten.
Müssen jetzt mit mir rauf & runter fahren !
Unbedingt. Langsam. Mit sinnbefreiten Zwischenhalten in Kellern oder Tiefgaragen.
Man steht da, Sekunden werden zu Epochen, und man weiß: Das ist Absicht, von wem auch immer ...
Dasselbe im öffentlichen VAG-Nahverkehr !
Man steigt ein - und sofort entsteht eine Menschenskulptur im Eingangsbereich.
Niemand geht weiter, alle bleiben stehen und schauen aufs Mobiltelephon.
Dann nach einer gefühlten Schweigeminute, hebt jemand den Blick und denkt zum ersten Mal darüber nach, wo er eigentlich hinwill.
Hinter ihm stehen weitere Menschen !
Mit Konzepten. Mit Anschlüssen. Mit Rad oder Kinderwagen. Mit Leben. Aber das ist egal. Orientierung ist - erst jetzt - angesagt.
Dann der Supermarkt. Netto, der Endgegner !
Ein Ort der metaphysischen Verdichtung. Man kommt rein: Drei Leute stehen an der sporadisch besetzten Kasse an, gegenüber eine träge oder übelgelaunte Adierhilfe.
Man denkt: Ach schön, das wird trotz alledem zügig und greift schnell das Nötigste.
Wenn man nach vier Minuten zurückkommt, stehen dort 74 Menschen, mit Gehfrei und Hackenporsches. Alle. Gleichzeitig. Sie kaufen nicht ein. Sie rüsten auf, für Leber und Vaterland.
Keine Kassenschlange im klassischen Sinn, eher ein soziologisches Ereignis, mit Osteuropa-Flüssigkeiten ... und ...
Klientel, die nicht ihren Durst stillen, sondern damit den Alltag vergessen (wollen).
Suffwodka und Spitzkohl. Letzteres als Pseudoartikel. Geht auch mit Melone und Magenbitter, im Gebinde.
Zudem seniles Kleingeld aus drei Jahrzehnten parat haben und einer Grundsatzdebatte mit dem Portemonnaie.
Zeit vergeht und man weiß: Diese Menschen waren - vorher & früher's - garantiert nicht da.
Sie wurden gerufen oder diffundieren aus den Mogel-Regalen, wie im Baumarkt, als - Beschäftigte die auf Schrauben starren -.
Hinter einem stehen Menschen mit Zeitdruck, mit Leben oder verderblicher Ware, aber vorne herrscht Ruhe. Kontemplation. Fast Andacht.
Es ist, als gäbe es eine kosmische Bremse !
Sobald jemand zielgerichtet handelt, wird er eingebremst. Durch Trägheit. Durch Hektik. Durch andere und anderes.
Vielleicht ist dies das eigentliche System: Wer etwas will, muss warten. Wer nichts vorhat, hat Vorfahrt (siehe Schlussbild) !
Vielleicht bräuchte es etwas Drittes. Nicht Stillstand. Nicht Tempo. Sondern Richtung.
Aber Richtung müsste man gemeinsam festlegen. Dafür müsste man anhalten und zuhören. Das ist in dieser Gesellschaft entweder zu anstrengend oder zu langsam ...
Was bereits hinlänglich eine politische Konstante hat, wenn man hier zwischen diesen Textzeilen zu lesen vermag.
Also bleibt alles, wie es ist !
Die einen sitzen fester. Die anderen rennen schneller und das Nichts kommt zuverlässig pünktlich an, im Gegensatz zur Bundesbahn, als Synonym.
Dann ganz am Schluss, stellt sich heraus:
Es fehlt uns nicht an Wissen. Nicht an anwendbarer Technik. Nicht an Möglichkeiten.
Es fehlt uns an Mut zur Konsequenz !
Die Trägen müssten aufstehen. Die Hektischen müssten stehen bleiben. Beide müssten zuhören.
Irgendwer müsste anfangen, seine Verantwortung nicht mehr zu erklären, sondern zu übernehmen.
Denn Zukunft entsteht nicht im Sitzen. Aber auch nicht im Rennen. Sie entsteht im Moment, in dem man innehält, denkt und dann handelt.
Alles andere ist Bewegungstheater !
Applaus optional. Erkenntnis wäre überfällig.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.01.2026.
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