Lothar Weinbrenner wachte auf. Er lag schräg im Bett, mit zurückgeschlagener Decke. Irgendein Alptraum musste ihn gequält haben. So spürte er jetzt penetrant den kalten Luftzug an seinen Beinen. Er stand auf. Das Fenster war geöffnet, und kalte Luft strömte hinein. Lothar wunderte sich. Er hatte das Fenster nicht offen gelassen. Und da sah er es. Ein Stein hatte das Fenster zerschlagen, da war es aufgesprungen. Im Fenster klaffte ein taubeneigroßes Loch. Sicher die Jugendlichen, die gestern Nacht das Viertel unsicher gemacht hatten. Lothar sah hinaus. Draußen war ein etwas nebliger Wintertag, alles war sanft verschneit. Er musste das Fenster irgendwie dichten, sonst würde er trotz Heizung frieren.
„Jahwe?“, fragte er in die leere Luft, „Habe ich hier irgendwo ein Stück Pappe?“. Er wartete einen Moment. Dann begann in Lothars Kopf eine warme Stimme zu räsonieren. „Geh zur Abseite. Dort hast du noch einen leeren Pappkarton.“ Lothar tat, wie ihn die Stimme geheißen hatte. Er hatte keinen Grund, ihr zu misstrauen. Immerhin war es Jahwe, der Schöpfer von Allem, der seit fünf Wochen mit ihm sprach. Genau genommen seitdem sein vierjähriger Sohn vor ein Auto gelaufen und gestorben war. Das war ein harter Schlag gewesen, nachdem Lothar bereits vor zwei Jahren seine Frau durch einen ähnlichen Unfall verloren hatte.
Lothar war Journalist mit jüdischen Wurzeln. Er war allerdings viele Jahre gar nicht gläubig gewesen. Er war Kommunist und schrieb für die linke Zeitschrift „Sofort!“. Erst der Tod seiner Frau hatte ihn wieder zur Thora greifen lassen. Aus seiner Kindheit wusste er, dass es einen Gott gab. Jahwe. Er war immer für sein Volk dagewesen. Selbst in der Schoah hatte er sie an den dunkelsten Punkten begleitet und dafür gesorgt, dass Hitler durch die Sogwirkung der eigenen Schuld im zertrümmerten Berlin zu Fall kam.
Und dieser Gott sprach nun zu ihm. Seit fünf Wochen. Er machte Lothar Mut, leitete ihn an, offenbarte ihm die Geheimnisse des Universums und zeigte ihm, was er tun müsse, damit er ihm noch näher kam. Seine Kollegen bei der „Sofort!“ hatten gelästert: „Jetzt wird Weinbrenner verrückt!“, hatten sie gewitzelt. Daraufhin hatte Lothar nichts mehr von Jahwes Stimme erzählt.
Jetzt ging er zu der Abseite in seiner Wohnung, die durch einen Vorhang vom Flur getrennt war. Und richtig! Dort lag ein alter Pappkarton. Und auch eine Rolle Klebestreifen. Lothar riss ein wenig Pappe vom Karton, beklebte sie mit Klebestreifen und ging zurück zum Fenster. Er klebte das Loch zu.
Dann ging er ins Bad, wusch sich, zog sich an, kochte sich einen Kaffee und setzte sich vor den Computer. Er musste noch einen Artikel über Schulschließungen fertig schreiben. Außerdem arbeitete er an einer Serie von Artikeln über den Kapitalismus und eine Räterepublik als mögliche Alternative dazu, die er in regelmäßiger Folge auf Facebook postete. Der Artikel über Schulschließungen nervte ihn. Das war so langweilig, und überhaupt nicht sein Thema. Da interessierte ihn dieses andere Ding, das er am Wickel hatte, schon mehr. Nämlich die Spiritualität der neuen Rechten. Dazu hatte er in letzter Zeit ebenfalls recherchiert. Offenbar waren die Rechten von ihrem Wotankult etwas abgekommen, und hatten von den Linken und New Agern gelernt, die ja auch immer wieder gebetsmühlenartig betonten, die spirituelle Weisheit müsse so breit wie möglich unters Volk gestreut werden, damit der Quantensprung auf eine neue Bewusstseinsebene gelingen könne. Viele neue Rechte hatten sich offenbar Techniken der New Ager abgeschaut, nutzten diese aber nicht zum Erschaffen einer friedlicheren Welt, sondern für ihren Kampf. Eine etwas beunruhigende Vorstellung, fand Lothar. Aber er glaubte ja an Jahwe, der alles in seiner Hand hielt. Er würde dieses Gesocks nie besonders weit kommen lassen.
Lothar ließ den Artikel über Schulschließungen nach zehn Minuten gelangweilt liegen, und öffnete Facebook. Mit wenigen Handgriffen hatte er eine neue Folge über die mögliche Räterepublik in der Social Media gepostet. Er warf noch einen Blick auf die Kommentare unter der letzten Folge. Sehr schön. Harry Berlechner hatte ihm wieder geschrieben. Ein Alt-68er, dessen weise-süffisanten Kommentare Lothar sehr gerne las. Außerdem noch die Putzkraft aus Lingen, die am liebsten gleich Revolution machen würde. Lothar wollte das Fenster schon schließen, da sah er einen weiteren Kommentar ganz unten. Er war von einem „Loki 666“. Dort stand: „Wir kriegen dich, du jüdische Kommunistensau!“. Lothar lachte. Er kannte solche Kommentare. Schnell meldete er Facebook den Vorfall, dann fuhr er den Computer herunter.
Es war Zeit für seine morgendliche Sitzung mit Jahwe. Lothar zündete eine Kerze auf dem Tisch an und setzte eine Kippa auf, die er sich bei der Synagoge in seiner Stadt besorgt hatte. Er ging innerlich in die Stille. „Jahwe, du höchster Gott“, flüsterten seine Lippen leise, „Was willst du mir heute sagen?“.
Eine Weile blieb es still, dann begann die warme Stimme in Lothars Kopf zu räsonieren.
„Lothar, mein Sohn.“, sagte sie ehrfurchtsgebietend. „Du sollst heute lernen, deine Sinne ganz auf mich auszurichten. Ich werde dir zeigen, wie du ganz eins mit mir werden kannst.“. „Herr!“, rief Lothar aufgeregt, „ist es wirklich schon so weit? Ich habe die anderen Übungen vernachlässigt!“. „Lothar!“, sagte die warme Stimme, „Den Zeitpunkt bestimme allein ich. Wie sollst du mir näher kommen, wenn du nicht den wichtigsten Schritt heute gehst?“. Lothar senkte den Kopf. „Dann befiehl, Herr.“, murmelte er.
Die volltönende Stimme erfüllte jetzt Lothars ganzen Kopf. „Geh nach draußen in den Schnee.“, sagte sie, „Und dann geh in eine Seitenstraße. Dort werde ich dir mehr sagen. Du sollst heute lernen, deine weltlichen Sinne abzutöten.“.
Lothar war aufgeregt. Er löschte die Kerze, ging zum Schrank und holte eine Jacke heraus, in die er schlüpfte. Dann verließ er seine Wohnung und ging in den nebligen Wintermorgen.
Eine Weile streifte er durch die leeren Straßen. Der Schnee unter seinen Füßen knirschte. Dann hörte er wieder Jahwes Stimme. „Hier hinein!“, sagte sie. Lothar stand vor einer einsamen, kleinen Sackgasse. Er befolgte Jahwes Befehl. Die warme Stimme sprach weiter. „Lothar! Jetzt zieh all deine Kleider aus und leg dich in den Schnee. Dann werden deine weltlichen Sinne sterben, und du wirst mich sehen.“ Kurz wunderte Lothar sich und spürte ein Widerstreben, aber er vertraute Jahwe längst gänzlich. Es würde schon niemand kommen, und erfrieren würde er auch nicht. Dafür würde der Höchste schon sorgen. In feierlicher Stimmung warf Lothar seine Jacke ab, schlüpfte aus Pullover und Hose und ließ schließlich auch seine Unterwäsche fallen. Dann legte er sich in den Schnee.
Das nächste, was Lothar hörte, waren knirschende Stiefel. Es waren Springerstiefel. Und der Besitzer dieser Springerstiefel stand plötzlich direkt neben Lothars Kopf. Es war ein breitschultriger, kahlrasierter Fascho mit Bomberglanzjacke. Er sah Lothar mit stechendem Blick in die Augen, in seinem Mund kaute er einen Priem. „Na, du Gottessucher?“, feixte er. „Die Stimme, die du gehört hast, habe ich dir geschickt. Das habe ich aus einem Buch über New Age gelernt. Und jetzt haben wir dich da, wo wir dich haben wollten, du kommunistische Judensau. Wir schicken dich zum Rest deiner Familie.“ Hinter dem Fascho waren noch drei andere Nazis mit Baseballkeulen aufgetaucht. Zum letzten Mal hörte Lothar die warme Stimme in seinem Kopf räsonieren, während ihn der Fascho hämisch angrinste: „Jetzt werden deine weltlichen Sinne sterben!“, sagte die Stimme. Der Fascho trat Lothar Weinbrenner mit voller Wucht auf den Kopf.
©Patrick Rabe
Geschrieben am Mittwoch, den 4. Februar 2026.
Vorheriger TitelNächster TitelDie Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Patrick Rabe).
Der Beitrag wurde von Patrick Rabe auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.02.2026.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
web.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)Patrick Rabe als Lieblingsautor markieren
Vorheriger Titel Nächster Titel
Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:
Diesen Beitrag empfehlen: