Wajid Mangal

Ein Name, an den sich der Mund nie gewöhnt.

Die beine des Jungen ziterten leicht. Er sah einen dunklen Schatten neben sich, blieb stehen, machte zwei Schritte zurück und schrie plötzlich:

„Ein Monster!!!“

Im selben Moment legten sich Hände eines Menschen über seinen Mund.

Die Taschenlampe fiel ihm aus der Hand, seine Augen wurden groß und starr. Er zappelte, schlug um sich – vergeblich. Eine Hand hielt fest auf seinem Mund.

Dann trat der Mann vor, hob die Lampe auf, hielt sie vor sein Gesicht und sagte leise:

„Ich bin’s.“

Der Junge blieb still stehen. Seine weit aufgerissenen Augen wurden wieder kleiner, die weichen Finger nahmen sich von seinen Lippen, und die Farbe, die aus seinem Gesicht gewichen war, kehrte zurück.

Der Hund bellte. Der Junge drehte sich zu ihm um. Der Hund steckte sein schwarzes Maul in einen roten Eimer. Der Junge rannte zu ihm.

Die Kette klirrte, der Hund sprang auf.

Der Junge rief:

„Das ist nicht für dich!“

Nach einer Weile hob er den Eimer auf und ging zur sitzenden Kuh. Er stellte sich neben sie und setzte den Eimer an das pralle, weiße Euter.

Es war dunkel. Man konnte kaum etwas sehen. Nur der blasse, weiße Schimmer des Mondes über den fernen Bergen
                                

                                                                                     ###

Das Mädchen hob eine Ecke der Decke hoch. Der Boden darunter war nass. Sie schaute nach oben: An einer Stelle der Decke hatte sich der Lehm gelöst, Tropfen fielen herunter…

Sie streckte die Hand zum Lichtschalter aus. Das Zimmer wurde dunkel. Sie kam zurück, seufzte tief und schrieb auf ihrem Handy:

„Dein Bruder ist reingekommen. Ich kann nicht sprechen.“

Sie lauschte. Außer dem Tropfen der Decke und dem Schnarchen ihrer Schwägerin hörte sie nichts.

Eine Nachricht kam:

„Allein dein Atmen hat mir Ruhe gegeben. So viel Ruhe…“

Das Mädchen schrieb lange Zeilen, hielt inne, löschte sie wieder… atmete schwer. Dann schrieb sie:

„Wann kommst du? Dein Weggehen ist nun über drei Monate her.“

Antwort:

„Sehr bald! Nächste Woche bin ich zu Hause. Ich habe ein paar Afghani verdient – nicht viel, aber genug, um eine kleine Lehmhütte zu bauen.“

Beide schwiegen, dann schrieb der Junge:

„Ich habe dir schöne Kleider gekauft. Afghanische Kleider. Voller Stickereien… der Kragen voller Perlen, an den Säumen hängen kleine Verzierungen. Du wirst wunderschön darin aussehen.“

Das Mädchen sah zu ihrer Schwägerin hinüber. Das rote Licht am Nasenring glühte, ihr Atem ging schwer, das Schnarchen laut.

Das Mädchen schrieb mühsam:

„Ich brauche keine Kleider. Drei Tage nach unserer Hochzeit bist du gegangen… Jeden Nachmittag warte ich auf deinem Weg, schaue zur Tür. Jedes Mal, wenn sie aufgeht, denke ich ‚Vielleicht bist du es‘ – aber du bist es nicht. Dann wende ich meinen Blick schnell ab. Ich hatte mich noch nicht einmal an deinen Namen gewöhnt, da bist du schon gegangen… Tage wurden zu Wochen, Wochen zu Monaten. Ich kann sogar deinen Eltern nicht sagen, wann du zurückkommst. Heute ist deine Schwester da. Ich habe von ihr das Handy mit Mühe abgenommen.“

Sie hob den Blick. Das Zimmer war dunkel. Wieder sah sie auf das Display. Der Junge hatte die Nachricht nicht gelesen.

Die Minuten vergingen. Eins – zwei – drei… Keine Antwort.

Vom zerbrochenen Fenster drang das Bellen des Hundes herein. Das Bellen wurde lauter, die Kette klirrte. Die Kuh brüllte.

Beim zweiten Brüllen ließ das Mädchen das Handy fallen. Ihre Augen weiteten sich noch mehr, ihr Blut stockte. Sie sprang auf, machte zwei Schritte – ein Ruck, ein lauter Schlag. Sie wurde zur Seite geschleudert und stürzte.

Sie schrie:

„Erdbeben!“

Von den Fensterkanten rieselte Erde. Ein ganzer Holzbalken brach heraus.

Sie kroch auf Händen und Knien zur Tür. Als sie sich hochtat, fiel ein Teil der rechten Wand auf ihre Beine. Sie stöhnte, ihr Kopf sank zurück. Sie blickte zu ihrer Schwägerin – man sah kaum etwas –, aber ein Teil der Decke war über ihr zusammengestürzt. Durch die Lücke waren ein paar Sterne zu sehen.

Das Beben wurde länger. Das Mädchen drückte sich hoch, aber es ging nicht. Die Hälfte ihres Körpers war unter Erde eingeklemmt. Sie rang schwer nach Luft.

Sie streckte die Hand zum Handy aus, wollte ihre letzten Worte schreiben. Doch das Handy war weit weg.

Das Beben wurde stärker. Der Rest der Decke brach auf sie herab…

Der Hund bellte weiter. Die Kuh brüllte.

Zwischen zwei großen herabgestürzten Steinen lag der helle Lichtschein des Handydisplays.

Die letzte Nachricht des Mädchens war vom Jungen nicht gelesen worden.

Die Minuten vergingen weiter. Eins – zwei – drei… Keine Antwort...

Ende

 

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