Die beine des Jungen ziterten leicht. Er sah einen dunklen Schatten
neben sich, blieb stehen, machte zwei Schritte zurück und schrie
plötzlich:
„Ein Monster!!!“
Im
selben Moment legten sich Hände eines Menschen über seinen Mund.
Die Taschenlampe fiel ihm aus der Hand, seine Augen wurden
groß und starr. Er zappelte, schlug um sich – vergeblich. Eine Hand
hielt fest auf seinem Mund.
Dann trat der Mann vor, hob die Lampe
auf, hielt sie vor sein Gesicht und sagte leise:
„Ich
bin’s.“
Der Junge blieb still stehen. Seine weit
aufgerissenen Augen wurden wieder kleiner, die weichen Finger nahmen sich von
seinen Lippen, und die Farbe, die aus seinem Gesicht gewichen war, kehrte
zurück.
Der Hund bellte. Der Junge drehte sich zu ihm um. Der
Hund steckte sein schwarzes Maul in einen roten Eimer. Der Junge rannte zu ihm.
Die Kette klirrte, der Hund sprang auf.
Der Junge
rief:
„Das ist nicht für dich!“
Nach
einer Weile hob er den Eimer auf und ging zur sitzenden Kuh. Er stellte sich
neben sie und setzte den Eimer an das pralle, weiße Euter.
Es
war dunkel. Man konnte kaum etwas sehen. Nur der blasse, weiße Schimmer
des Mondes über den fernen Bergen
###
Das Mädchen hob eine Ecke der Decke
hoch. Der Boden darunter war nass. Sie schaute nach oben: An einer Stelle der
Decke hatte sich der Lehm gelöst, Tropfen fielen herunter…
Sie streckte die Hand zum Lichtschalter aus. Das Zimmer wurde dunkel. Sie kam
zurück, seufzte tief und schrieb auf ihrem Handy:
„Dein
Bruder ist reingekommen. Ich kann nicht sprechen.“
Sie
lauschte. Außer dem Tropfen der Decke und dem Schnarchen ihrer
Schwägerin hörte sie nichts.
Eine Nachricht kam:
„Allein dein Atmen hat mir Ruhe gegeben. So viel
Ruhe…“
Das Mädchen schrieb lange Zeilen, hielt
inne, löschte sie wieder… atmete schwer. Dann schrieb sie:
„Wann kommst du? Dein Weggehen ist nun über drei Monate
her.“
Antwort:
„Sehr bald! Nächste
Woche bin ich zu Hause. Ich habe ein paar Afghani verdient – nicht viel,
aber genug, um eine kleine Lehmhütte zu bauen.“
Beide
schwiegen, dann schrieb der Junge:
„Ich habe dir schöne
Kleider gekauft. Afghanische Kleider. Voller Stickereien… der Kragen
voller Perlen, an den Säumen hängen kleine Verzierungen. Du wirst
wunderschön darin aussehen.“
Das Mädchen sah zu
ihrer Schwägerin hinüber. Das rote Licht am Nasenring glühte, ihr
Atem ging schwer, das Schnarchen laut.
Das Mädchen schrieb
mühsam:
„Ich brauche keine Kleider. Drei Tage nach
unserer Hochzeit bist du gegangen… Jeden Nachmittag warte ich auf deinem
Weg, schaue zur Tür. Jedes Mal, wenn sie aufgeht, denke ich
‚Vielleicht bist du es‘ – aber du bist es nicht. Dann wende
ich meinen Blick schnell ab. Ich hatte mich noch nicht einmal an deinen Namen
gewöhnt, da bist du schon gegangen… Tage wurden zu Wochen, Wochen zu
Monaten. Ich kann sogar deinen Eltern nicht sagen, wann du zurückkommst.
Heute ist deine Schwester da. Ich habe von ihr das Handy mit Mühe
abgenommen.“
Sie hob den Blick. Das Zimmer war dunkel. Wieder
sah sie auf das Display. Der Junge hatte die Nachricht nicht gelesen.
Die Minuten vergingen. Eins – zwei – drei… Keine Antwort.
Vom zerbrochenen Fenster drang das Bellen des Hundes herein. Das
Bellen wurde lauter, die Kette klirrte. Die Kuh brüllte.
Beim
zweiten Brüllen ließ das Mädchen das Handy fallen. Ihre Augen
weiteten sich noch mehr, ihr Blut stockte. Sie sprang auf, machte zwei Schritte
– ein Ruck, ein lauter Schlag. Sie wurde zur Seite geschleudert und
stürzte.
Sie schrie:
„Erdbeben!“
Von den Fensterkanten rieselte Erde. Ein ganzer Holzbalken brach
heraus.
Sie kroch auf Händen und Knien zur Tür. Als sie
sich hochtat, fiel ein Teil der rechten Wand auf ihre Beine. Sie stöhnte,
ihr Kopf sank zurück. Sie blickte zu ihrer Schwägerin – man sah
kaum etwas –, aber ein Teil der Decke war über ihr
zusammengestürzt. Durch die Lücke waren ein paar Sterne zu sehen.
Das Beben wurde länger. Das Mädchen drückte sich hoch,
aber es ging nicht. Die Hälfte ihres Körpers war unter Erde
eingeklemmt. Sie rang schwer nach Luft.
Sie streckte die Hand zum
Handy aus, wollte ihre letzten Worte schreiben. Doch das Handy war weit weg.
Das Beben wurde stärker. Der Rest der Decke brach auf sie
herab…
Der Hund bellte weiter. Die Kuh brüllte.
Zwischen zwei großen herabgestürzten Steinen lag der helle
Lichtschein des Handydisplays.
Die letzte Nachricht des
Mädchens war vom Jungen nicht gelesen worden.
Die Minuten
vergingen weiter. Eins – zwei – drei… Keine Antwort...
Ende
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.02.2026.
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