Jeju sieht von oben aus wie eine ruhende Kreatur. Ein dunkler Körper im Wasser, porös, scheinbar harmlos. Aber wer auf ihr lebt, weiß, dass Ruhe hier nur die Oberfläche ist. Unter der schwarzen Haut des Basalts liegt erstarrtes Feuer, und unter dem Feuer liegt etwas, das nicht ganz vergangen ist.
An diesem Morgen weht der Wind vom Meer her über die niedrigen Mauern aus Lavagestein, die Felder und Wege voneinander trennen. Er trägt den Geruch von Salz und Mandarinenblüten, mischt Gegenwart mit etwas Metallischem, das niemand mehr bewusst erkennt.
Sora läuft.
Sie läuft nicht, weil sie sportlich ist, sondern weil Bewegung das Einzige ist, das ihre Gedanken in eine Linie zwingt. Wenn sie stehen bleibt, verzweigen sie sich, wuchern zurück in das Haus ihrer Großmutter, in die schmalen Räume mit den Papierfenstern, in die Schublade, in der noch immer der gefaltete Zeitungsartikel liegt, den niemand je erklärt hat. Sie hat ihn gestern Nacht wieder gelesen, obwohl sie ihn fast auswendig kennt. Ein Bericht über „Unruhen“, über „Säuberungen“, über Zahlen, die sich so nüchtern anhören, dass man sie für Statistik halten könnte, nicht für Menschen.
Der Küstenweg unter ihren Schuhen ist uneben. Schwarzer Stein, porös wie ein Schwamm. Sie mag dieses Material, weil es ehrlich ist. Es versteckt nicht, dass es einmal geschmolzen war.
Ein alter Mann sitzt auf der niedrigen Mauer, die das Land vom Meer trennt, als wäre er selbst Teil davon. Sein Rücken ist leicht gekrümmt, seine Hände liegen ruhig auf seinen Knien. Sora registriert ihn nur als Form im Augenwinkel, als dunklere Verdichtung im Licht. Sie hat gelernt, Blickkontakte zu vermeiden, wenn sie läuft. Blickkontakte verpflichten.
Der alte Mann hört sie, bevor er sie wahrnimmt. Junge Schritte haben eine andere Schwere. Sie setzen anders auf, entschlossener, als gehörte ihnen der Boden. Er hebt den Kopf nicht. Er weiß, dass man Bewegungen nicht festhalten kann, indem man sie ansieht. Man hält sie nur fest, indem man sie erinnert.
Er denkt nicht bewusst an das Frühjahr 1948. Er denkt überhaupt selten bewusst. Erinnerungen sind bei ihm wie unterirdische Wasserläufe; sie steigen auf, wenn sie wollen. Heute ist ein Tag, an dem sie näher an der Oberfläche fließen.
Sora ist längst weitergelaufen, als er sich fragt, ob sie von hier stammt. Man erkennt Inselkinder an ihrer Art, den Wind zu ignorieren.
Zur selben Zeit, nur einige Kilometer südlich, steht Min-ji am Hafen von Seogwipo und hält ein digitales Thermometer ins Wasser. Sie wartet, bis der Wert stabil bleibt. 16,8 Grad. Sie notiert die Zahl in ein wasserfestes Heft, präzise, ohne Kommentar. Sie arbeitet an einem Projekt über veränderte Strömungen, über die langsame Erwärmung des Küstenwassers. Veränderungen, die messbar sind, geben ihr das Gefühl von Kontrolle.
Ihr Vater hat am Vorabend angerufen und sie gefragt, ob sie heute zur Gedenkveranstaltung komme. Seine Stimme war neutral, fast beiläufig. Er hat nie viel erzählt, nur einmal, als sie zehn war und in der Schule etwas über den „Aufstand“ gelernt hatte, hatte er gesagt: „Dein Großvater ist damals verschwunden.“ Verschwunden war ein Wort, das in der Luft hing wie Nebel. Sie hatte es nicht weiter hinterfragt. Kinder akzeptieren Lücken, wenn die Erwachsenen sie mit Schweigen füllen.
Ein Mann mit Kamera bleibt ein paar Schritte entfernt stehen. Er richtet sein Objektiv auf das Wasser, nicht auf sie, und doch tritt sie instinktiv zur Seite, um nicht ins Bild zu geraten. Er bemerkt ihre Bewegung und tritt ebenfalls einen halben Schritt zurück. Für einen Moment stehen sie sich gegenüber, zwei Menschen, die versuchen, einander Raum zu geben.
„Entschuldigung“, sagen beide gleichzeitig, in unterschiedlichen Sprachen.
Sie lächeln kurz. Dann wenden sie sich wieder ihren jeweiligen Aufgaben zu. Der Mann – Haruto – hebt die Kamera, fängt die Spiegelung des Himmels auf der Wasseroberfläche ein. In der Reflexion taucht für einen Sekundenbruchteil auch Min-jis Silhouette auf, verzerrt vom Wellengang. Er bemerkt es nicht.
Haruto ist nicht nur wegen der Landschaft hier. Seine Großmutter war auf Jeju geboren worden und hatte die Insel nach dem Krieg verlassen. In Japan hatte sie kaum darüber gesprochen, aber wenn sie es tat, veränderte sich ihre Stimme, wurde weicher, brüchiger. Er ist Fotograf geworden, weil Bilder weniger direkt fragen als Worte. Er sucht Übergänge, Ränder, Orte, an denen sich etwas überlagert.
Er weiß nicht, dass wenige Kilometer entfernt ein alter Mann am Meer sitzt, der im selben Frühjahr einen Bruder verlor, während seine eigene Großmutter die Insel verließ. Er weiß nicht, dass die Frau mit dem Thermometer denselben Verlust in ihrer Familie trägt. Geschichte verteilt sich nicht gerecht, aber sie verteilt sich weit.
Gegen Mittag fährt ein Bus mit Schülern zur Gedenkstätte im Osten der Insel. Yuna sitzt am Fenster und betrachtet die vorbeiziehenden Mandarinenhaine. Sie hat Kopfhörer im Ohr, obwohl keine Musik läuft. Es ist eine Geste der Abgrenzung. Gedenktage sind ihr unangenehm. Sie wirken auf sie wie inszenierte Trauer, wie etwas, das man ordentlich und pünktlich erledigt.
Als sie aussteigt, trifft sie die Schwere des Ortes unerwartet. Die Namen sind in Stein gemeißelt, dicht an dicht. Es sind mehr, als sie sich vorgestellt hatte. Ihr Lehrer spricht von Verantwortung und Erinnerung, von einer Zeit, in der Nachbarn einander misstrauten, in der Worte zu Waffen wurden.
Yuna hört nur halb zu. Sie tritt näher an die Steinwand heran und lässt ihren Blick über die eingravierten Zeichen gleiten. Irgendein Name bleibt an ihr hängen. Kang Il-soo. Sie weiß nicht warum. Vielleicht wegen der Form der Silben. Vielleicht, weil sie einfach irgendwo anfangen musste.
Zur gleichen Stunde sitzt Kang Dae-hyun wieder am Meer und denkt an seinen Bruder Il-soo, dessen Gesicht in seiner Erinnerung unscharf geworden ist. Er kann sich nicht mehr an die genaue Form seiner Augen erinnern, nur an das Lachen, das immer ein wenig zu laut war. Manchmal hat er Angst, dass er mehr vergisst, als ihm bleibt.
Yuna spricht den Namen nicht laut aus. Sie liest ihn nur. Doch selbst das Lesen hinterlässt eine Spur.
Am Nachmittag verschiebt sich die Insel in ein milderes Licht. Sora sitzt in einem Café in Jeju City, die Haare noch feucht vom Duschen, der Puls endlich ruhig. Auf dem Tisch liegt ein Flyer zur Gedenkveranstaltung. Sie hatte ihn im Haus ihrer Großmutter gefunden und in ihre Tasche gesteckt, ohne genau zu wissen, warum.
Ein Windstoß weht durch die offene Tür, der Flyer rutscht zu Boden. Ein Mann hebt ihn auf. Haruto. Er legt ihn auf den Tisch, nickt kurz, ohne sich zu vergewissern, ob er die richtige Person ansieht. Ihre Finger kommen einander nahe, berühren sich aber nicht.
Später wird auch Jan in diesem Café sitzen, ein deutscher Schriftsteller mit einem Stipendium, das ihm erlaubt, über Inseln als Gedächtnisräume zu schreiben. Er glaubt, Distanz schütze vor Vereinnahmung. Er beobachtet viel und spricht wenig. Als er am Strand von Hyeopjae steht, um den Sonnenuntergang zu betrachten, wird er mehrere Gestalten bemerken, die scheinbar zufällig denselben Horizont anvisieren.
Sora steht dort, mit dem Rücken zum Meer, als wolle sie nicht hineinblicken. Min-ji betrachtet die Wellenlinien, zählt unbewusst Intervalle. Yuna tippt eine Nachricht, löscht sie wieder. Haruto richtet sein Stativ aus. Lukas sucht in seinem Notizbuch nach einem Satz, der diesem Ort gerecht wird. Und etwas abseits, fast im Schatten, steht Kang Dae-hyun, der langsamer geworden ist, aber nicht aufgehört hat zu kommen.
Sie sind sich nah genug, um denselben Wind zu spüren. Nah genug, um im selben Licht zu stehen. Zu fern, um einander zu erkennen.
Haruto drückt auf den Auslöser. Im Sucher überlagern sich ihre Körper zu einer einzigen Komposition. Sechs Figuren, voneinander getrennt, ausgerichtet auf dieselbe Linie. Er wird das Bild später betrachten und nicht verstehen, warum es ihn berührt.
Als die Sonne im Meer versinkt, werden ihre Silhouetten für einen Moment gleich groß, gleich dunkel. Geschichte nivelliert Unterschiede im Gegenlicht.
Niemand spricht den anderen an. Niemand fragt nach Namen. Und doch tragen sie einander weiter, unbewusst, wie Sporen im Wind.
In der Nacht wird Kang Dae-hyun von seinem Bruder träumen. Yuna wird den Namen noch einmal googeln und feststellen, dass er in einer Liste der Vermissten steht. Min-ji wird am nächsten Morgen wieder die Temperatur messen und einen minimalen Anstieg notieren. Sora wird langsamer laufen. Haruto wird sein Foto entwickeln und zögern, bevor er es betitelt. Jan wird schreiben, dass Erinnerung kein Archiv sei, sondern ein Organ.
Unter ihnen bleibt der Basalt still. Aber Stille ist auf Jeju nie Abwesenheit. Sie ist Verdichtung.
Die Insel erinnert sich nicht für die Menschen.
Sie erinnert sich durch sie.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.02.2026.
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halbwertzeit der liebe
von Ditar Kalaja
In meinen Gedichten, schreibe ich mir meine eigene Realität, meine Träume auch wenn sie oft surreal, meistens abstakt wirken. Schreiben bedingt auch meine Sprache, meine Denkmechanismen mein Gefühl für das Jetzt der Zeit.
Ich vernehme mich selbst, ich höre tief in mich rein, bin bei mir, hier und jetzt. Die Sprache ist dabei meine Helfershelferin und Komplizin, wenn es darum geht, mir die Wirklichkeit vom Leib zu halten. Wenn ich mein erzähltes Ich beschreibe, beeinflusse, beschneide, möchte ich begreifen, wissen, welche Ursachen Einflüsse bestimmte Dinge und Menschen auf mein Inneres auf meine Handlung nehmen, wie sie sich integrieren bzw. verworfen werden um mich dennoch im Gleichgewicht halten können.
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