Horst Radmacher

Und wenn der letzte Schnee verbrennt

Er ist keiner von denen, bei dessen Erscheinen alle sofort verstummen. Hierfür ist Helge Loose in seiner Körperlichkeit nicht präsent genug, er wirkt äußerlich eher durchschnittlich. Aber seine Stimme! Kein durchdringend dröhnender Bass oder sonorer Bariton. Seine Stimmlage ist eher ein dunkler, kraftvoller Tenor. Und mit dieser Stimme steht er sofort im Mittelpunkt, sobald er zu sprechen oder zu singen beginnt.

In den Fokus der Öffentlichkeit geriet Helge in einer Zeit, als die deutsche Popkultur von pseudo-ambitionierten Liedern dominiert wurde. Er wurde auf einem Karaoke-Wettbewerb entdeckt. Zum Einstieg in die bunte Welt der populären Musik schulte er seine Stimme. Gestik und Mimik richtete er auf zu erwartende Auftritte aus. Und das, was er dem Publikum als erste Veröffentlichung darbot, übertraf alle Erwartungen. Mit dem Titel, UND WENN DER LETZTE SCHNEE VERBRENNT, landete Helge Loose bereits kurz nach der Erstveröffentlichung auf den vorderen Plätzen der Chart-Listen. Es passte einfach alles: die herausragende Stimme, ein ansprechender Text, der genau in die aktuelle Stimmungslage passte. Das machte den Newcomer zu einem Shootingstar. Zu seinem Bedauern blieb es allerdings sein einzig messbarer Erfolg. Die Zeit für vor Betroffenheit triefenden Songs war kurze Zeit später vorbei. Diese Erfahrung machte auch Helge. Im Sog dieser Entwicklung wurde seine Bedeutung als prominenter Künstler nach unten durchgereicht. Statt für große TV-Shows wurde er nur noch gelegentlich für eher überschaubare Auftritte gebucht. Je eine Betriebsfeier in Gütersloh und Eisenach, sowie die Einweihung eines Fliesenfachmarktes in Coburg, und dann war Schluss.

Glücklicherweise hatte Helge sich noch nicht im Leben eines Showstars fest eingerichtet. So konnte er ohne Leidensdruck wieder in das Alltagsleben eines Normalbürgers zurückkehren. Dort hatte er als Möbeltischler und Modellbauer schon vorher zufrieden gelebt, und das tat ihm auch jetzt gut. Und wieder einmal meinte das Schicksal es gut mit Helge. Als gefragter Holzbauspezialist hatte er keine Schwierigkeit, eine Anstellung zu finden. Auf einer Handwerker-Fachtagung begegnete er seinem alten Freund und früheren Kollegen, Juri Blei. Es wurde für beide der Beginn eines gemeinsamen neuen Weges. Juri war inzwischen als freiberuflicher Event-Gestalter für Großveranstaltungen aller Art im internationalen Messebau tätig. Sein Freund Helge passte gut in dessen Team.

Als nächstes großes Projekt sollte Juri ein Event in Indien abwickeln, im pittoresken Simla Valley, im nordindischen Bundesstaat Himachal Pradesh. Dort plante der indische Großunternehmer Rama Mandhir, der mit Filmen im Stile 'Bollywood' ein Vermögen gemacht hatte, eine vorher nie gesehene Bühnenshow aufzuziehen. Dieser milliardenschwere Finanz-Mogul engagierte sich außerdem in diversen Bereichen neuer Technologien. In seinen innovativen Unternehmen befasste er sich unter anderem mit der Weiterentwicklung einer speziellen Künstlichen Intelligenz, die für ihn weltweit einen überall funktionierenden Kunstgenuss etablieren sollte. Damit wollte Rama Mandhir sich einen Traum erfüllen. Und er glaubte fest an diesen. Denn er hatte schon mit der globalen Etablierung des schrillen Filmgenres 'Bollywood', eine seiner früheren Visionen erfolgreich umgesetzt - gegen alle Prognosen der internationalen Fachwelt.

Nun das musikalische Großspektakel im Vorhimalaya, bei dem Juri als General Consultant tätig wurde. Die Arbeiten gingen gut voran. Nach Feierabend trafen sich Helge und Juri hin und wieder mit einigen Einheimischen zu einer After-Work-Party. Simla ist in Indien als eine der Regionen bekannt, die in relevanten Kreisen in einem guten Ruf als Anbaugebiet für hochpotentes Haschisch, Ganja, stehen. Durch dieses betörende Kraut stimuliert, fanden die Zusammenkünfte der Konzert-Performer in einer äußerst angeregten, kreativen Stimmung statt. An einem Abende voller psychedelischer Inspirationen befand sich der ehemalige Popsänger Helge Loose in Höchstform. Unter großem Beifall ließ er sich dazu überreden, seinen früheren Erfolgstitel vorzutragen. Die bekifften Zuhörer riss es vor Jubel von den Sitzen. Als Zugabe brachte der frühere Barde ein populäres indisches Lied zum Besten, das er mit Unterstützung der indischen Freunde phonetisch auswendig gelernt hatte. Er trug es nahezu perfekt vor. Seine ausdrucksstarke Stimme, sowie die perfekte Vokalisierung machten diese Darbietung zu einem Erlebnis der besonderen Art.

Anlässlich einer solchen Gelegenheit drang einer dieser Gesangvorträge an Rama Mandhirs Ohr. Er war hell begeistert. “Wer ist das? Den muss ich unbedingt haben!” Im Prinzip startete Helge Looses internationale Gesangskarriere mit diesem Ausspruch. Der indische Unternehmer setzte zügig seinen Plan um. Das führte zu nicht weniger als der Entstehung eines globalen Hits, der der Weltgeltung von Beethovens Neunter Sinfonie gleichkam.

Der Plan des Inders war es gewesen, eine einzigartige Komposition weltweit für ALLE zu schaffen, kreiert von einer spezifischen KI. Diese Hymne an die Menschheit sollte in den Sprachen mit der weitesten Verbreitung auf allen Kontinenten verfügbar sein, so Mandhir. Passend zur jeweiligen Mentalität, für alle eingehend getextet, komponiert und arrangiert. Vorgesehen waren Sprachen, die von mindestens jeweils einhundert Millionen Menschen weltweit gesprochen werden. Deutsch rutschte da so eben noch rein. Es kam, nicht ganz überraschend, hierfür nur ein Interpret in Frage: Helge Loose. Unter dem Pseudonym HELLOO erreichte er in seiner unnachahmlichen Art zu singen hunderte Millionen Menschen auf allen Erdteilen. Diese 'Hymne an die Welt', mit dem Titel 'HEAR IT ALL' in der am meisten verbreiteten englischen Version, wurde ein gigantischer Erfolg. Das war überwiegend das Verdienst von Helge Loose, denn er hatte das phonetische Auswendiglernen in allen relevanten Sprachen perfekt in individuelle Gesangskunst umgesetzt. Die Welt der Musik stand Kopf. Einzig in Deutschland floppte dieser Mega-Hit. Die KI hatte aufgrund des schwer zu durchschauenden Sprachgewirrs die komplexen Algorithmen mit einem wenig ansprechenden Titel für die deutsche Version versehen: ALLE MAL HERHÖREN!

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Horst Radmacher).
Der Beitrag wurde von Horst Radmacher auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.02.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

Bild von Horst Radmacher

  Horst Radmacher als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Das Museum der Wahrheit, Band I -Die Gedichte- von Doris Ambrosius



Außergewöhnliche Gedichte über Liebe, Leidenschaft, Religiöses, Spirituelles und Wissen. Eine ungewöhnliche spirituelle Erfahrung war Anregung für die Autorin diesen Gedichteband und ein Buch zu schreiben.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Skurriles" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Horst Radmacher

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der letzte Flug des 'Silberkondor' von Horst Radmacher (Abenteuer)
Der Erste Kuß von Rita Bremm-Heffels (Skurriles)
Ein Date, ein Tag im Dezember 2001 und ein DejaVu... von Kerstin Schmidt (Wahre Geschichten)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen