Istvan Hidy

Maske an, Scham weg

Eine Karnevalsatire

 

Man erkennt Mitteleuropa in diesen Tagen nicht an seinen Grenzen, sondern an seinen Masken. Für wenige Wochen gerät die Ordnung der Dinge in ein leises Flirren: Gesichter verschwinden, Stimmen werden fremd, und selbst Menschen mit sonst tadelloser Selbstkontrolle tragen plötzlich Pailletten, als hätten sie ihr Leben lang darauf gewartet.

In Venedig begann diese große Einübung in die Verwandlung mit vollendeter Form. Die Masken waren Kunstwerke, geschaffen nicht nur zur Verhüllung, sondern zur Veredelung des Geheimnisses. Hinter Porzellan und Gold durfte man alles sein — nur nicht eindeutig. Schulden verloren ihren Makel, Affären ihren Skandal, und selbst die Lüge gewann eine gewisse gesellschaftliche Brauchbarkeit. Wer beleidigen wollte, tat es mit einer Verbeugung. Stil war wichtiger als Wahrheit.

Weiter nördlich, am Rhein, wurde die Maskerade demokratisiert. In Mainz und Köln verwandelte sich der Karneval in ein akustisches Großereignis, in dem Satire erst dann als gelungen gilt, wenn sie gegen Wagenräder prallt und in Konfetti niedergeht. Hier wird nicht geflüstert, sondern gesungen und geschunkelt; nicht gespottet, sondern politisch gereimt. Wer keine Stimme hat, bekommt eine Trillerpfeife. Die Obrigkeit lernt für einige Tage jene seltene Kunst, über sich selbst zu lachen und im Takt mitzuwippen. Der Karneval wurde volkstümlich: eine soziale Umkehr ohne Revolution, ein Aufstand aus Papiermaché!

 

Sogar in der Schweiz.

Dass ausgerechnet ein Land der braven Spießbürger, das Diskretion zur Staatsräson erhoben hat, dem Exzess ein Zeitfenster einräumt, gehört zu den feineren Ironien der europäischen Kulturgeschichte. In Luzern nennt man das Ereignis vorsichtig „begrenzten Exzess“ — eine Formulierung, die klingt, als sei selbst der Kontrollverlust hier Gegenstand präziser Verwaltung. Man möchte meinen, er erscheine pünktlich, ziehe eine Nummer und werde anschließend statistisch erfasst.

 

Der Urknall

Am frühen Morgen liegt der Vierwaldstättersee noch da wie eine unberührte Fläche. Dann zerreißt ein Knall die winterliche Stille, und mit einem Mal scheint die Stadt ihre zweite Existenz anzunehmen. Trommeln setzen ein, Blech blitzt auf, Konfetti beginnt seine lautlose Karriere als meteorologisches Phänomen.

Dreihunderttausend Menschen strömen durch die Gassen — verkleidet, verwandelt, entgrenzt. Kinder werden zu Fabelwesen, Angestellte zu Freibeutern, Pensionäre zu Gestalten mit erstaunlicher Tanzbereitschaft. Die Fasnacht ist jener seltene gesellschaftliche Moment, in dem nicht Authentizität gefordert wird, sondern ihr Gegenteil: das lustvolle Spiel mit der Möglichkeit, auch anders sein zu können.

Vielleicht liegt gerade darin ihre historische Beharrlichkeit. Schon die römischen Saturnalien kannten den Rollentausch als soziale Versuchsanordnung: Herren bedienten, Dienende befahlen, und für kurze Zeit erschien Gleichheit nicht als politisches Projekt, sondern als festliche Laune.

Die Kirche reagierte erwartbar nervös. Zu viel Gelächter bedroht jede Ordnung. Doch was sich verbieten lässt, verschwindet nicht zwangsläufig — manchmal kehrt es lediglich mit besseren Kostümen zurück. Die Fasnacht überdauerte Predigten, Mandate und Moralappelle mit jener stoischen Heiterkeit, die nur sehr alte Bräuche besitzen. Verbote wirken hier ungefähr so nachhaltig wie ein asketischer Vorsatz vor einem reich gedeckten Tisch.

 

Vom Bedürfnis, jemand anderes zu sein

Anthropologen sprechen gern vom Rollentausch als Konstante menschlicher Kulturen. Man könnte auch einfacher sagen: Wer das Jahr über funktionieren muss, entwickelt eine leise Sehnsucht danach, einmal folgenlos unvernünftig zu sein.

Die katholische Kirche entschied sich schließlich für Pragmatismus und erlaubte das Fest unter der stillschweigenden Voraussetzung späterer Reue. Die reformatorische Strenge hingegen erkannte im ausgelassenen Treiben vor allem eine Gefahr für die Seele — und vermutlich auch für die Lautstärkeordnung der Städte.

Doch selbst dort, wo man die Narretei untersagte, verschwand sie nie ganz. Das Lachen ist erfinderisch.

 

Die inoffizielle Wahrheit

Der Literaturtheoretiker Michail Bachtin sah im Karneval einen utopischen Raum, in dem die „inoffizielle Wahrheit des Volkes“ sichtbar werde. Tatsächlich hebt die Maske für einen kurzen Zeitraum jene Unterschiede auf, die sonst mit erstaunlicher Hartnäckigkeit verteidigt werden. Der Vorgesetzte steht neben der Praktikantin, beide mit Reißzähnen aus Plastik, und niemand weiß mehr genau, wer hier eigentlich Autorität beanspruchen dürfte. Freiheit erscheint dann nicht als politischer Begriff, sondern als Zustand gelöster Heiterkeit.

Natürlich bleibt auch die Gegenwart nicht außen vor. Zwischen historischen Figuren bewegen sich Gestalten aus globalen Lieferketten; Polyester glänzt selbstbewusst neben Brokat. Tradition zeigt sich erstaunlich aufnahmefähig — vielleicht, weil sie begriffen hat, dass Überleben mehr mit Anpassung als mit Reinheit zu tun hat.

 

Der organisierte Ausnahmezustand

Mit wachsender Begeisterung wächst auch das Bedürfnis nach Kontrolle. Kameras zählen Besucher, Einsatzkräfte patrouillieren, Vorschriften strukturieren die Spontaneität. Nichts wirkt sorgfältiger geplant als dieser temporäre Kontrollverlust.

Hier offenbart sich das eigentliche Paradox der Fasnacht: Sie funktioniert nur, weil sie begrenzt ist. Das Ventil darf sich öffnen, doch das Gefäß soll halten. Maßlosigkeit — aber bitte im vorgesehenen Zeitraum. Vielleicht ist gerade diese Befristung ihr zivilisatorischer Kern.

 

Maske an, Scham weg

Warum kehrt dieses Fest mit solcher Zuverlässigkeit zurück? Weil die Maske eine doppelte Bewegung erlaubt: Sie verbirgt — und enthüllt zugleich. Geschützt durch die Anonymität zeigt sich etwas, das im Alltag sorgfältig moderiert wird.

Für wenige Tage darf man lachen, lauter als gewöhnlich, auch über sich selbst. Danach kehrt die Welt in ihre vertraute Ernsthaftigkeit zurück, fast erleichtert über ihre eigene Ordnung.

Am Aschermittwoch fallen die Masken. Man räuspert sich, wird wieder vernünftig und begegnet einander mit jener diskreten Förmlichkeit, als sei nichts gewesen.

Bis zum 11. 11., wenn die große Einführung in die fünfte Jahreszeit erneut beginnt.

Denn möglicherweise ist Scham weniger ein moralischer Kompass als eine saisonale Erscheinung.

Oder, anders gesagt:

Nicht die Maske ist das eigentliche Kostüm — sondern die Ernsthaftigkeit des Alltags.

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