Klaus Mattes

Mattes Lächeln 4 Das Wurstfrühstück

 

2006, Frühjahr

Ein knappes halbes Jahr muss KM wöchentlich einen langen Vormittag ins Bildungszentrum von Hall und Treffer zum begleiteten Bewerben gehen. Dass so was um Punkt acht losgeht, gehört zu den heiligen Kühen des Arbeitsamts, das gerne glaubt, man werde ins Arbeitsleben zurückkommen, sobald man sich ans zeitige Aufstehen gewöhnt habe und den Tagesablauf so anordne wie die Allermeisten. Im Seminar wartet vor jedem Teilnehmer ein Computerbildschirm zwecks Übertragen der eigenen Anschreiben und Lebensläufe ins Medium der Textverarbeitung-Datei, was für einige Leute noch Neuland ist, nicht so für KM, der immerhin 13 Monate lang Werbetexter war. Online-Zugang haben die Arbeitsplätze aber noch nicht, sodass die Teilnehmer weniger abgelenkt sind, allerdings nichts online gleich verschicken können.

 

Das Training findet zum Teil in der örtlichen Filiale des über ganz Süddeutschland und bis nach Thüringen hinein verstreuten schwäbischen Bildungsträgers statt, in einem Büroblock in der König-Nikolaus-Straße. In diesem Haus und in dieser Firma wird KM zuletzt, das Sommerhalbjahr 2021 über, dann noch eine befristete Anstellung als Coach für Langzeitarbeitslose ausfüllen. Zuvor allerdings, in den vielen Jahren dazwischen, als man ihn von Seiten der Arbeitsagentur aufgefordert hatte, sich auf eine vergleichbare Coaching-Stelle zu bewerben, wird man ihm nicht antworten - und als die Fallmanagerin dort anruft, wieso man sich für den von ihr ausgesuchten Bewerber denn nicht interessiere, antwortet man ihr, dieser Mensch hätte, hoch gerechnet, nur so und so viele Jahre im gesamten Leben je was gearbeitet. Einen Teil des Unterrichts gibt es bisweilen im schräg hinten über einem Lidl-Parkplatz gelegenen Neubau an der Galluspforte.

 

Geleitet wird die Veranstaltung von zwei Herren recht verschiedenen Charakters. Andreas Kraus ist ein junger, umgänglicher Typ aus der Berglen-Region bei Winnenden, der gute Kamerad sozusagen. Der Andere ist klar über 50, ein Kraichgauer, was der mal war, bliebt unklar, jedoch streicht er bei jeder Gelegenheit seine biografische und mentale Verbundenheit und Vertrautheit mit dem unabhängigen Unternehmertum heraus. Kann sein, er ist ein abgebrochener Berufsschullehrer, ehemaliger Handwerker, wie solche Menschen oft. Er wohnt nämlich weit draußen, wo man möglichst nicht hinzieht, hat dort sein eigenes Haus stehen und schwärmt von einem noch ganz jungen Chef einer Maler-und-Lackierer-Firma, der mit seinem Elan jedes Hindernis überwinden werde.

 

Mit anderen Worten, er glaubt dem Evangelium des gerade herrschenden Neoliberalismus. Wir alle sollten den aktiven Unternehmern dankbar sein, dass sie sich keine ruhige Minute gönnen, dass sie sich den Kopf zerbrechen und dass sie die Traute haben, ins Risiko zu gehen und für neue Wege ihren ökonomischen Untergang zu riskieren, während sich sonst im Land alle nur noch versorgen lassen möchten. Es sei zu begrüßen, dass es mit der unseligen SPD-Herrschaft seit Herbst vorbei sei. Deutschland müsse seinen Blick nur mal nach Irland richten. Dort gehe ein Boom ab, von den Iren könne man noch viel lernen. Leider wäre der Politbetrieb in Deutschland so verkommen, dass es eine echte Partei fürs Volk gar nicht mehr gebe. „Man weiß überhaupt nicht mehr, wen man wählen soll.“ Man sollte vielleicht mal eine Partei für die echten Leute gründen. KM, der in dieser Zeit die Medienberichte über die bevorstehende Neugründung einer Partei „Die Linke“ aus der bisherigen PdS und Abtrünnigen der Gewerkschaftsbewegung und der SPD verfolgt, wirft ein, es komme aber vielleicht gerade so etwas. Er führt das nicht weiter aus und nennt keinen Parteinamen. Der Rest der Teilnehmer, wie immer in derlei Arbeitsamtkursen, schweigt brav stille. Man glaubt keine Sekunde an den Effekt solcher Maßnahmen, hält alle ihre Dozenten für Schwätzer, die keine Ahnung vom täglichen Existenzkampf derer haben, um die sie sich hier angeblich sorgen. Mithin gibt es nichts zu sagen.

 

Einen Mindestlohn, betont der mit dem freien Kapitalismus Solidarische, den werde es in diesem Lande niemals geben, das könne er beschwören. Allerdings wird besagter Mindestlohn unter der hier schon amtierenden Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die, wie hier schon, im Jahr 2015 zusammen mit der SPD regieren wird, dann doch eingeführt. In diversen EU-Ländern und den USA gibt es ihn schon länger; die sind dort nicht verhungert, weil alle essen und nicht mehr dafür arbeiten wollen. Bereits vorher, nämlich 2010, schrammt die Republik Irland knapp vorbei an ihrem wirtschaftlichen Untergang. Man hatte zu unkritisch dem amerikanischen Kapitalismus und seinen fantastischen Finanzmarktpapieren vertraut, muss daher aus gemeinsamen EU-Mitteln gerettet werden.

 

Mit diesem Halbjahr bei Hall und Treffer ist die Bekanntschaft mit einem gewissen Frank aus Beckingen verbunden, damals so in etwa Ende 30. Aufgeregt nennt KM ihn in einem seiner wöchentlichen Telefonate mit der Mutter einen „Schlumbi“. Frank scheint seit vielen Jahren geschlechtslos, arbeitslos, als Einzelgänger zu leben, möglicherweise noch bei seiner Mutter. Ungeachtet des Wetters ist er fast immer mit einem alten Sweatshirt (keine Jacke) und einer alten Jeans bekleidet. Dieser Frank spricht oft und viel im Kurs, betont immer wieder, einem wie ihm gebe man überhaupt keine Chance mehr. Nämlich sei er halt nicht mehr der Jüngste und leider chronisch krank, deswegen schwerbehindert. Man kriegt allerdings nie mit, dass Frank eine von den Bewerbungen, die er hier zu schreiben hat, auch mal wirklich weggeschickt hat. Auch die Behinderung, wegen „schwerem“ Diabetes, erscheint etwas seltsam. In jeder Vormittagspause pflegt Frank die nahe gelegene Metzgerei Klopp bei der Ecke König-Nikolaus-Straße, Westbahnstraße (2023 Geschäftsaufgabe) aufzusuchen und mit einem Paket aus Brötchen und Aufschnitt zurückzukehren. Wenigstens fünffach legt er sich dann die Wurst auf drei Brötchen und mampft alles ruckzuck weg wie ein Verhungernder.

 

KM hat diesen Menschen früher wahrscheinlich schon mal gesehen, aber erst nach dem Kurs fällt ihm auf, dass man tagsüber fast nie in die Innenstadt gehen kann, ohne den Frank wenigstens in der Ferne irgendwo zu bemerken. Frank hat jedes Mal eine Plastiktüte dabei und angelt in den öffentlichen Mülleimern nach Pfandbehältern. Auch durch die S-Bahn schnürt er geschäftig und klappert mit den Deckeln der Müllbehälter.

 

An Franks alltäglicher Jagd nach Nebenverdienst scheint sich über gut zehn Jahre hinweg nie etwas zu ändern. Selbst durch die Corona-Jahre noch schleicht Frank mit seiner, meist nur mäßig gefüllten Einkaufstüte. Die Konkurrenz ist mittlerweile groß und erstaunlicherweise hat sich Frank immer noch nicht abgeschaut, dass es winzig kleine Taschenlampen gibt, die vor allem abends gute Dienste leisten. Oder liegt es an Angst und Verlegenheit, seinen ewigen Begleitern? Immer äugt Frank um sich, wenn er seiner Arbeit nachgeht. Als würde ihn einer doch noch packen und zur Rede stellen. Andere sind energischer. Die stellen ihre gar nicht zugelassenen Fahrräder unverschlossen in den Zügen ab, arbeiten sich durch sämtliche Waggons, bevor sie in kaum mehr als einer Stunde ihren nächsten Zug, vielleicht auch in Gegenrichtung, erwischen und zahlreiche Reisende explizit auffordern, ihre ausgestreckten Beine von den Abfallbehältern zu entfernen, damit sie die mal überprüfen können.

 

Die Begegnungen mit Frank nach dem Kurs sind irgendwie lustig, weil man sich da drin ja geduzt hatte und weil Frank einen nie sieht, wenn er in der Bahn auf einen zukommt, weil seine Augen wie magnetisch von den Mülleimern gefesselt sind, bis er einen offen hat und merkt, dass der sich nicht lohnt. Erst dann blickt er ringsherum um sich und will wissen, ob ihn jemand beobachtet hat. Dann erkennt er einen und muss einen grüßen. „Hallo“ oder wenigstens Nicken. Und weil KM, der oft mit dem Rucksack unterwegs ist und eine Netzkarte hat, inzwischen fast immer schon ein paar leere Dosen in der Vordertasche vom Rucksack stecken hat, die er vorhin vielleicht aus dem Behälter, der soeben Franks Blick freigegeben hat, entnahm, ist das ein bisschen amüsant und man grinst.

 

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