Die heutige Ukraine ist ein Staat, hervorgegangen aus dem Zerfall der Sowjetunion. Ihre noch junge Geschichte ist geprägt von Umbrüchen, Hoffnungen und Konflikten. Am Vorabend des 24. Februar 2026 – vier Jahre nach Beginn des großen Krieges – stellt sich die Frage dringlicher denn je: Wohin führt ihr Weg?
Souveränität und schwieriger Neubeginn
Am 16. Juli 1990 verabschiedete das Parlament der Ukrainischen SSR die Erklärung der staatlichen Souveränität. Neutralität und Atomwaffenfreiheit wurden darin als Leitlinien formuliert.
Am 24. August 1991 erklärte die Ukraine ihre Unabhängigkeit. Am 1. Dezember desselben Jahres bestätigten über 90 Prozent der Abstimmenden diesen Schritt in einem Referendum. Die Ukraine wurde ein international anerkannter souveräner Staat.
Doch politische Unabhängigkeit bedeutete keinen wirtschaftlichen Neustart aus gesicherter Position. Der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft erwies sich als schmerzhaft. In den 1990er Jahren brach die Wirtschaftsleistung dramatisch ein, staatliche Betriebe zerfielen, soziale Sicherungssysteme kollabierten teilweise. Renten verloren ihren Wert oder wurden verspätet ausgezahlt. Hochqualifizierte Fachkräfte wanderten ab und arbeiteten im Ausland häufig unter ihrem Ausbildungsniveau. Millionen Menschen verließen in den folgenden Jahrzehnten das Land.
Der Transformationsprozess blieb unvollendet. Kapital fehlte, die Währung war instabil, industrielle Potenziale wurden kaum modernisiert. Während breite Bevölkerungsschichten an Kaufkraft verloren, entstand eine Oligarchenstruktur, in der wirtschaftliche Macht und politische Einflussnahme eng miteinander verflochten waren. Wo funktionierende staatliche Institutionen fehlten, etablierte sich Korruption als informelles Steuerungsinstrument.
Sprachlich blieb das Land vielfältig: Russisch dominierte in der Sowjetzeit das öffentliche Leben, während Ukrainisch sowie Polnisch, Rumänisch und Ungarisch in bestimmten Regionen als Alltags- oder Minderheitensprachen verbreitet waren.
1994 unterzeichnete die Ukraine gemeinsam mit Russland, den USA und dem Vereinigten Königreich das Budapester Memorandum. Sie verzichtete auf die auf ihrem Territorium stationierten sowjetischen – niemals unter ukrainischem Kommando stehenden – Atomwaffen und erhielt im Gegenzug politische Zusicherungen zur Achtung ihrer Souveränität und territorialen Integrität.
In den folgenden Jahren verfolgte das Land offiziell eine blockfreie Außenpolitik. Innenpolitisch standen sich zunehmend unterschiedliche Strömungen gegenüber: stärker russlandorientierte Kräfte auf der einen, stärker europäisch ausgerichtete auf der anderen Seite.
Reformversuche und politische Polarisierung (2004)
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten verstärkten die politischen Spannungen. Reformen verliefen schleppend, strukturelle Probleme blieben bestehen. Anstatt eine verantwortungsbewusste, am Gesamtinteresse orientierte Elite hervorzubringen, vertieften sich politische und nationale Polarisierungen.
2004 führte die Orangene Revolution nach Protesten gegen Wahlfälschungen zur Wiederholung der Präsidentschaftswahl. Regierungen wechselten, doch wirtschaftliche Durchbrüche blieben aus. Der Lebensstandard vieler Menschen erreichte nicht das Niveau, das sie sich von der Unabhängigkeit erhofft hatten – teilweise lag er sogar unter dem der späten Sowjetzeit.
NATO-Debatte und erneute Blockfreiheit (2008–2013)
2008 erhielt die NATO-Debatte neuen Impuls. Auf dem Gipfel in Bukarest wurde erklärt, dass die Ukraine perspektivisch Mitglied werden könne – jedoch ohne konkreten Zeitplan.
2010 verankerte Präsident Wiktor Janukowytsch per Gesetz erneut den blockfreien Status. Formal blieb die Ukraine bündnisfrei, während wirtschaftliche und politische Spannungen fortbestanden.
Die Krise von 2013–2014
Im Herbst 2013 setzte Präsident Janukowytsch die Unterzeichnung des bereits ausgehandelten EU-Assoziierungsabkommens aus. Diese Entscheidung löste in Kiew Proteste aus, die sich rasch zu einer breiten Bewegung entwickelten – dem sogenannten Euromaidan. Was als proeuropäische Kundgebung begann, weitete sich zu einem grundsätzlichen Protest gegen Korruption, Machtkonzentration sowie politische und wirtschaftliche Stagnation aus.
Während auf den Straßen Kiews demonstriert wurde, wurden hinter verschlossenen Türen längst politische Optionen durchgespielt. Ein später publik gewordener Mitschnitt eines Telefonats zwischen der US-Diplomatin Victoria Nuland – die öffentlich die Maidan-Proteste unterstützte – und dem US-Botschafter in Kiew, Geoffrey Pyatt, machte deutlich, dass in Washington bereits konkrete politische Konstellationen für die Zeit nach einem Regierungswechsel diskutiert wurden. Die zentral zitierten Passagen lauteten:
Nuland: “I think Yats is the guy who’s got the economic experience, the governing experience.”
Nuland: “I don’t think Klitsch should go into the government.”
Nuland: “Fuck the EU.”
Pyatt: “Exactly.”
Auf Deutsch:
Nuland: „Ich denke, Yats ist derjenige, der die wirtschaftliche Erfahrung und die Regierungserfahrung hat.“
Nuland: „Ich glaube nicht, dass Klitsch in die Regierung gehen sollte.“
Nuland: „Scheiß auf die EU.“
Pyatt: „Genau.“
Mit „Yats“ war Arsenij Jazenjuk gemeint, der später Übergangsministerpräsident wurde; mit „Klitsch“ Witali Klitschko.
Für Kritiker galt das Telefonat als Beleg für westliche Einflussnahme. Unstrittig ist: Die USA befassten sich intensiv mit möglichen Entwicklungen in Kiew, und Arsenij Jazenjuk wurde später tatsächlich Ministerpräsident. Victoria Nuland erklärte noch im Dezember 2013 in einer Rede vor der US-Ukraine-Stiftung, die USA hätten seit 1991 über 5 Milliarden Dollar in demokratische Kompetenzen und Institutionen, Bürgerbeteiligung und „gute Regierungsführung“ in der Ukraine investiert.
Am 21. Februar 2014 wurde unter Vermittlung der Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Polens ein Abkommen zwischen Regierung und Opposition unterzeichnet, das vorgezogene Wahlen und eine Rückkehr zur Verfassung von 2004 vorsah. Wenige Tage später verließ Janukowytsch das Land. Das Parlament erklärte ihn für abgesetzt und setzte Neuwahlen an. Ob es sich um eine revolutionäre Selbstkorrektur oder um einen verfassungsrechtlich problematischen Machtwechsel handelte, wird bis heute unterschiedlich bewertet.
Was zum Krieg führte
1954 übertrug das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR die Oblast Krim von der Russischen SFSR an die Ukrainische SSR – offiziell aus Verwaltungsgründen innerhalb der Sowjetunion.
Sewastopol war seit dem 18. Jahrhundert Heimathafen der russischen Schwarzmeerflotte. Nach 1991 regelten mehrere bilaterale Abkommen die Stationierung russischer Streitkräfte auf der Krim. Zwar wurde 2010 die Stationierung bis 2042 verlängert, offenbar erschien diese Vereinbarung aus russischer Sicht im Falle eines möglichen NATO-Beitrittskurses der Ukraine jedoch als strategisch riskant. Im März 2014 annektierte Russland die Krim.
In den Regionen Luhansk und Donezk formierten sich bewaffnete Separationsbewegungen. Es folgten militärische Auseinandersetzungen im Donbass, die sich zu einem langanhaltenden bewaffneten Konflikt entwickelten.
2014 und 2015 wurden unter Vermittlung Deutschlands und Frankreichs die Minsker Vereinbarungen geschlossen. Sie sollten Waffenruhe, politische Reformen und eine Reintegration der umkämpften Gebiete ermöglichen. Ihre Umsetzung blieb unvollständig, das gegenseitige Misstrauen wuchs.
Ende 2014 hob die Ukraine ihren blockfreien Status auf – ein politisches Signal für eine stärkere sicherheitspolitische Orientierung nach Westen.
2019 wurde das Ziel eines EU- und NATO-Beitritts in der Verfassung verankert. Wolodymyr Selenskyj gewann die Präsidentschaftswahl mit dem Versprechen, den Krieg im Osten zu beenden und politische Erneuerung einzuleiten. Dennoch hielten die Kampfhandlungen an. Ab 2021 verstärkten sich russische Truppenaufmärsche entlang der Grenzen.
24. Februar 2022 – Der vernichtende Krieg
Am 24. Februar 2022 begann Russland eine groß angelegte militärische Offensive gegen die Ukraine. Aus einem regionalen Konflikt wurde ein umfassender Krieg mit internationalen Dimensionen.
Die Folgen sind gravierend: Zerstörung weiter Teile des Landes, hohe militärische und zivile Verluste, massive Staatsverschuldung, wirtschaftliche Abhängigkeiten und gesellschaftliche Erschöpfung. Millionen Menschen sind geflohen. Eine ganze Generation ist vom Krieg gezeichnet.
Vier Jahre später ist ein Ende nicht in Sicht. Teile industrieller Kernregionen sind zerstört. Die Perspektive einer schnellen NATO- oder EU-Mitgliedschaft bleibt ungewiss.
Aus anfänglicher Blockfreiheit wurde geopolitische Konfrontation. Aus inneren Transformationsproblemen erwuchs ein internationalisierter Stellvertreterkrieg.
Und nun, im Februar 2026, bleibt die offene Frage:
Ein Staat, der bereits in Friedenszeiten strukturelle Schwächen aufwies, ist durch den Krieg weiter geschwächt – wirtschaftlich, demografisch und institutionell. Ein Wiederaufbau aus eigener Kraft erscheint kaum möglich. Die Orientierung nach Westen ist nachvollziehbar. Doch ist die Europäische Union politisch und wirtschaftlich bereit, eine weitere große Belastung zu tragen?
Was nun, Ukraine? Wie sieht deine Zukunft aus?“
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.02.2026.
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Sturmwind
von Bernd Rosarius
Wenn erst ein laues Lüftchen weht,
das sich naturgemäß dann dreht
und schnelle ganz geschwind,
aus diesem Lüftchen wird ein Wind,
der schließlich dann zum Sturme wird,
und gefahren in sich birgt-
Dann steht der Mensch als Kreatur,
vor den Gewalten der Natur.
Der Mensch wird vielleicht etwas klüger,
seinem Sturmwind gegenüber.
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