Karin Guterding

Aufstand

Hessen 1848 
Auszug aus meinem Buch "Momentaufnahmen aus 3 Jahrhunderten" größtenteils basierend auf Tatsachen

Die Not ist groß. Alle schnüren den Gürtel enger - zwangsläufig. Nur der Adel pflegt weiter seinen dekadenten Lebenswandel – ohne Rücksicht auf Verluste. Eisern hält er an seinen Privilegien fest. Die Landbevölkerung rebelliert. 

„Sollen sie sich nicht so vermehren“, sagen die Blaublüter und überlegen, wie sie der wachsenden Bevölkerung und Armut entgegenwirken können, ohne selbst Zugeständnisse zu machen.

Aber die Bauern haben genug von der ewigen Unterdrückung. Mehr als 3.000 Männer und Frauen, bewaffnet mit Mistgabeln, Sensen, Dreschflegeln und Flinten, nehmen vor dem Schloss zu Braunfels Aufstellung. Ihr „Schlachtruf“ ist bereits von Weitem zu hören:

„Was kümmert’s Euch, ob arme Leute,

Kartoffeln satt könn‘ essen,

wenn ihr nur könnt zu jeder Zeit

den besten Braten fressen.“

Voller Hohn ertönt die Antwort aus dem Schloss:

„Ihr könnt für jede Quarkschnitte froh sein, die euch bleibt. Und wenn es dazu nicht reicht, dann fresst Gras, das ist im Frühjahr reichlich gewachsen.“

Es ändert sich nichts und aus purer Verzweiflung wandern viele der Bauern aus. Amerika – das gelobte Land – ist das Ziel der meisten. Es kommt zu einem regelrechten „Amerikafieber“.

130 Hektar Land stellt der Mainzer Adelsverein jeder Familie in Aussicht, die nach Amerika auswandert - kostenlos. Obendrein ein Handgeld von 600 Gulden. Garantierte Versorgung bis zur ersten Ernte, sowie Kirchen, Schulen und medizinische Fürsorge. 

Als der kleine Karl einen Bauern sieht, der einen Handwagen hinter sich herzieht, sagt der Junge:  “ Drüben, in Amerika, da machen die Bauern alles mit Pferden. Jeder hat dort ein Pferd. Alle sind reich. Da will ich auch mal hin.“

„Ach Bubb,“ sagt der Bauer. „Glaub doch nicht alles, was du hörst. Wie willst du denn die Schifffahrt bezahlen?“

 „Das ist kein Problem. Ich verdiene mir das Geld auf dem Schiff“.

„Und das geht ?“ fragt der Bauer ungläubig.

 „Ja, ja, das hat mir Lotze Wilhelm gesagt“.

Es klingt zu schön, um wahr zu sein. Die Not ist einfach zu groß. Nicht nur das Nahrungsangebot ist knapp, es fehlt auch an Boden, für die schnell wachsende Bevölkerung[1]. Das Erbrecht teilt die Flurstücke in immer kleinere Parzellen, die irgendwann nicht mehr ausreichen, um eine Familie zu ernähren.

In nur zwei Jahren machen 2.500 Familien von dem Angebot des Adelsvereins gebrauch und reisen in eine „Neue Welt“, die angeblich ein Paradies sein soll. Unter ihnen sind alle Schichten vertreten, die eine Gesellschaft zu bieten hat: Arme, Abenteurer, Bauern, Handwerker, Kriminelle und Deserteure, aber auch Lehrer, Pfarrer und Ärzte.

Bis zu 12 Wochen verbringen sie auf „Hoher See“ . Wer die strapaziöse Überfahrt und Unterbringung in den Auswandererhäusern überlebt, ist erleichtert, wenn er wieder festen Boden unter den Füßen hat.

Jetzt beginnt eine neue Zeitrechnung, in einer neuen Welt, in der ihnen nichts – rein gar nichts, geschenkt wird. Der Kampf ums blanke Überleben geht weiter.

 

[1] Bevölkerungswachstum: von 1816 bis 1871 wuchs die Bevölkerung in Deutschland von 25 auf  41 Millionen Menschen

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