Wir leben in einer Zeit, die ständig beschleunigt. Alles rauscht, alles fließt: Nachrichten, Bilder, Krisen. Jeden Morgen, wenn ich die Zeitung aufschlage, nehme ich mir vor, mich nicht aufzuregen. Und jeden Morgen erfahre ich Dinge, die das unmöglich machen. Dann wächst in mir der stille Wunsch – nach Pause, nach einem Moment, der nicht sofort weiterhetzt, nach einem Genuss, der nicht von Alarmmeldungen übertönt wird.
Man könnte dieses Bedürfnis als Flucht belächeln, doch in Wahrheit ist es ein zutiefst menschliches Recht auf inneren Frieden.
Die Gegenwart bebt, und nichts legt einen sanfteren Balsam auf meine müde, wundgescheuerte Seele, als das zarte Gefühl der Nostalgie.
Dieses sanfte, bittersüße Flimmern im Herzen – Nostalgie. Ein Gefühl, das wie ein leiser Windhauch durch meine Seele streicht und längst vergangene Momente wieder zum Leuchten bringt. Eine geblümte Sammeltasse vom Flohmarkt genügt, und ich stehe wieder in der warmen Küche der Großmutter, umgeben vom Duft vertrauter Sonntage. Ein altes Lieblingsgericht lässt mich für einen Augenblick in jene Kindheit zurücksinken, in der die Welt noch unendlich schien. Ich schlüpfe in Schlaghosen, als könnte ich damit die Leichtigkeit meiner Jugendjahre heraufbeschwören, und tanzen zu den Liedern, die mir einst das Gefühl gaben, unsterblich zu sein.
In der Erinnerung wird alles golden, weich, beinahe heilig: der erste Schultag, der noch nach Kreide roch. Der erste Kuss, der die Welt für einen Herzschlag anhielt. Das erste Mal, das erste Auto, die vergangenen Sommer in Südfrankreich– und diese wunderbaren, wunderlichen Qutfits, die wir trugen, als wüssten wir nicht, wie vergänglich doch alles ist.
Warum sich „früher“ besser anfühlt, erklärt der Philosophieprofessor Albert Neven von der Ruhr-Universität Bochum mit der Funktionsweise unseres Gedächtnisses: „Wir erinnern uns bevorzugt an das, was uns guttut. Wir blenden Belastendes aus und verklären das Positive.“
Für mich ist dieses Zurückschauen wie ein sanftes Opium für die Seele. Aus heutiger Sicht scheint damals alles ruhiger gewesen zu sein. Keine Pandemie, kein Krieg in Europa, kein drohender Schatten der Autokraten. Eine stabile Wirtschaft, gesellschaftliche Risse nur feine Linien im Hintergrund.
Doch auch das gehört zur Wahrheit: Man durfte nicht zu weit über den Tellerrand blicken. Und wenn man es tat, war man weit genug entfernt, um das Unangenehme einfach zu übersehen.
Die internationale Lage war auch in früheren Zeiten alles andere als angenehm, doch immerhin überschaubar. Der Kalte Krieg blieb kalt, egal wie heiß die Köpfe wurden. Und so redete man sich ein, alles sei noch irgendwie normal.
Damals war alles irgendwie lockerer, und selbst die Zukunft sah nicht halb so düster und bescheuert aus wie das, was wir inzwischen in der Realität abbekommen.
Heute weiß man kaum, wovor man sich zuerst fürchten soll. Kein Wunder, dass so viele – ich eingeschlossen – den Blick zurückwerfen, dorthin, wo die Welt einfacher wirkt. Natürlich ist dort alles schöner. Natürlich sind wir dort schöner. Vielleicht, weil diese Zeit uns vitaler, überschwänglich zeichnet. Vielleicht, weil wir damals jünger waren. Vielleicht, weil Erinnerung immer ein wenig Licht hinzufügt und ein bisschen Photoshop ist.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.02.2026.
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