Istvan Hidy

Die wandernde Pralinenschachtel

Eine Glosse über Wanderlust, Viertele und verborgene Proteine

Im lieblichen Mittleren Neckarraum, dort, wo die Weinberge geschniegelt wirken, als hätten sie selbst Kehrwoche, zog sie aus: die Damenwandertruppe „Frohsinn 70+“.

Sie kamen von überall her – aus Norddeutschland mit festem Schritt und wetterfester Frisur, aus dem Osten mit Pragmatismus im Rucksack, aus Holland mit Fahrraderfahrung im Herzen.

Nur die Männer waren nicht mehr dabei.

Die einen lagen bereits würdevoll „unter der Erd“, die anderen lagen noch darüber – aber eben auch lieber. Wandern sei nichts mehr für ihre Knie, sagten sie.

Die Damen hingegen marschierten unbeirrt. Knie sind schließlich Verhandlungssache.

Schwätzend durch die Reben

Wenn sie loszogen, hörte man sie schon an der Haltestelle:

„Hast du die Stöcke?“

„I han’ se!“

„Des Wetter wird sich halta!“

Ein Schnattern, das selbst die Amseln ehrfürchtig verstummen ließ.

Zwischen Fellbach und Esslingen bewegte sich die Gruppe wie eine farbenfrohe Perlenkette durch die Landschaft. Es wurde nicht einfach gewandert – es wurde kommentiert, analysiert und mit erprobten Lebensweisheiten unterlegt.

Nach exakt 5,3 Kilometern – gemessen von Erika mit ihrer Uhr, die Puls, Blutdruck und vermutlich auch den Kontostand überwachte – kehrte man ein. In jene Gaststätte, deren Soße seit 1987 denselben philosophischen Tiefgang und ungefähr dieselbe Temperatur besaß.

Dort saßen sie dann, die kleinen Rucksäckle ordentlich an die Stuhlbeine gelehnt, und zelebrierten das hohe Alter mit einem Viertele Trollinger und einer Käseplatte, die offiziell „für drei Personen“ gedacht war.

„Mir gönnet uns ja sonst nix!“

 

Die hohe Kunst des Weiterreichens

Geburtstage wurden selbstverständlich begangen. Und zwar mit Stil.

Man traf sich zum Kaffee, mit Torten, die in ihrer Sahnemächtigkeit ganze Generationen hätten ernähren können. Und man schenkte sich – aus Tradition, aus Prestige, aus kalorischer Großzügigkeit – die besten Pralinenschachteln.

Nicht irgendeine.

Nein.

Etwas mit Goldrand, mit Schleife, mit internationalem Flughafenflair.

Doch hier begann die wahre Meisterleistung dieser Damen:

Die Schokolade wurde nicht gegessen.

Sie wurde verwaltet.

Archiviert.

Bilanziert.

Viele der Damen standen „nicht mehr so auf Süßes“. Der Geschmack werde im Alter feiner, hieß es. So fein, dass er Zucker nur noch theoretisch wahrnahm.

Und so begann sie – die eigentliche Wanderung. Nicht durch die Weinberge, sondern durch die Wandertruppe.

Eine bekam sie von Helga. Also durfte sie nicht zurück zu Helga. Aber zu Ingrid? Hatte Ingrid sie nicht letztes Jahr von Bärbel bekommen? Und war das nicht die mit der goldenen Schleife?

Es entstand ein logistisches Netzwerk, gegen das der Stuttgarter Flughafen wie ein Dorfbriefkasten wirkte.

„Von wem war die jetzt ursprünglich?“

„Also ich glaub’, die war von der Ilse.“

„Aber Ilse hat doch Diabetes!“

„Ja eben!“

Das Schicksal nimmt seinen Lauf

So kam es, wie es kommen musste.

Tante Charlotte – resolut, herzlich und mit einem Gedächtnis wie ein schwäbisches Haushaltsbuch – überreichte meiner Frau zu ihrem Geburtstag eine besonders noble Schachtel.

„Ganz was Feines!“, sagte sie.

Die Schachtel funkelte. Sie roch nach Kakao, Tradition und Umlaufvermögen.

Meine Frau jedoch – nicht im Entferntesten süßaffin – lächelte tapfer. Zwei Tage später reichte sie das gute Stück weiter an unseren Sohn Stefan.

Stefan. Vierzig. Sportlich. Schlank. Einer, der Kalorien als Trainingspartner betrachtet.

Er öffnete die Schachtel mit erwartungsvoller Vorfreude.

Und dann … bewegte sich etwas.

Erst kaum wahrnehmbar.

Dann mit Ziel.

Nicht metaphorisch.

Nicht kulinarisch.

Sondern biologisch.

Ein zartes, aber entschlossenes Winden im Innern.

Ein Hauch von Evolution.

Ein Langzeitprojekt mit Eigeninitiative.

Die wandernde Pralinenschachtel hatte ein Eigenleben entwickelt.

Ein kleines, krabbelndes, erstaunlich vitales.

Stefan starrte.

Die Pralinen starrten nicht zurück – sie waren anderweitig beschäftigt.

Was sich offenbar über Monate – vielleicht Jahre – in feiner Dunkelheit entwickelt hatte, trat nun ins Licht der Küche. Mit einer Lebensfreude, die selbst die Wandertruppe beeindruckt hätte.

Die Moral von der Geschicht’

Man kann vieles weiterreichen:

Weisheiten.

Wanderkarten.

Viertele-Tipps.

Aber gewisse Dinge – besonders solche mit Haltbarkeitsdatum und Eigenbewegung – sollte man irgendwann selbst zu Ende bringen.

Die Damen allerdings nahmen die Geschichte mit Fassung.

„Des isch halt Natur!“, sagte Erika.

„Protein!“, meinte die Norddeutsche trocken.

Und Tante Charlotte resümierte:

„Dann war sie wenigstens noch lebendig.“

Seitdem werden die Pralinenschachteln mit Datum versehen.

Und mit einem kleinen Vermerk auf der Rückseite:

„Bitte nicht weiterwandern lassen!“

Doch wer weiß.

Im Mittleren Neckarraum sind schon ganz andere Dinge gewandert –

und nicht alle hatten Wanderstöcke.

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