Die große Karawane der Alarmprognosen
Es ist wieder so weit: Das Klima packt seine Koffer – und mit ihm angeblich gleich 40 Millionen Menschen. Mindestens. Vielleicht 50. Oder 200. Oder, wenn man gerade auf einem Podium mit schmeichelhaftem Licht steht, eine Milliarde. Zahlen sind in dieser Debatte wie Temperaturen im Hochsommer: nach oben offen.
Die Berliner Grünen möchten nun das Asylrecht um eine neue Kategorie erweitern: „von Klimakatastrophen betroffen“. Das klingt wie eine Kooperation von Wetter-App und Endzeitstudio. Man stellt sich das Formular vor:
Grund der Flucht?
Politische Verfolgung
Religiöse Verfolgung
Dürre mit Hang zur Hitze
Die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 wirkt daneben wie ein Fossil aus der Analogzeit. Sie schützt Menschen vor Verfolgung wegen Rasse, Religion, Nationalität, politischer Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe. Klima? Fehlanzeige. Vermutlich, weil 1951 niemand damit rechnete, dass der Thermometerstand eines Tages als politischer Akteur auftreten würde – mit moralischem Mandat.
Wissenschaftlich ist die Sache unerquicklich. Studien sprechen von „multikausalen Phänomenen“, warnen vor „Umwelt-Determinismus“ und nennen globale Schätzungen methodologisch „unstimmig“. Übersetzt: So einfach ist es nicht. Migration hat viele Gründe – Armut, Gewalt, Perspektivlosigkeit, Korruption, fehlende Jobs. Das Klima spielt gelegentlich mit, aber selten die Hauptrolle. Es ist eher der Statist, der durchs Bild läuft und eine Dürre unter dem Arm trägt.
Doch politische Dramaturgie verlangt nach klaren Bildern. Und was wäre klarer als der „Klimaflüchtling“? Ein Wort wie ein Schlagwortgewitter. Es klingt nach Naturgewalt mit Pass, nach steigenden Meeresspiegeln mit Vorsatz. Komplexität stört da nur.
Schon in den 1980er-Jahren warnte der Ökologe Norman Myers vor 150 bis 200 Millionen Klimaflüchtlingen bis 2050. Später waren es 50 Millionen bis 2010. Dann 2020. Prognosen in dieser Disziplin altern schlecht, aber sie sterben nie. Sie werden weitergereicht wie ein Staffelstab der Besorgnis – mit jedem Lauf ein wenig dramatischer.
Als Hurrikan „Katrina“ 2005 New Orleans verwüstete, erklärte eine Denkfabrik die 250.000 Evakuierten zur „ersten dokumentierten Massenbewegung von Klimaflüchtlingen“. Dass unklar war, ob die Hurrikanaktivität über natürliche Schwankungen hinausging, störte die Dramaturgie kaum. Wer vom Wind verweht wird, eignet sich hervorragend als Symbol.
Die nüchterne Forschung hingegen verdirbt zuverlässig die große Erzählung. Eine Studie in „Nature Communications“ kommt zu dem Ergebnis, dass politische Gewalt und Repression deutlich bessere Prognosefaktoren für Asylmigration sind als Dürre- oder Temperaturanomalien. Mit anderen Worten: Menschen fliehen eher vor bewaffneten Milizen als vor bewaffneten Thermometern. Man mag es kaum glauben.
Der „Global Report on Internal Displacement 2024“ stellt zudem fest, dass die meisten durch Unwetter Vertriebenen im eigenen Land bleiben – und viele zurückkehren. Die apokalyptische Völkerwanderung vom Globalen Süden in den Norden bleibt vorerst ein bevorzugtes Szenario für Konferenzfolien.
Und doch ist die Klimakarawane ein erstaunlich langlebiges Geschäftsmodell. Mit Massenbewegungen lässt sich gut arbeiten – politisch, publizistisch und ökonomisch. Wer die größte Zahl auf die Leinwand wirft, sichert sich Aufmerksamkeit, Fördermittel, Beratungshonorare und moralische Rendite. Angst ist schließlich ein verlässlicher Rohstoff, und Prognosen sind ihr Derivatehandel.
So entstehen Studien, die weniger Erkenntnisdrang als Erwartungsmanagement bedienen – Prognosen auf Bestellung, passend zur politischen Großwetterlage. Das Ergebnis steht bisweilen schon fest, bevor die Datensätze ihre Schuhe geschnürt haben. Die Wissenschaft wird zur Dramaturgin, die Fußnote zur Statistin.
Natürlich gibt es Umweltveränderungen. Natürlich verschärft die globale Erwärmung Extremwetter in manchen Regionen. Doch aus jeder Dürre einen asylrechtlichen Tatbestand zu formen, ist ungefähr so plausibel wie aus jedem Stau eine politische Verfolgung abzuleiten.
Vielleicht liegt das eigentliche Problem weniger im Klima als in unserem Hunger nach moralisch klaren Erzählungen. „Klimaflüchtlinge“ ist ein starkes Wort. Es transportiert Dringlichkeit, Schuld, Verantwortung – und erspart die Mühe, komplizierte Ursachenketten zu entwirren. Aus einem Geflecht aus Ökonomie, Politik, Demografie und Umwelt wird ein handliches Etikett.
Politik jedoch, die auf Etiketten setzt, läuft Gefahr, an der Wirklichkeit vorbeizuregieren. Wer Migration verstehen will, muss mehr lesen als die Wetterkarte. Und wer das Asylrecht umbauen möchte, sollte bedenken, dass es nicht als meteorologisches Frühwarnsystem konzipiert wurde.
Bis dahin zieht sie weiter, die große Karawane der Prognosen. Sie wächst, schrumpft, verdoppelt sich – je nach Konjunktur der Sorge. Und ihr Ziel erreicht sie zuverlässig immer dann, wenn es wieder heißt: „spätestens bis 2050“.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.02.2026.
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