Sie hat dieses Kraushaar, das vor zwei Jahren noch schwarz war, man sieht Fotos auf der Internet-Site der Buchhandlung. Ihr ewiges Lächeln, ihr sanftes Stimmchen, ihre Bemühtheit, ihr fahriges Gerede, unglaubliches Unvermögen, jemals laut zu werden. Was keineswegs heißt, dass sie nur friedlich wäre. Ihr Mann, Wolfgang Heerdt, der nicht mehr in der Buchhandlung arbeitet, sagt, als Chefin sei Frau Rot knallhart. Eine Frau, die nicht erträgt, wenn einmal nichts anfällt, wenn es nichts mehr zu verbessern gibt. Sanft und bestimmt nörgelt sie an allem und an jedem Menschen, der ihr unterstellt ist. Wenn sie stinkig und sadistisch wird, immer weiter diese leise säuselnde, zuckersüß ummantelte Stimme.
Für Magali Rot ist die Welt eine aufgeräumte Puppenstube, in der sie mit liebend formenden Händen aus jedem Menschen ein ihrer Liebe gehorchendes Kind erschafft. Sie liest schon länger nichts mehr, ist Kundenfragen nach Fantasy-Romanen also nicht gewachsen. Würden ihr je ruhige Mußestunden noch zuteil, ach, die wunderbaren Jahre, als die Tochter Madeline noch klein war, sie ihr eigenmündlich „Momo“ vorlas, wären es preisgekrönte, ausgezeichnete Jugendbücher, aber auch esoterische Arkana, Fünf-Elemente-Kochen, Gedankenreisen, Gehmeditation, Engelsehen, Heilsteinwissen.
Lila Wollpullover, Spiritualität, Frauenromane, Astrologie. Endlose Ausführungen vom Hundertsten ins Tausendste. Lilien gegen das Formaldehyd des Verpackungsmaterials, „ist halt krebserregend“, tibetische Gebetsschellen. Ihre achtjährige Tochter Madeline. Mann und Tochter begleiten und anleiten. Frauen-Eurythmie-Gruppe, Lesezirkel für die Kleinen, Lesezirkel für die Älteren, die eigene Mutter trösten, sie hat Krebs, Haus und Garten in Schuss, alles schlägt aus, Mitarbeiter bilden. „Ach, treffen wir uns mal abends bei uns im Haus, kochen was Gesundes, trinken Saft, besprechen die Vision.“ Zehn Tage vor Madelines Geburt setzte sie, berichtet sie, mit ihrer Arbeit aus. Nach der Geburt 14 Tage im Haus allein mit einem Säugling, der nicht zuhört, wenn sie Michael Ende liest. Ab Woche 3 den kleinen Schatz stets im Tragetuch über ihrer Schulter, auf dem Klo?, nein: hinter der Kasse, Herzschlag der Mutter ist wichtig fürs Weltvertrauen. Diese Buchhandlung und alles darin ist die Manifestation von Magali Rots Bewusstseins. Eisenhart und stur wie ein Bulldozer.
Niemals unserem Kunden widersprechen! Tun, als hörte man zu. Ab und an zustimmende Signale. Möglichst nicht von sich selbst reden. Eher: „Ja? Ich auch, bei mir ist das genauso! Schön!“ Strahlen, innere Energie teilen. Sie hört nie zu, wenn ihre Kunden schwafeln, strahlend ist alles goldgenau.Habe ich erwähnt, dass dieses ihr bevorzugtes Pausenwort ist: „Genau!“ Singend, Hebung zum Ende. „Genau!“ Manchmal schüttelt sie beim Genau! den weißen Krauskopf, das scheint sich der Kontrolle zu entziehen.
Sie kennen den Gott und seine kleine Welt in der goldenen Aue um Sulzbach (Litter). Müssen sich irgendwo immer wieder sehen lassen, damit ihr Laden läuft. „Die liebe Frau Rot!“ Um sie her wird Kunst und Kultur gepflegt. Der Mann im Sulzbacher Fleischerchor, obwohl er gewiss nie im Leben ein Fleischer war. Hochzeitsopern vom lokalen Hofkomponisten. In blumigen Gärten führen Mädchen Carlo-Gustoni-Spiele auf, liest der heimatforschende Geschichtslehrer aus eigenen Büchern, stellen jung gebliebene Granaten Aquarelle vor, verticken nebenbei ihre selbst gereimten Gedichte, die wir in Kommission nehmen. „Alles Freunde von uns.
Schon ist die letzte Woche meines Praktikums. Schon ist ein Ausbildungsvertrag mit Datum vom 3. Juni unterzeichnet. Schon liegt mein Urlaub fest: 22. Juli bis 11. August. Danach wird es keinen Urlaub mehr geben, von September bis Ende Januar. Erst kommt der Schulbuchauftrag. Dann das Weihnachtsgeschäft. Dass ich bis Juni 2004 durchhalte, dies zu glauben fällt mir schwer.
Jeden Tag führt sie mich aufs Glatteis, guckt erstaunt, wenn ich dort einbreche. Auf die Idee, mich auszutauschen, bevor es komplizierter wird, scheint sie nicht zu kommen. Weiß nicht, ob's mich noch freut. Wenn ich aufs Klo muss, sie vergessen hat, dass sie mir eben erst was aufgegeben hat, vor fünf Minuten, reagiert sie panisch, weil ich mich durch den Laden ganz frei zu bewegen scheine. „Sie könnten dann das und das machen.“ Das sind die „Projekte“, sie sagt immer „unsere“. Zitat: „Was ich am liebsten mache, ist Organisieren.“
Irgendwie scheint sie vom ersten Tag her überzeugt, dass ich hier drin der Richtige bin. Nach meinem Beinahe-Zusammenbruch neulich muss Angst sie angefasst haben, ich könnte es beim beendeten Praktikum nun doch noch lassen. Mir drängte sich ein Gedanke auf, dass es was mit Image oder Ausstrahlung zu tun hat. Sie möchte zwei Buchhandlungen führen, die beide ihre persönliche Kompetenz und Solidität vermitteln. Sie will keine jungen Auszubildenden. Sie möchte mich, den akademisch vorgebildeten Mittvierziger, der für den arglosen Kunden nach Jahren des Buchhändlertums ausschaut. Sie setzt mich, obwohl es die Ausbildungsverordnung nicht zulässt im ersten Lehrjahr, halbtagsweise alleine in der Brettheimer Nebenstelle ein. Man soll alles können und richten, darf aber mehr oder weniger nichts kosten. Sie ließ sich nicht lumpen und spendierte mir die Monatskarte für den Bus.
In unserer Buchhandlung verdient nur Olaf Steller (nähert sich dem Ende des zweiten Lehrjahrs) mehr als ich. Die Putzfrau und die Buchhalterin sind pro Woche nur zwei Stunden anwesend (Putzfrau auch noch bei ihr zu Hause, weiß nicht, wie lange dort und für wie viel), kriegen 200 Euro im Monat dafür. Die zwei voll ausgebildeten Buchhändlerinnen, die sie kürzlich, nach deren Baby- bzw. Ehepause, eingestellt hat, sind Minijobberinnen in Teilzeit.
Das Vorstellungsgespräch: Beide Rots sagten lange kein einziges Wort. Beide lächelten sich an, mir verliebt entgegen. Bis es schon zu quälen begann. Zitat: „Achtzehn- oder Zwanzigjährige sind natürlich noch formbarer als jemand in Ihrem Alter.“ Und: „Buchhändler sind Sie nicht. Noch nicht. Sie machen jetzt Ihre verkürzte Ausbildung zwei Jahre, dabei entsteht ein anderer Mensch, ein Buchhändler.“
Bisher schrieb der Ehemann, Wolfgang Heerdt, die Artikel fürs örtliche Werbeblättchen. Dieses Mal wichste ich den Stiefel, nach Rots Briefing. Ich machte mir einen Spaß daraus, möglichst viele von den Worthülsen zu verwenden, die mir bei der Werbeagentur ständig vorgesetzt wurden, nachdem eine Faxkonferenz mit dem Auftraggeber meine eigenen Ideen abgeschossen hatte. Tenor: „Die Buchhandlung Rot in unserer idyllischen Fachwerkstadt Sulzbach ist ein tolles Team. Unser Team arbeitet für die starke gemeinsame Vision.“ Die Vision wurde von Magali Rot gefunden. Nicht um Belletristik und seichte Ferienlektüre ist es zu tun, sondern um Zen, Weisheit der Tibeter, Feng Shui, Yoga, Teezeremonie, Naturmedizin, Ayurveda, Bach-Blüten, Meditation, Bergkristall, Schildkröten und um den „Segen, den ich über den Laden hänge. Man muss da nicht dran glauben. Aber es wirkt.“ Diese Worte fielen im Hinblick auf theoretisch vorstellbare nächtliche Einbrecher. Obwohl fast in der Ortsmitte, liegen wir an einem leeren Platz, außerhalb der Geschäftszeiten, karg beleuchtet, Fußgänger laufen nächtlich nur oben drüber und schauen nicht herab.
Das Zauberwort dieser Rot lautet „Projekt“.
„Heute Nachmittag müssen die Fenster in Brettheim geputzt werden. Das ist dann Ihr nächstes Projekt.“
Es fällt so viel Arbeit an, dass sie doppeltes Personal einstellen könnte. Was sie wegen den Finanzen nicht kann. Oder nicht will. Neulich Überweisungsformular zur Bank gebracht. Von Konto Buchhandlung an Magali Rot, Sulzbach, privat, 36.000 Euro, Verwendungszweck: „Reserve“. Ich für meinen Teil, erstes Ausbildungsjahr, verdiene pro Monat jetzt 500 Euro, weniger als ich vorher vom Arbeitsamt bekam, dazu jedoch die Rot'schen 50 Euro Fahrtkosten. Von dieser einmaligen Reserve kann sie mich noch fünfeinhalb Jahre halten. Verwechsle aber nicht „Reserve“ mit „Gehalt“! Das wird per Dauerauftrag erledigt. „Für dieses Jahr hab ich mein Gehalt auf ein Drittel runterkürzen müssen.“ (Es ist das Jahr ihrer Geschäftseröffnung in Brettheim.) Ein anderes Mal ist sie dann angenehm überrascht: „Oh, da hab ich mich geirrt, ich hab doch gesagt, der Mai und der Juni sind so schlecht gewesen. Aber die waren höher als letztes Jahr. Und letztes Jahr war der größte Gewinn von allen neunzehn Jahren zusammen.“
Ich durchschaute zuerst nicht die nach außen gespielte Rolle eines verhuschten, goldig guten Frauelchens, eines kraus ergrauten schwäbischen Milchmädchens. In Wahrheit versteht die Rot von Büchern eher wenig. Ihre Kundengespräche sind geschickt. Der Kunde merkt nicht, dass sie das Buch, das sie anpreist, nie gelesen hat. Allerdings ich, der es ebenso wenig las, bemerke es.
Unsere Kunden laufen als Nebenbei-Ereignisse so mit. Ein paar nette Worte, dann ist man sie hoffentlich wieder los. Man muss noch arbeiten! Wir als Buchhändler können uns nicht erlauben, auch nur zwei Minuten des Tages in eine dieser stetig hereinflutenden neuen Erscheinungen hinein zu lesen. Dazu ist Zeit nicht vorhanden. Heute habe ich von 8.20 Uhr bis 12.30 Uhr eine, von 14.00 Uhr bis 18.22 Uhr keine Zigarette geraucht. Ich hatte viel zu tun, ich war in der Filiale Brettheim allein. Wie schaffen es Leute jede Woche, fünf Tage am Stück, achteinhalb Stunden ohne Pause konzentriert zu bleiben? Sie macht sich morgens immer eine Kanne Tee, den ich auf ihre Einladung hin ablehnte, ich hätte vorhin erst Kaffee getrunken. „Da ist eine Maschine und Geschirr. Bringen Sie sich doch eine Packung mit!“, sprach sie und es fiel ihr nie auf, dass diese Packung nie angeschnitten wurde. Die Zeit war nicht da. Sie verübelt mir, dass ich bisweilen draußen auf dem Platz stehe und rauche. Es würde unschön aussehen für die Kunden. Sie packte allerdings nach der Gelegenheit und rechnete zusammen, wie viele Zigaretten am Sulzbacher Tag es in etwa werden und pappte diese Zeit am Ende des Tags an meine acht Arbeitsstunden dran, damit sie einen hat, der ihr die Angebotskisten hinein trägt, was immer erst ganz zum Schluss geht, weil die den Weg zur Kasse verstellen.
Die Kundin weiß nicht, dass sie sich im Reich einer speziellen Spiritualität aufhält. Sie sucht „etwas, das man einer Elfjährigen schenken kann“, den Polyglott-Reiseführer über Sachsen, das Trost- und Erbauungsbüchlein für einen Krankenbesuch, „Ich wünsche dir ... Glück für alle Tage“ aus dem Kreuz- (ev.) oder aber Herder- (kath.) -Verlag.
Sollte es je kommen, dass es mich nicht Tag um Tag fertig macht, wird es mich irgendwann langweilen und anöden. Kisten auspacken, Listen abstreichen, Nettopreise zusammenzählen, Müttern schöne Bilderbücher ans Herz drücken. Was soll toll sein daran? Magali Rot: „Wenn's mir hier ums Geld ginge, würde ich das nicht lange durchhalten, jede Woche 70 Stunden, kein Urlaub dieses Jahr. Darum spreche ich von der Vision. Man muss was haben, an das man glaubt. Das hier!“ Ihr Finger zeigt hinüber zum Esoterik-, Engel-, Mond-, Heilstein-, Trost-. Psycho-Regal, gezimmert vom Ehemann, der hier einst Auszubildender war, vorher aber schon Schreiner. Er ist paar Jahre jünger als sie. Ich auch.
Die Rot hatte schon mal ihren Zusammenbruch; der nächste scheint mir gewiss. Selbst weist sie Züge auf, die sie an anderen nicht ertragen kann. Sie hört nie genau zu, vergisst ständig was, stellt Tassen weg, legt Schlüssel ab, findet sie den ganzen Tag nicht mehr, streunt durchs Geschäft, verloren, verzweifelt. Autistische Ansätze. Dürfte als Greisin zum Abwinken werden. Jetzt schon hörbehindert, was sie liebevoll kultiviert. Immer, wenn sie was nicht hören will, war das Gerät abgeschaltet oder nicht dabei. Was sie hören will, das hört sie alles. Wenn man, unter der Vorgabe, sie habe es noch nicht verstanden, etwas wiederholen will, unterbricht sie einen rüde, damit klar wird, sie wird es beim zweiten und dritten Mal immer noch nicht hören.
Kollegin Tietze-Kellein hat in Brettheim am Freitagmorgen 50 Euro umgesetzt, ich am Nachmittag 300 Euro. Betrieb nonstop. Mütter wollten Büchle für die Schultüten ihrer Erstklässler. In reicher Auswahl vorbestellt und liebevoll aufgestellt von Frau Magali Rot.
Bis knapp vor Weihnachten will sie unser Brettheimer Geschehen auf 500 Euro täglich hoch schaukeln. An einem einzigen Tag sind 500 Euro Umsatz sogar schon mal erreicht worden. Bei besagtem 300-Euro-Umsatz am Nachmittag, nach der in Brettheim leider bis 15 Uhr dauernden Mittagspause, leider, weil dafür bis halb sieben offen ist, ich es folglich vor 19 Uhr nicht zum Bahnhof schaffe, gaben Käufer die Klinke sich in die Hand. Sozusagen, denn es ist gar keine Klinke dort. Ich konnte nicht eine meiner mir streng untersagten Zigaretten rauchen. Hinterm Haus, auf dem Parkplatz, wobei der Laden so lange unbeaufsichtigt ist, Kamera haben wir nicht. Aber einen gemeinsamen Eingangsbereich mit dem Biogemüseladen, dessen Pächter immer mal rüber schauen kann. Ein Freund von ihnen. Er raucht aber auch, Biozigaretten vermutlich, ebenfalls hinterm Haus. Er ist auch allein in seinem Geschäft, aber der Boss und ich nicht.
„Sie müssen lernen, sich Ziele zu stecken und in der Ihnen zur Verfügung stehenden Zeit dann auch zu erreichen."
Wer hätte geträumt, dass eine Buchhandlung ein so kompliziertes Institut ist! Dazu das ewige U-Boot-Gefühl. Überall findet man sich fehl am Platze, steht der Chefin im Weg. Da sieht man ihr zwei Minuten zu, wie sie noch telefoniert oder bibliografiert, während man was fragen möchte. Aber hatte sie einen nicht kürzlich aufs Projekt angesetzt? Und da steht man einfach neben ihr, schaut nur so, tut nichts. Rote Frau meiner Albträume. Letzten Freitag im Unterricht (vor der Ladenöffnung) führte sie mir sechs Karteikästen vor, alle mit jeweils zwei Alphabeten darin, und dann, nach dem Wochenende, verlangt sie, dass ich sagen soll, welches Alphabet aus welchem Grund eingerichtet wurde. Das vorne im Kasten und das im Kasten hinten. Überall geht es nach System bei uns.
„Sie müssen sich das aufschreiben, es am Abend dann gleich memorieren! Es muss reichen, wenn ich es Ihnen einmal, aber dafür gut erklärt habe. Für den Rest sind Sie verantwortlich. Sie haben studiert, Sie können sich Dinge erarbeiten.“
Hier ein kurzer Gang durch essenzielles Wissen (Variante Brettheim).
Das eine Kästchen, wo die Bestellnotizen vom jeweiligen Tage drin abgelegt werden. Um 17.30 Uhr gibt man sie übers schnurlose Telefon zur Firma Umbreit durch.
In Brettheim allerdings liegt ein Handy der Rot. Da man selbst kein Handy hat, muss man lernen, wie das Rot'sche geht. Wo da drin die Umbreit-Nummer ist. Die Stelle an der Wand, wo der Zettel hängt, auf den man schaut, damit man vor allem anderen unsere Kundennummer nennen kann.
Dann das zweite Kästchen, in welches die erledigten Bestellvorgänge abgelegt werden.
Nehmen wir an, es stehen gleich drei Titel auf einem einzigen Zettel und der Grossist Umbreit führt nur zwei davon. Häkchen, Ausstreichen, Fehlendes einkringeln.
Auch hängt ein Zettel mit der Telefonnummer des Marktführers KNOe irgendwo und auch die Kundenummer für dort. KNOe aber unbedingt vor sechs anrufen, sonst geht bei denen nichts mehr.
Wenn dann weder KNOe noch Umbreit das Buch liefern können, was tun mit dem Bestellzettel, wie weiter?
Das vierte Kästchen. Was soll das sein, wieso sind zwei Alphabete drin?
Die Kasse. Man tippt manchmal den falschen Preis ein. Und dann?
Nein, das ist kein Storno! Aber wo wir dabei sind, was ist denn ein Storno? Muss man den Storno aufschreiben und wieso?
Der ec-Apparillo, auf den man oft lange wartet, wohin nur mit seinen Belegen?
Welche Rettung gibt es, wenn die ec-Kasse nicht korrekt bucht?
Verlagsbestellungen, Sie wissen, verlangen nach der Fax-Bestellung. Wissen Sie auch, wo das Formular dafür liegt?
Haben Sie eigentlich je schon mal was gefaxt und warum nicht?
Aber um Himmels Willen! Die Verlagsbestellungen von Brettheim dürfen Sie nicht faxen! Bloß weil Sie das von Sulzbach her so kennen! Die müssen Sie nach Sulzbach mitnehmen. Es gibt Gründe und die sind Ihnen bekannt.
Seien wir ehrlich, geben wir es zu, Hexenwerk ist das nicht, Lernsache wie alles im Leben, man wird sich dran gewöhnen. Frau Rot hat es vor erst zwei Wochen erklärt. Oder wollen Sie sich auf einmal nicht mehr erinnern?
Wir stehen in Brettheim, nachmittags, wo es Lücken gibt im Kundenablauf. Rot ist heute Nachmittag mit mir gekommen, hat ihre Ordner in der Basttasche, hat sie auf den großen Tisch gebreitet, hat mich im Auto gebracht, was flotter geht als der Bus. Jetzt ein wenig Unterricht abhören. Ihr gefasster Blick. „Denken Sie heut Abend in Ruhe noch mal drüber nach! Das ist alles logisch. Sie haben mitgeschrieben.“ Auf einmal knallt in mir eine Sicherung, ich fühle es genau, ich will sie am Hals packen, über den Tisch heben; schütteln, schlottern, klappern, bis die Scheiße fällt. Auf Leitz-Ordner voller abgehefteter Verlagsrechnungen, deren Summen ich nachher mit dem Taschenrechner noch mal addieren werde. „Ach, ist das bei Ihnen so? Wenn Sie eine Rechnung geschickt bekommen, gehen Sie davon aus, dass die das schon alles richtig gemacht haben?“
Allerdings kommen Kunden herein. Ich muss auf einmal genau das können, was ich vorhin nicht mehr wusste. Schweigend steht sie daneben, lässt kein Wort heraus. Das hier ist ihr Unternehmen, es geht um ihr Geld, aber sie hilft nicht, die Vision besteht auf meiner Erziehung, das Projekt wünscht für die Zukunft einen neuen Menschen. Das geht hier vor. Ich: „Ich habe da eine Blockade. Da geht gar nichts mehr. So kann ich nicht lernen. Ich hab eigentlich noch nie übers Auswendiglernen was gelernt. Ich glaube, ich lerne mehr über Versuch und Irrtum.“ Anschließend fährt sie wieder zurück nach Sulzbach, lässt die Rechnungen hier. Morgen reden wir weiter. Am nächsten Tag in Sulzbach sagt sie, diesen Freitag setzen wir unsere Unterrichtsstunden aus, unterhalten uns grundsätzlich, was mit der Kommunikation los ist.
Frau Rots Meta-Gespräch ist „konstruktiv“. Wiederholungen könne sie sich nicht leisten. „Wenn ich jemand haben wollte, dem ich alles fünf Mal erkläre, könnte ich ein Mädchen von der Schule nehmen.“ Sie rät zu Gelassenheit und innerer Entspannung. Es sei ein bisschen viel gewesen. Ich bräuchte etwas Abstand. Ich wäre ein Mensch mit „kreativer“, nicht „regelmäßiger“ Hirnstruktur. Sie selbst dagegen regelmäßig. Für sie sind das die interessanteren Menschen. Ihre Tochter Madeline ist auch eine.
Magali Rot analysiert unsere Unterschiede und entdeckt den Antagonismus von zwei Alternativen. (Ich sehe es zwar nicht so, sie aber.) Ginge es hier nach der ihr eigenen Hirnstruktur, würde ich vor Öffnung des Ladens täglich eine Stunde früher kommen, sie, während sie ihren Tee aufgösse im fensterlosen Kämmerchen unter der oben durchlaufenden Straße, würde Stück für Stück des in Jahren aufgezeichneten Erfahrungsschatzes vortragen, ich würde es mir aufschreiben, danach dann auswendig lernen, muss nicht gleich abends sein, kann am Wochenende sein. Ich dagegen bin dieser kreative, chaotische Hirntyp; Systematik beißt sich mit meiner mentalen Anordnung. Sie muss es mich selbst herausfinden lassen, indem ich probiere und Fehler mache. Sie hat das jetzt verstanden. Grundsätzlich ist kein Weg besser als der andere; es muss immer zum Mensch auch passen. (Strahlendes Lächeln auf dem früh verweißten Köpfchen.)
Mein Bruder: „Frage sie einfach immer gleich, wenn du was nicht weißt.“ Magali Rot jedoch weiß dann, ob sie diese Frage schon mal beantwortet hat, und hat sie, so beantwortet sie nicht. Sie hat ihre Prinzipien. Im Falle des Falschgeldprüfers weiß sie sicher, dass sie mir den schon gezeigt hat. Ebenso genau weiß ich, dass das nicht sein kann, denn das Gerät wurde von ihrem Mann hängend in die schmale Spalte neben der Kassentheke hinein geschraubt. Dass es diese Spalte überhaupt gibt, bemerke ich gerade zum ersten Mal. Ich hätte die Funktionsweise des Geldscheinprüfers womöglich vergessen, aber nicht, dass man ihn an eine selbst gezimmerte hölzerne Seitenwand geschraubt hat! Ein Freund schaut sich die Internetfotos unserer Buchhandlung an und amüsiert sich über das, was er „dieses putzige skandinavische Design“ nennt.
In den folgenden Wochen spielt sie gern aufs große Meta an. Wenn ich etwas nicht beherrsche: „Aha. Lernen durch Fehler! Da schauen Sie jetzt, wie Sie auf die Lösung kommen!“
Schließlich führen wir unseren Unterricht am Freitagmorgen wieder ein. Samstags arbeiten muss ich fast nie. Das wären Überstunden, die sie mir irgendwie zu vergelten hätte. Jedoch, so sagt sie, würden bis ins nächste Jahr genug Überstunden für Urlaub anfallen. Und sich von Geld zu trennen, fällt ihr irgendwie nicht so leicht. Die Samstage in Brettheim macht meistens der Heerdt, sie derweil in Sulzbach, Kerngeschäft. Ein paar Mal soll ich doch noch raus, mit dem Ehemann. Wolfgang Heerdt macht diese eine Kassette mit den Klaviersonaten an (Mozart? Oder eher davor noch?). Und auch ein italienisches Barock-Oboensextett. Für mich klingt das alles wie Gedudel. Simple, ganz leise gedrehte Musik für einfältige Geister.
Helmut Hassfurth vom Stuttgarter Wandertreff lernte sie irgendwann und irgendwo auch kennen. Er hat sie sympathisch in Erinnerung. Als ich mit einem Sonnenbrand von einer Sonntagswanderung zurückkehre, ist sie, obwohl ich irgendwelche Wanderungen und von mir ausgesuchte Strecken erwähnt hatte und Kunden beim Kauf von Wanderkarten beraten habe, überrascht: „Ach, Sie gehen ja auch wandern? Ich doch auch! Das ist ein großes Hobby von mir; ich muss wohl sagen, war.“ Ich weiß, sie hat das öfter gesagt. Im Honigmond ihrer Liebe, als die Tochter noch nicht geboren war, ist sie mit dem Wolfgang durchs schottische Hochland gestiefelt, hat sogar im Freien übernachtet. Magali erinnert sich nicht mehr daran, dass sie mir das schon mal erzählt hat. „Wir sind zwei Wochen durch die Highlands gewandert. Nur mit dem Allerwichtigsten im Rucksack.“ Wahrscheinlich nicht mal „Siddharta“.
War nicht die Rede von „unseren vielen Freunde“? Heute: „Wenn ich mich mit jemandem außerhalb meiner Familie austauschen will, muss ich das hier in der Buchhandlung tun. Sonst habe ich nämlich nie Zeit für das.“ Versteht sich, dass ich und Olaf Steller keine Privatgespräche während der Arbeit führen. Es ginge von der Zeit, also ihrem Geld weg. Rots Blick, als Tochter Madeline versucht, mich über meinen Bauch und eventuelle Abendbeschäftigungen zu löchern.
Der Fall, dass ein untersetzter Enddreißiger, Handwerkertyp, in Begleitung eines unübersehbar Heterosexuellen das Lokal betritt, fragt, ob wir Bücher zu Homosexualität haben (natürlich nicht, aber können wir bestellen), ist so unerwartet wie einmalig. Längere Zeit sucht die Chefin im Computer, vergebens. Ich schweige stille, oft genug hat sie mich hinterher zusammengestaucht, wenn ich in ihre Kundenkontakte eingegriffen und den Wissenden rausgehängt habe. Da fällt ihr was ein. Sie tippt „Schul/na/und“, das ergibt „0 Treffer“. Ich rufe: „Schwwwul, na und!“ und dieses eine Mal nörgelt sie nicht, weil ich dazwischen gefunkt habe. Nach der Kündigung wird im Zeugnis, in das sie ein paar kleine Gemeinheiten eingestreut hat, stehen: „mit seiner ausgezeichneten Titelkenntnis“.
Buchlaufkarten sind die kleinen gelben Zettel, die in den Büchern liegen. Wenn du ein Buch kaufst, sie immer noch drin ist, hat dein Buchhändler einen Fehler gemacht. So wie ich. Für Brettheim werden immer zwei identische Karten angefertigt, von Hand, mit Kugelschreiber. Eine kommt mitsamt dem Buch nach Brettheim, die zweite in ein Kästchen mit Alphabeten. Wo jedoch jede Sekunde Geld kostet, schreibt man die gleichlautenden Karten nicht nacheinander, sondern einmal, durch eine Lage Pauspapier hindurch. Ohne Böses zu denken, stecke ich die Originale in die Brettheimer Bücher. Magali Rot erschrickt: „Hach, jetzt haben Sie überall die Falschen genommen!“ Ich: „Ist es denn irgendwie wichtig, es steht genau dasselbe drauf?“ Sie, am Rande der Depression: „Aber ja! Sie haben unser System durchbrochen!“
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.02.2026.
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