Egbert Schmitt

... über Dichtungen, Dübel und digitale Dauererregung !



Lesedauer: acht kurzweilige Minuten.

(Bitte beachten Sie im besonderen auch Hans Reiters (Funky) Ausführungen zu diesem gemeinsamen Thema, die ich ihnen ebenfalls ans Herz lege).

ES beginnt ja immer harmlos

Ein geplatzter Fahrradreifen. Ein tropfender Wasserhahn. Eine quietschende Küchentür.

Früher - so erzählt man sich das am Lagerfeuer der Boomer - griff man beherzt zum Werkzeug.

Heute greift man zum Smartphone, als junger Mensch und läßt sich virtuell helfen. 

Ergoogeln genannt: Was dies bedeutet, heißt - urgentiertest - in Österreich, in deren Amtssprache ... !

Wenn man handwerkliche Fähigkeiten verliert, die neue Skill-Berufe dringend bräuchten.

Früher konnte das jeder“, heißt es dann, - anstehende Angelegenheiten - dringlich zu beschleunigen.

Erinnere mich an meinen Großvater in Oberbayern, grenznah zum Ösiland. Der konnte alles. Also behauptete er zumindest. 

Der SW-Fernseher lief nie richtig, aber er empfing zweitdialektig unter Zimmerantennen-Aufsicht.

Halt’s soNet bewegen !“ - wie er mit Draht, Isolierband und schierer Sturheit Dinge am Leben hielt, wo andere längst aufgegeben hätten. Halb Mensch, halb Sendemast.

Selektive Erinnerung ist eine wunderbare Erfindung. Man erinnert sich an das, was man mal konnte oder musste.

Pflastersteine verlegen, zum Beispiel, weil Nachkriegsdeutschland es erforderte, statt Dampflokomotiven zu bedienen, mit einem zerschossenen Bein ... während die ...

Vier Frauen zuhause, alle linke Hände hatten, wie meine Mutter, die einen Hammer, eine stumpfe Kleinsäge, ne' Rostzange und einen Holzdreher mit in die Ehe einbrachte ... 

Zu der Schieb'lehre meines Vater, aus dessen Lehrzeit, sich's zum Konglomerat dazugesellte.

Allesamt und sonders wir über 70 Jahre ausreichend damit zurechtkamen, weil mein Erzeuger die Auffassung hatte ...

Es gibt Leut', die ham suwos g'lernt ... und deshalb auch kein Auto fuhr, weil wenn 'iich Mercedes fohr'n will, b'stell ich mir a Taxi, oder nen' Installatör mit Garantie.

Schlecht für mich. Dies waren meine mager-vererbten unhandwerklichen Soft-Kills.

Wie später Bedienungsanleitungen an Heiligabend genervt zu urgentieren, während die Klein-Beschenkten weinend auf Funktionalität pochten ...

Da Anleitungen in Süddeutsch oder passende Batterien fehlten - wenn Spielzeug nicht mehr nur aus Bauklötzchen bestand.

Als Jungmann hattest du von Weihnachten oft nichts außer Undank, sollte es später quantentechnisch nicht klappen und sich herausstellt, dass du offenbar nur grundgesichert geheiratet wurdest ... um ...

Das zu bewerkstelligen, wozu gewisse lustlose Damen des Hauses, wie Schwie- und andere Mütter sowie meine Jetzige, sich technisch seit Äonen kollektiv verleugneten.

Wir reden hier von Kompetenzverschiebungen. Nicht von Verlust. Von Delegation !

Ich halte das für eine Fehlzündung im Diskursmotor. Es ist keine Auslöschung von Fähigkeiten, es ist eine Umlagerung. 

Wenn Dinge nerven, die als unfeminin gelten, werden sie mit bemerkenswerter Konstanz an den männlichen Partner durchgereicht. 

Mit vereinzelten Ausnahmen !?!

Meine in allem gut ausstaffierte Victorinox-Jugendliebe, angehende Ingeniörin der Feinwerktechnik, traf ich nach über drei Jahrzehnten zufällig in einem Café wieder. 

Lang unterhaltend ...  ich - kurzzeitig - in der Badkeramik verweilend, hatte Sie klammheimlich mein Oma-Lastenrad  verkehrstechnisch gepimpt. 

Ich bemerkte es erst spät nachts:

Der Handseilzug funktionierte. Alle lockeren Schrauben waren (doppeldeutig) festgezogen. Musste somit bergab nicht mehr zusätzlich mit den Füßen bremsen.

Vielleicht hat sie mich dunemals verlassen, weil ich auch hier analog schwächelte - nicht nur finanziell, als Schrifthandwerker.

Ich glaubte lange, sie brauchte ein Bündel aus Sportlichkeit, Humor, Intellekt, handwerklicher Souveränität, alles in einem finanzgesicherten Lehrer mit ererbten Häuschen auf dem Land.

Wie bei Zeitarbeits-Tristessen, wo du mit 86% Opti-Skills trotzdem durch deren Poolraster fällst, oder überqualifiziert bist, weil du nicht in Frauen-Teams passt, zum domestizieren.

Dies Hanny & Nanny Ponnyhof-Idealbild, sauber montiert wie aus einem Bilderbuch oder Prospekt. Vielleicht war das aber weniger Wunsch als mein Konstrukt, wo Sie allesamt ...

Weiterhin ihren Hopehope-Reiter Halbtags-Neigungen nachgehen können und nicht wie in hart arbeiteten Ganztags-Beziehungen aufzugehen, wie ein Hefeküchlein, spätestens im Klimakterium.

Progredient ist hier fortschreitend - und zwar in beide Richtungen. Das reine haptische Handwerk, aus dem ich als Bleisetzer kam, verlagerte sich auch kontinuierlich ins Digitale.

Früher wusste man, wie man den Vergaser einer meiner Oldtimer instandsetzt. Heute weiß ich, wie man theoretisch fremdelnde Betriebssysteme zurücksetzt, weil ich Sohn Nr.1- WhatsLos-Vadder - konsultiere.

Beides ist eine Form von Zauberei. Nur riecht das eine nach Öl und das andere nach Lithium.

Mir ist klar, weshalb gerade Fahranfänger ihren Führerschein an die Wand fahren. Sie sind seit ihrer Kindheit am GranTurismo-Simulator unterwegs gewesen, hatten aber nie bei ihren Eltern beim Einparken aufgeschaut.

Das eigentliche Problem liegt woanders.

Nicht am unpassenden Schraubendreher, sondern in der fehlenden Fehlerfreude. 
Wir haben eine Kultur entwickelt, in der Austesten oder mitunter Kaputtmachen als moralisches Versagen gilt. 

Lass mal lieber“, sagt man dem Kind im Manne. „Ich mach das schnell selbst“, bis ich das dir erst erklär', so wie dies meine ehemalige Verlobte ano'79 formulierte.

Zackeine Generation später steht jemand ratlos vor einem tropfenden Hahn und hält es für höhere Physik. Dabei ist es nur eine Dichtung und ein bisschen intrinsischer Mut.

Ich selbst stamme, wie beschrieben, aus einem Musikerhaushalt mit Fußstapfen ins Typographische, nicht aus einem Handwerkerstammbaum.

Gestrig beim improvisierten Anbringen eines überteuerten Hightech-Toilettendeckels zum Wellness-Brunsen mit Absenk-Automatik stoße ich sprachdebil an meine persönliche Schimpfwort-Grenze.

Dies Objekt - rein ihrer Begierde -, das in seiner Online-Produktbeschreibung für meine Angegraute klang wie ein Manifest technischer Humanität:

Soft-Close-Dynamik. Ergonomisch optimierte Sitzarchitektur. Geräuschminimierte Kakophonie-Fallbeschleunigung.

In Wahrheit aber über zwei Plastikdübel verfügte, deren Bohrloch-Abstände offenbar auf einem anderen Kontinent normiert wurden.

Wenn ehe-weibliche Personen des reduzierten Haushalts - nennen wir es Innovationsfreude - wiederholt Murxer-Dinge erwerben ...

Deren Montage ausschließlich aus kryptischen Piktogrammen besteht, dann steht der alte 68iger-Gatte dämlack-da.

Der Gatte, der sich technischer Redakteur schimpfte, ist zertifiziert. - Der zeitlebens fremde Anleitungen optimierte. 

Welcher komplexe Maschinen- und Steuerberater-Software verständlich auf Bierfilzen erklärte ... und dann ...

An einer asymmetrischen Keramikaufnahme scheitert, da keine DINorm verbaut wurde.

Jene Absenk-Automatik, das muss man anerkennen, ist so gesehen, eine mechanische Ehemetapher:

Sie verspricht Sanftheit, kontrollierte Geschwindigkeit und lautlose Konfliktvermeidung.

Doch wehe, man zieht die Schrauben einen halben Millimeter zu fest. Dann kippt das Gleichgewicht. Dann sitzt der Deckel schief.

Dann offenbart sich, dass Soft-Close nur funktioniert, wenn die Achse stimmt (siehe Schlussbild).

Zu locker - er wackelt. Zu fest - er blockiert. Zu wenig Geduld - er knallt doch.

Improvisation ist hier kein Launenstreich. Improvisation ist geübte Aufmerksamkeit. Feingefühl im Newton-Bereich ... und ...

Wer einmal Jazz wirklich gehört hat, weiß das. Keine Note ist falsch - sie ist ein Vorschlag. Freiheit im Takt der Rücksicht.

Man hört dem anderen zu. Wartet. Nimmt sich zurück.

Das wäre eine hübsche Gesellschaftsordnung: weniger Erklärungs-Tourette, mehr Synkope. 

Keine Ehefessel, die beim Klo-Verfugen zusieht und marginale Mängel fotodokumentiert, um sie dir WLAN-isiert nächtens um 2.37 Ortszeit ungefragt zukommen zu lassen.

Stattdessen, oder so - leben wir im Dauer-Optimierungsmodus. Immer steht einer mit einem imaginären Klemmbrett daneben.

Selbst beim Seepferdchen-Schwimmkurs !

Eigentlich geht es nur darum, dass dein Sohn später am Baggersee nicht absäuft, während du deiner Frau den dritten Kaffee vom Kiosk kredenzt.

Aber selbst dort gibt es Abzeichen, Nachweise, Leistungsraster. Frühkindliche Zertifizierung der Überlebensfähigkeit.

Wir können nicht einmal schwimmen lernen, ohne es dokumentieren zu müssen.

Während wir dokumentieren, verlieren wir die Aufmerksamkeit. Wir outsourcen nicht nur das Handwerk. Wir entlagern die Erfahrung.

Unsere Gesellschaft wird von einer Dauerflut digitaler Reize durchspült. Push-Nachrichten, Feeds, Endlosschleifen. 

Ein Überangebot an Information, das paradoxerweise die Fähigkeit untergräbt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. 

Nicht, weil wir weniger könnten, sondern weil Aufmerksamkeit zur Ware geworden ist.

Das ist keine Medienfrage. Das ist eine Lebensfrage, wenn jeder Reiz sofort beantwortet werden will, bleibt kein Raum für das geduldige Scheitern an (oh) nur Schreck-Schrauben. 

Die permanente Benachrichtigung erzeugt eine feine Erschöpfung. Zerstreuung wird zum Normalzustand.

So wundern wir uns, dass uns schon der Gedanke an eine Spülkasten-Dichtung schier überfordert. - Mich schlaflos eingeschlossen, auch außerhalb von Seattle.

Mein Onkel, 1965 als Schreiner, ließ mich als ich kundtat, das mir fad' sei, mit acht Lenzen den Gartenzaun meiner Oma reparieren ...

Als Flucht von seinen - wir spielen Papa-Mamma-Kind - Cousinen der jüngeren Bauart.

Ich war dankbar entzückt von meiner eigenen Lernkurve ... wie ...

Erst auf die Spitze des Nagels schlagen, damit das Holz nicht splittert. Ohne Tutorial. Ohne Applaus.

Heute wäre das ein TikTock-Kurzvideo mit dramatischer Musik.

Wie man einen passenden Pinsel mit Farbe tropffrei hält, ohne die Nebenteile dafür extra abzukleben ... dann ...

Fühlte ich mich wie der ESC der Katholiken bei der Papstwahl: weißer Rauch, Habemus-Tutorial. Candidatus duodecim puncta habet.

Vielleicht ist das der Kern digitaler Pudel's:

Wir haben keine Zeit mehr, Dinge schlecht zu machen, bevor wir auf Kunden losgelassen werden. Keinen Raum für dilettantische Würde.

Eventuell sollten wir wieder anfangen, uns schmutzig zu machen. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Neugier.

Wenn der Toilettendeckel schief sitzt, dann sitzt er eben schief, weil wir haben ihn selbst montiert, auch wenn das Weib insistiert.

Vivat amicitia nostra. Zwischen Generationen. Zwischen Lebensabschnitts-Gefährten und ehemaligen Bratkartoffel-Verhältnissen.

Zwischen Schraubenschlüssel und Smartphone. Zwischen Improvisation und Curriculum.

Wenn es wieder erwartend tropft, greifen wir vielleicht nicht sofort zum Telefon.

Sondern erst einmal zum Mut ... und ...

Schicken diesmal die jeweilige Frau an ihrer Seite ins Tiefparterre, zum vererbten Industriekultur-Werkzeug mit Patina.

Bild zu ... über Dichtungen, Dübel und digitale Dauererregung !

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.02.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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