Wo sucht man nach den eigenen Wurzeln, wenn man rein gar nichts von der Familie des Vaters weiß und sich im eigenen zuhause fremd fühlt?
Es ist das Schicksal einer Frau, die mit 14 Jahren, eine Ausbildung in einem Geschäft begann. Kunden kamen, Kunden gingen. Einige, aber nicht alle, kannte sie mit Namen. Oft füllte die Chefin die Wissenslücken des Lehrmädchens, sobald die Kundschaft den Laden verlassen hatte: „Das war Frau Ludewig“ oder „das war die Frau von Lehrer so und so.“ Nachdem das Mädchen wieder einmal eine Dame bedient hatte, kam – wie so oft- die Frage:“ Weißt Du wer das war?“
„Nein“, lautete die knappe, schüchterne Antwort.
„Das war Deine Oma. Die Mutter Deines Vaters.“
Wusste ihre Großmutter gar nichts von ihrer Existenz? Warum musste sie ihre Oma auf diese Art und Weise kennenlernen? Ihre Mutter wollte ihr die, vollkommen legitime, Frage nicht beantworten. Ihr Vater konnte es nicht, weil er die Stadt verlassen hatte. Mit dem „Wohin“ verhielt es sich ähnlich, wie mit dem „warum“. Er war weg.
Inzwischen gab, neben den 3 Geschwistern, noch 3 Halbschwestern. Sie hatten den militärischen Krieg überlebt, aber nach Frieden fühlte sich die Stimmung in ihrem Elternhaus nicht an. Die räumliche Enge, Geldnot und Spannungen ließen den Wunsch des Mädchens nicht ruhen: Ich muss hier raus. Und so packte sie eines Tages ihre Koffer und zog in eine hessische Kleinstadt.
Der Kontakt zu ihrer Familie reduzierte sich auf ein Minimum. Erst die Silberne Hochzeit ihrer Mutter mit dem Stiefvater bot, nach langer Zeit, Anlass für einen Besuch. Mit gestiegenem Alkoholkonsum lockerten sich die Stimmung und auch die Zungen und so kam es, dass ihr Stiefvater stolz zu dem Mann der, inzwischen erwachsenen Frau, sagte: „Du kannst froh sein, dass ich damals Deine Frau aus dem Haus geekelt habe, sonst hättest Du sie nie kennengelernt.“
Es waren Worte wie Peitschenhiebe, die den Wunsch, den leiblichen Vater wieder zu finden, neu erfachte. 40 Jahre nach dem letzten Treffen wurden die Bemühungen von ihr und ihrem Bruder belohnt. Der Vater lebte. Ein tränenreiches Telefongespräch löschte alle Zweifel. Es handelte sich um keine zufällige Namensgleichheit - es war ihr Vater.
Sie besuchte ihn und merkten schnell, dass seine Kinder aus 2. Ehe die Freude des Vaters nicht wirklich teilen konnten. Die Stimmung war insgesamt höflich, aber unterkühlt. Wen wundert es - eine Lücke von 40 Jahren in beide Leben ließ sich nicht an einem Nachmittag schließen.
Es war das letzte Wiedersehen zwischen Vater und Tochter.
Vieles, zu vieles blieb unausgesprochen. Wie geheime Botschaften, die in einem versiegelten Briefumschlag gehütet wurden, nahm der Vater sie mit ins Grab.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.02.2026.
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