Karin Guterding

Damenwahl

Ich war neu in München -  zu alt für die Disko und zu jung, um alleine zu Hause Wurzeln zu schlagen. Das Fernsehprogramm konnte, wie so oft, nur Wiederholungen anbieten und ich hatte das Gefühl, dass sich die Zimmerdecke immer weiter meinem Kopf näherte. Also „Nix wie raus !“ bevor sie mir auf den Schädel fiel.

Von Kollegen wusste ich von einem Tanzlokal mit   Damenwahl. „Soll ich?“ fragte ich mich. Und mein innerer Schweinehund antwortete prompt „Klar, sollst Du.“ Ich sprach mir Mut zu, machte mich schick und zog los. Vor der Tür angekommen holte ich nochmals tief Luft und betrat das gut besuchte Lokal. Um nicht unnötig Zeit mit der Suche nach einem Sitzplatz zu vergeuden, setzte ich mich an das Kopfende der Theke – einem wirklichen Logenplatz, um sich einen genauen Überblick zu verschaffen.

Die gespielte Musik war auch für Tanzanfänger und Bewegungslegastheniker geeignet, zu denen mindestens die Hälfte der Herren zählte, die sich auf der Tanzfläche aufhielten. „Macht nix“ dachte ich für mich. „Dann kann ich mich auch nicht blamieren“.  Das Problem war nur – es forderte mich niemand zum Tanzen auf.  Und dann kam die Durchsage des DJ’s mit dem magischen Wort „Damenwahl“.    Endlich. Ich hatte auch schon ein „Opfer“ im Visier, das ich mit diesem Zauberwort um einen Tanz bitten wollte. Dunkle, wellige Haare, markante Gesichtszüge – aus der Ferne hätte er problemlos Cary Grant doubeln können. Pech, dass es in dem Lokal zwar dunkel war, aber nicht dunkel genug, dass ihn nicht noch mindestens fünf andere Frauen „entdeckt“ hätten, die im Galopp zu seinem Tisch sprinteten. Diesen Sprint konnte ich nie und nimmer gewinnen, denn die Theke war einfach zu weit weg. Schade.

Enttäuscht von der Gesamtsituation beschloss ich mein Getränk auszutrinken, zu zahlen und nach Hause zu gehen, als mein Auserwählter sich neben mich, an die Theke setzte. Jetzt konnte er mir nicht mehr entwischen, dachte ich. Die ersehnte Durchsage „Damenwahl“ klang schöner wie jede Musik in meinen Ohren. Ich machte eine halbe Drehung nach links und fragte:“ Möchten Sie mit mir           tanzen?“  und erhielt eine Reaktion, wie ein Schlag ins Gesicht. Mit einem verzweifelten Blick zur Decke antwortete mein Gegenüber: „Nicht schon wieder!“. Bei so viel Situationskomik musste ich unwillkürlich laut lachen. Selbst die Versteckte Kamera hätte den Ablauf dieses Abends nicht besser inszenieren können.

Irritiert und fast entschuldigend erklärte mir mein „Auserwählter“, dass er nur die Begleitperson seines Kollegen wäre, und sich   an die Theke gesetzt hätte, um endlich seine Ruhe zu haben. Mir gefiel so viel Ehrlichkeit, und ihm, dass ich für sein Verhalten so viel Humor aufbringen konnte. Wir kamen ins Gespräch und unterhielten uns angeregt über die unterschiedlichsten Themen, bis sein Kollege kam, und darauf drängte, nach Hause gehen.

 Es war ein unvergesslicher Abend, den wir zwei Jahre später mit unserer Heirat besiegelt haben.

 

 

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