Istvan Hidy

Märtyrertod der Mullahregime

Man muss nicht jede Religion mögen, man muss sie auch nicht ehren – aber man muss sie akzeptieren.

Es gibt eine besonders gefährliche Form politischer Hybris: die Überzeugung, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Wer glaubt, im Namen Gottes zu handeln, hält Kompromisse für Verrat und Diplomatie für Schwäche. Genau daran ist das iranische Mullahregime letztlich zugrunde gegangen.

Der Schlag vom 28. Februar 2026, bei dem amerikanische und israelische Streitkräfte die Führung des Regimes trafen, wirkt deshalb wie das tragische Finale einer Ideologie, die den Tod seit Jahrzehnten romantisiert. Märtyrertum gehörte immer zum religiösen Pathos der Revolutionsführer. Nun haben sie ihren Märtyrer bekommen.

Doch wer die heutige Tragödie verstehen will, darf nicht so tun, als beginne die Geschichte erst mit den Mullahs.

Der Iran war nicht immer ein Gottesstaat. 1953 hatte das Land etwas, das im Nahen Osten damals fast exotisch war: eine junge, fragile Demokratie. Premierminister Mohammad Mossadegh versuchte, die Ressourcen seines Landes unter nationale Kontrolle zu bringen. Besonders das Öl, das jahrzehntelang unter britischer Dominanz stand, sollte den Iranern selbst gehören.

Das war für London und Washington offenbar zu viel Selbstbestimmung.

Unter dem Namen „Operation Ajax“ organisierten CIA und der britische Geheimdienst MI6 einen Staatsstreich. Politiker wurden bestochen, Medien manipuliert, Demonstrationen angeheizt, bis schließlich das Militär eingriff. Mossadegh wurde gestürzt, und der Schah erhielt wieder volle Macht.

Die iranische Demokratie starb nicht langsam.

Sie wurde von außen erwürgt.

Natürlich entschuldigt diese historische Schuld nicht die Verbrechen der Islamischen Republik. Das Mullahregime hat sein eigenes Volk brutal unterdrückt, Oppositionelle verfolgt, Frauen entrechtet und religiösen Fanatismus zur Staatsdoktrin erhoben. Wer auf den Straßen Irans protestierte, riskierte Folter oder den Tod.

Doch wer so tut, als beginne die Geschichte erst mit den Ajatollahs, erzählt nur die halbe Wahrheit.

Der Westen säte einst die Diktatur des Schahs – und wunderte sich später über die Revolution der Mullahs.

Aus dieser Revolution entstand ein Regime, das religiöse Ideologie mit geopolitischer Aggression verband. Über Jahrzehnte finanzierte Teheran militante Gruppen im Nahen Osten, drohte Israel offen mit Vernichtung und arbeitete gleichzeitig an einem Atomprogramm, dessen friedliche Absichten kaum jemand glaubte.

Während der Westen verhandelte, sank das Vertrauen immer tiefer. Und während Diplomaten über Verträge diskutierten, predigten die Hardliner in Teheran weiter den heiligen Kampf.

Es ist daher wenig überraschend, dass irgendwann jemand zurückschlägt.

Das Empörende an der aktuellen Situation ist nicht nur der Krieg. Empörend ist vor allem die moralische Selbstinszenierung jener Ideologen, die jahrzehntelang den Tod glorifiziert haben. Wer seine Politik auf Märtyrertum gründet, sollte sich nicht wundern, wenn sie irgendwann im Märtyrertod endet.

Doch hier liegt der eigentliche Kern des Problems – und zugleich die Lehre dieser Tragödie.

Religion ist kein Kriegsprogramm.

Man muss andere Religionen nicht lieben. Man muss sie nicht einmal bewundern. Aber man muss akzeptieren, dass andere Menschen anders glauben. Genau hier liegt der zivilisatorische Unterschied zwischen Glauben und Fanatismus.

Ein gläubiger Mensch kann überzeugt sein, dass seine Religion die richtige ist. Ein Fanatiker hingegen ist überzeugt, dass alle anderen verschwinden müssen.

Das iranische Regime hat über Jahrzehnte genau diese zweite Haltung kultiviert. Israel sollte verschwinden. Der Westen sollte gedemütigt werden. Die eigene Bevölkerung wurde brutal unterdrückt, wenn sie Freiheit verlangte.

Wer so denkt, betreibt keine Religion mehr.

Er betreibt Ideologie.

Der Tod des Revolutionsführers passt daher tragisch gut in dieses Weltbild. Märtyrertum war immer Teil der Propaganda. Nun hat das Regime seinen Märtyrer.

Aber Märtyrer lösen keine Probleme.

Sie hinterlassen nur Ruinen.

Die entscheidende Frage ist nun nicht, ob die Militärschläge gerechtfertigt waren – darüber werden Historiker noch lange streiten. Die eigentliche Frage lautet: Was kommt danach?

Freiheit lässt sich nicht herbeibomben. Sie kann nur von innen entstehen.

Das iranische Volk hat in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass es mutiger ist als seine Herrscher. Frauen ohne Kopftuch, Studenten auf den Straßen, Arbeiter im Streik – sie alle haben bewiesen, dass Iran weit mehr ist als seine Mullahs.

Vielleicht liegt darin die einzige Hoffnung dieser düsteren Geschichte: dass ein Regime, das den Tod verherrlichte, letztlich an seiner eigenen Ideologie zugrunde gegangen ist.

Und dass eines Tages ein Iran entstehen könnte, der eine einfache Wahrheit versteht:

Religion muss ein Glaube bleiben.

Sie darf aber niemals eine Waffe werden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.03.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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