Günter Weschke

Gefühle

Im kleinen Dorf am Rand eines stillen Waldes, wo morgens der Nebel wie ein zarter Schleier über den Wiesen lag, lebte eine junge Frau namens Leni. Sie arbeitete in einer winzigen Buchhandlung, deren Fenster immer mit frischen Blumen geschmückt war. Leni liebte Geschichten – doch insgeheim wartete sie darauf, dass ihr eigenes Leben endlich eine erzählte.

Eines regnerischen Nachmittags, als kaum jemand den Weg in den Laden fand, klingelte die Türglocke leise. Ein Mann trat ein, tropfnass, mit zerzausten Haaren und einem etwas verlorenen Blick. Er stellte sich als Elias vor und suchte „ein Buch, das sich wie ein Zuhause anfühlt“.

Leni lächelte. „Dann suchen Sie nicht nach einem Buch“, sagte sie sanft, „sondern nach einem Gefühl.“

Statt ihm sofort etwas zu geben, führte sie ihn durch die schmalen Regale. Sie erzählte ihm von Geschichten, die nach Sommer rochen, von Seiten, die sich wie warme Decken anfühlten, und von Figuren, die einem das Herz brachen – nur um es danach wieder liebevoll zusammenzusetzen.

Elias hörte ihr zu, als hätte er genau auf diese Worte gewartet.

Er kam am nächsten Tag wieder. Und am Tag darauf. Bald wurde es zur Gewohnheit: Er brachte Kaffee, sie wählte Bücher aus. Zwischen ihnen wuchs etwas, leise und vorsichtig – wie ein zarter Trieb im Frühling.

Eines Abends, als die Sonne golden durch die Fenster fiel, gestand Elias, dass er eigentlich nur wegen ihr zurückkam. Dass sich die Buchhandlung erst durch sie wie ein Zuhause anfühlte.

Leni wurde rot, so sehr, dass sie lachen musste. „Dann habe ich Ihnen ja genau das gegeben, was Sie gesucht haben“, flüsterte sie.

„Nicht ganz“, sagte er. „Ich habe mehr gefunden.“

Er nahm ihre Hand, und in diesem Moment war es, als würde die Welt um sie herum stillstehen. Kein Regen, kein Wind, keine Zeit – nur zwei Herzen, die sich endlich gefunden hatten.

Und so begann Lenis eigene Geschichte.
Keine, die in einem Buch stand –
aber eine, die schöner war als alle, die sie je gelesen hatte.

 

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