„sustineo ist das Prädikat, das habt ihr richtig erkannt. Und was heißt das?“ forderte Jule die beiden Jungs auf. Ihr Ton war in den vergangenen zehn Minuten deutlich schroffer geworden. In jeder Nachhilfestunde, und die nahm sie mit den Zwillingen ihrer Nachbarin immerhin schon seit einem halben Jahr freiwillig auf sich, war es unvermeidlich, dass sie den Zwölfjährigen immer wieder erklären musste, wie dramatisch sich fehlende Vokabelkenntnisse bei Übersetzungen auswirkten.
„ertragen?“, versuchte es Fabian vorsichtig.
„Ja und nein“, antwortete Jule und schämte sich ein bisschen, als sie das verständnislose Gesicht des Jungen sah. Keine Ironie bitte, das bringt nichts, ermahnte sie sich. Auch wenn es ihr in solchen Momenten eine gewisse Genugtuung verschaffte, für all das, was sie als Nachhilfelehrerin erdulden musste.
„Also: ja, weil die Übersetzung ertragen zunächst mal richtig ist. Aber nein, weil hier nicht sustinere steht, sondern sustineo“, erklärte Jule. „Wie lautet also die korrekte Übersetzung?“
„Ich ertrage“, rief Fabian.
„Prima! Und jetzt übersetzt Hannes bitte den ganzen Satz.“
„Ich ertrage die Ungerechtigkeit des Herrn“, kam zögerlich die Antwort.
„Das ist eine richtige Übersetzung, sehr gut, Hannes! sustinere kann aber auch andere Bedeutungen haben, wie ihr wissen solltet.“ Julia musste schmunzeln, als sie sah, wie es in den Köpfen der Jungs ratterte.
„Zum Beispiel kann es auch mit standhalten übersetzt werden“, half sie ihnen weiter. „Ändert das vielleicht etwas an der Aussage des Satzes?“
„Ich halte der Ungerechtigkeit des Herrn stand“, murmelte Hannes.
„Na ja“, mischte sich Fabian ein und grinste seinen Bruder an. „Irgendwie schon. Ich, also nicht ich, sondern der Sklave Syrus in dem Text, wäre dann ja weniger ‚Opfer‘, oder?“
„Genau, denn wenn er alles nur erträgt, ist er irgendwie ein Loser. Aber wenn er standhält, dann ist er irgendwie stark. Also hat der dominus, also ich meine der Herr, nicht so viel Macht über ihn“, pflichtete ihm Hannes bei und grinste zurück.
Jule war begeistert, es lohnte sich also doch, die vielen Stunden durchzustehen. Vielleicht könnte sie die Jungs mit ein paar Beispielen historischer Übersetzungsfehler beeindrucken? Zum Beispiel die in der Bibel oder im Koran.
„Übersetzungen können übrigens zu ziemlich großen Missverständnissen …“, setzte sie an.
„Und woher weiß ich dann, was die richtige Übersetzung ist?“, maulte Fabian dazwischen und vorbei war es mit Jules Hochgefühl. Hannes warf Fabian einen Stift an den Kopf:
„Du Loser! Ist doch klar, das bestimmt immer nur Herr Hauser!“
„Selber Loser!“ Fabian boxte heftig gegen Hannes Arm.
Jule seufzte und klappte das Lateinbuch mit einem lauten Knall zu. Beide Kinder erstarrten.
„Das ist mit euch manchmal schwer auszuhalten, aber damit ihr das Fach Latein bewältigt, müssen wir alle durchhalten, vieles erdulden oder hinnehmen und ihr müsst auch mit Herrn Hauser fertigwerden. Außerdem geht es auch um Bewältigung und darum, etwas zu überstehen“, sagte Jule streng. „Fällt euch etwas auf, bei dem, was ich euch grad gesagt habe?“
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.04.2026.
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Alarm im Hühnerstall "3"
von Brigitte Wenzel
Während sich „Lena“ im ersten Teil von „Alarm im Hühnerstall“ hauptsächlich mit der Frage beschäftigt: WANN-WO-WIE findet man Mr. oder Mrs. Right, lässt sie sich im zweiten Teil von Alarm im Hühnerstall von den alltäglichen Situationen leiten. Im dritten Teil lässt sie sich dann zu allem Wahnsinn auch noch auf Fußball ein – oje.
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