Die Ameise Elise krabbelte wieder einmal in einem vollen Abfallkorb herum, der auf einem Autobahnparkplatz stand und bis zum Rand mit allen möglichen Dingen vollgestopft war.
Schon am frühen Morgen hatte sie ihren Ameisenbau in einem kleinen Waldstück nahe einer belebten Autobahn verlassen, um nach Nahrung zu suchen, wie sie es immer tat.
Gerade war sie dabei, an einer alten Coladose herum zu suchen, als plötzlich jemand den Abfallkorb aus seiner Halterung nahm und den gesamten Inhalt auf die freie Ladefläche eines Fahrzeuges der Autobahnmeisterei kippte.
Elise war dabei von der Coladose herunter gefallen und hielt sich jetzt verzweifelt am vergilbten Blatt einer alten Zeitung fest, die ganz außen auf der Ladefläche des Fahrzeuges zu liegen gekommen war.
Es dauerte auch nicht lange, da wurde das Blatt vom heftigen Fahrtwind herunter geweht und landete gleich neben der Autobahn auf dem breiten Grünstreifen, wo es flatternd zwischen einigen Sträuchern hängen blieb.
Die Ameise Elise stellte traurig fest, dass sie plötzlich ganz alleine war und sich fern ihres Ameisenhaufens befand, den sie wohl nie wiedersehen würde, wie sie voller Entsetzen dachte. Eine leichte Panik kam deshalb in ihr hoch.
Trotzdem machte sich Elise entschlossen auf den Weg, um ihr Zuhause wiederzufinden. Sie wollte sich dabei auf ihre empfindlichen Sinne verlassen, die jede Ameise besaß, um sich auch in einer fremden Umgebung orientieren zu können.
Während sie so am Rand der stark befahrenen Autobahn mühsam entlang krabbelte, kam plötzlich ein Rabe angeflogen, der die Reste eines weggeworfenen Butterbrotes entdeckt hatte, das für ihn wohl eine willkommene Mahlzeit darstellte. Schon bald landete er geschickt direkt vor der Ameise und tat sich sofort am weichen Brot gütlich.
Als Elise den schwarzen Vogel sah, lief sie sogleich zu ihm hin und fragte ihn, ob er sie freundlicherweise zu ihrem Ameisenbau zurück bringen könne.
Der Rabe schaut zuerst verdutzt herum, wer da sprach, denn er hatte die Ameise gar nicht entdecken können wegen ihrer Winzigkeit und bemerkte sie erst auf den zweiten Blick.
Erstaunt fragte er sie: „Was machst du denn hier an der Autobahn, du kleine Ameise? Hast du denn keine Angst davor, vielleicht überfahren zu werden? Ich heiße übrigens Robin und wie ist dein Name?“
„Ich bin die Ameise Elise und habe mich total verirrt. Ich war gerade in einem Abfallkorb auf der Suche nach Nahrung, als der Müll plötzlich auf die Ladefläche eines Müllfahrzeuges geworfen wurde. Ich hielt mich verzweifelt an einem alten Zeitungsblatt fest, das kurz darauf vom Fahrtwind weg geweht wurde und neben der Autobahn in einem Gebüsch hängen blieb. Und nun versuche ich, allein und zu Fuß zu meinem Ameisenhaufen zurück zu finden, was natürlich sehr schwierig für mich ist, da ich ja nur eine kleine Ameise bin. Aber wenn du mich auf deinem Rücken mitnimmst, wäre ich bald wieder zu Hause und in Sicherheit. Was ist, lieber Robin, würdest du das für mich machen?“
Der Rabe schaute Elise verständnisvoll an und sagte dann zu ihr, dass sie an seinem rechten Bein hoch klettern solle, um sich oben auf seinem Rücken zu setzen. Sie müsse sich nur sehr gut an einer seiner kräftigen Federn festhalten, da sie sonst Gefahr laufe, im Flug wieder herunter zu fallen.
Als Elise hoch droben auf dem Rücken von Robin saß, erhob sich dieser auch schon nach wenigen Augenblicken in die Luft und flog nach den Angaben von Elise in Richtung des Ameisenbaues eines kleinen Waldstückes. Es dauerte auch nicht lange, da erblickte Elise ihren Ameisenhaufen und bat Robin, sie dort gleich daneben abzusetzen.
Robin landete etwas abseits von dem wimmelnden Haufen voller Ameisen. Dann verabschiedete er sich freundlich von Elise, die sich ganz artig bei dem netten Raben für seine Großzügigkeit bedankte.
„Ich hätte Tage dafür gebraucht, bis ich endlich da gewesen wäre. Du hast es in wenigen Minuten geschafft. Es muss wirklich toll sein, so ein guter Vogel wie du zu sein, Robin.“
„Na ja, alles hat seine Vor- und Nachteile, Elise. Aber es stimmt, wir Raben können weite Strecken in der Luft dort oben am blauen Himmel zurück legen. Wir sehen viel von der schönen Landschaft unter uns, die einfach atemberaubend ist. Manchmal fliegen wir auch mit einer ganz Schar von Raben einfach so herum, die alle meine Kollegen sind, krächzen dabei laut und freuen uns des Lebens. Wir haben viel Spaß miteinander. Ich habe dir sehr gerne geholfen und wünsche dir noch alles Gute, liebe Elise. Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder!“
Nach diesen Worten flog der Rabe Robin wieder los und war bald am fernen Horizont hinter einer dicken Wolke verschwunden.
Elise schaute ihm noch lange hinterher, drehte sich bald um und krabbelte danach frohen Mutes wieder zurück in ihren großen Ameisenhaufen, wo sie von den anderen Ameisen freundlich empfangen wurde. Man hatte Elise schon vermisst, ja, sogar schon aufgegeben. Aber Ende gut, alles gut.
Noch lange dachte Elise an den freundlichen Raben Robin zurück, denn ohne ihn hätte sie sie ihr schönes Zuhause bestimmt nicht so schnell wieder gefunden. Es hätte für sie nämlich auch viel schlimmer enden können, weil die Welt voller Gefahren ist, dachte Elise und verschwand dann tief im Innern des Ameisenbaues, wo es warm und gemütlich war.
(c)Heiwahoe
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.04.2026.
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FREUDE - Das dichterische Werk 2002 - 2006. Freude beim Lesen
von Manfred H. Freude
Gedichte Edition. Manfred H. Freude, geboren in Aachen, lebt und arbeitet in Aachen. Erste Gedichte 1968. Er debütierte 2005 mit seinem Gedichtband: Alles Gedichte – Keine Genichte. Weitere Gedichte und Essays in verschiedenen Anthologien, Zeitschriften; Prosa und Lyrik im Rundfunk und in weiteren sechs Gedichtbänden. 2007 wurde eines seiner Dramen mit dem Titel: Im Spiegel der Ideale aufgeführt; 2008 sein Vorspiel zum Theaterstück: Faust-Arbeitswelten. Sein letzter Gedichtband heißt: Vom Hörensagen und Draufsätzen. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Anerkennungen. Er studiert an der RWTH Aachen Literatur, Kunst und Philosophie.
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