Andrea Renk

Begegnungen

 

 

Sie waren zwei Frauen wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Kennen gelernt hatten sie sich ganz ungewöhnlich und unter unguten Vorzeichen auf einer Einkaufsstraße.

Claire wurde beim bummeln unsanft von jemanden angerempelt. Und wenn sie irgendetwas nicht leiden konnte, dann waren das unachtsame Menschen.

 
Sophie war mal wieder total im Stress. Die Zeit saß ihr wieder mal im Nacken. Warum, fragte sie sich zum x- male, lege ich mir immer wieder so enge Termine? Ich weiß doch schon immer vorher, das ich mich dann so furchtbar abhetzen muss. Aber andererseits brauchte sie jeden Cent für die kleine Eigentumswohnung die sie sich gerade erst gekauft hatte.

Claire dagegen hatte keine Eile. Sie konnte ihren Tag jeden Morgen so gestalten, wie sie es gerade wollte. Sie hatte das große Glück, mit 47 Jahren schon ausgesorgt zu haben. Das hatte sie nicht nur ihrem wohlhabenden Mann zu verdanken. Sie hatte bis vor einigen Jahren ein sehr gut gehendes Restaurant. Da konnte sie sich ein gutes Polster zu Seite legen.


Claire rappelte sich verärgert auf. Der Zusammenstoss mit diesem furchtbar unachtsamen Menschen hatte sie fast umgeworfen. Was war das eigentlich für eine Person?

Sie drehte sich um und wollte gerade anfangen ein paar heftige Bemerkungen loszulassen.

Da sah sie vor sich ein junges Ding stehen. Völlig aus der Puste und mit entschuldigendem Blick. „ Sorry, war nicht gewollt, aber ich war.........“Dann verstummte sie und die Frauen sahen sich an.

Sophie gewann als erste wieder die Fassung. „ Hallo ich bin Sophie und eigentlich sehr in Eile. Deshalb hab ich sie auch angerempelt. Kann ich das mit einer Einladung zum Kaffee wieder gut machen?“

Sie gab Claire ihre Visitenkarte und verabschiedete sich mit der Entschuldigung, dass der Termin sehr wichtig sei.

 

Jetzt stand Claire mit der Karte in der Hand immer noch an der selben Stelle, hatte bisher noch kein Wort erwidert und schaute Sophie nach.

Diese war schon längst um alle Ecken. Sie schaute auf die Karte. Sophie Wagner stand da, Kostümbildnerin und Schneiderin. Aber was es war, was Claire so aus dem Gleichgewicht und vor allem zum Verstummen brachte, dass stand nicht auf der Karte.

Und wenn sie es sich jetzt so überlegte, musste sie einen ziemlich platten Eindruck bei dieser Sophie hinterlassen haben. Schließlich hatte sie kein Wort gesagt und sie nur angestarrt.

 

Also eines stand fest, sie würde bestimmt nicht des Kaffees wegen anrufen. Das hatte sie ja auch abgesehen davon, gar nicht nötig. Sie steckte die Karte aber dennoch in die Manteltasche und setzte ihren Weg fort.

 

Sophie indes jagte zu Ihrem Termin. Hoffentlich waren die vom Theater nicht allzu erbost, aber es war ja diesmal nur eine halbe Stunde Verspätung.

Diese Frau ging Ihr nicht aus dem Sinn. Sie muss doch einiges älter gewesen ein als sie. Sophie war 29 Jahre alt. Sie hatte ein einigermaßen geregeltes Leben, viel Arbeit und wenig Zeit für ihren Freund. Aber manchmal dachte sie sich, war ihr die Liebe eh nicht so wichtig oder war es nur nicht der Richtige?

 

Sie dachte an die Frau die sie angerempelt hatte. Sie schätzte sie ca. 10 Jahre älter. Und an Ihren Kleidern sah man, dass sie wohl keine finanziellen Probleme hatte. Aber irgendetwas hatte sie berührt  bei dieser Frau. Ob sie wohl anrufen würde?

Zwei Wochen vergingen in denen nichts passierte.
Sophie dachte mittlerweile gar nicht mehr an den Zusammenstoß. Da diese Frau in den ersten Tagen nicht anrief, dachte sie sich, das es sich wohl erledigt hatte.

 

Aber Claire hatte sie keineswegs vergessen. Sie hatte die Visitenkarte zuhause wieder aus der Manteltasche gefischt und überlegte sich nun was sie machen sollte. Irgendetwas hatte sie gefesselt bei der jungen Frau, hatte sie neugierig gemacht. Aber was sollte sie mit so einem jungen Ding schon anfangen. Oder umgekehrt das junge Ding mit ihr.

 

Dann klingelte bei Sophie das Telefon. Claire hatte sich nun doch dazu durchgerungen, Sophie anzurufen. Sie musste immer an die Begegnung denken und hatte sich doch dem Wunsch ergeben, Sophie kennen zulernen.

 

So wusste sie erst gar nichts damit anzufangen, als sich eine fremde Frau bei ihr meldete und mit Ihr einen Kaffee trinken gehen wollte. Bis es Ihr auf einmal wieder einfiel.

Irgendwie freute sie sich und sie verabredeten sich gleich für den nächsten Tag.

 

Sie trafen sich in einem kleinen gemütlichen Kaffee in der Stadt. Es war 16.00 Uhr und Sophie war als erste im Kaffee.

Da kam Claire. Sie hatte eines Ihrer besten Kostüme angezogen. Schließlich sollte dieses junge Ding gleich wissen, das sie es nicht mit irgendjemand zu tun hatte. Und das Sophie die Kleidung einschätzen konnte, davon ging sie aus.

Sie machten sich miteinander bekannt und Sophie war etwas erstaunt, das Claire auch hier diese kühle Distanz hatte wie an dem Tag, an dem sie zusammengestoßen waren. Sie dachte das wäre nur aus Überraschung so gewesen.

 

Nachdem sie sich beide etwas zu trinken bestellt hatten, kamen sie dann doch ins Gespräch obwohl der Anfang etwas schwer fiel. Beide erzählten sich etwas über ihr Leben. Und so erfuhr Claire von Sophies ausgefüllten und arbeitsreichen Tagen und Sophie hatte bald den Eindruck, das es Claire zwar im Großen und Ganzen gut ging, aber das sie sich manchmal sehr langweilte. Irgendwie hatte sie keine rechte Aufgabe. Und das machte sie manchmal ganz schön mürrisch. Das sagte sie zwar selbst nicht, aber Sophie hatte das schnell bemerkt.

Schon bald hatten sie sich in das Thema der Mode und Schneiderei vertieft und man merkte Claire an, das sie neugierig war, mehr davon zu erfahren.

Sophie bot ihr an, sie mit nach Hause zu nehmen und ihr ein paar ihrer schönsten Stücke zu zeigen.

 

Ziemlich schnell standen sie vor dem Kleiderschrank und wühlten hemmungslos darin herum. Claire konnte sogar richtig ausgelassen sein, das traute man ihr auf den ersten Blick gar nicht zu.

Claire war maßlos begeistert von den schönen Dingen die Sophie gezaubert hatte. Und es dauerte nicht lange und sie probierte einige Sachen von Sophies Kleiderschatz aus.

 

Es wurde ruhig auf einmal als die zwei Frauen nebeneinander vor dem Spiegel standen. Claire hatte nur noch ihre Unterwäsche an und Sophie stand neben ihr, schaute sie an und ein seltsamen Gefühl beschlich sie. Es war fast schon Verlangen. Noch nie hatte sie sich zu einer anderen Frau hingezogen gefühlt. Aber irgendetwas hatte Claire an sich was sie faszinierte.

Sophie strich ihr leicht über den Arm und es war so als bliebe die Zeit stehen.
Nicht zu wissen wie sie beide darauf reagierten, aber dennoch oder trotzdem seinen Gefühlen zu folgen....das war wie ein Abenteuer.

Claire lies es sich gefallen. Im Gegenteil Sophie hatte den Eindruck das es ihr auch gefiel. So wurde sie mutiger und erkundete Claire´s Körper.  Es war wie eine faszinierende Reise, die Rundungen einer anderen Frau zu erkunden und Sophie war erstaunt wie viel Lust es ihr bereitete.

Es dauerte nicht lange und sie hatten sich beide ihrer letzten Kleider erledigt und waren auf dem Bett liegend ihrer Lust ergeben. Die Zärtlichkeit die beide empfanden war mit nichts zu vergleichen was sie kannten und endete im Gipfel der Lust.

 

Dann war es als würden beide wie aus Trance erwachen. Ihnen war auf einen Schlag klar, was  da eben geschehen war. Und Scham befiel sie. Es war ihnen beiden sichtlich peinlich. Und keine konnte der anderen in die Augen schauen. Was sollte man jetzt bloß sagen? Da war guter Rat teuer, zumal sich beide nicht recht trauten.

Sophie drehte sich zu Claire um. Sie war die erste die diese peinliche Stille nicht mehr ertragen konnte.

„Claire es war wunderschön. Und ich denke wir haben keinen Grund uns dafür zu schämen, nur weil wir uns der Lust hingegeben haben. Wenn es dir möglich ist dann lass uns Freunde werden. Auch wenn diese Sache hier keine Fortsetzung hat, würde ich doch gerne deine Freundschaft erleben.“

Claire war erleichtert. Das war ja auch genau das was sie wollte. Schließlich hatte sie Sophie in den wenigen Stunden sehr zu schätzen gelernt durch das was sie machte.

 

Als sie dann auseinander gingen hatten sie beide das Gefühl einen wertvolle Freundin gefunden zu haben.

 

 

a.r. © 12.01.2004

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.01.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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